Hitzewelle in der Stadt
/ 27. Juni 2022

Im August 2003 starben in Frankreich mehr als 15.000 Menschen an den Folgen einer Hitzewelle. Das Land war damals schlecht vorbereitet, der damalige Präsident Jacques Chirac beendete seinen Kanada-Urlaub erst Tage nach der Katastrophe. Doch Frankreich hat aus seinen Fehlern gelernt. Der Hitzenotfallplan „Plan Canicule“ ist mittlerweile internationales Vorbild. In Wien gibt es erst seit diesem Jahr einen Hitzeaktionsplan. Wie gut ist die Stadt damit aufgestellt? Kann Wien von Frankreich lernen?
 

Die tödliche Hitze kam heuer so früh wie noch nie zuvor. Über 40 Grad wurden Mitte Juni in Teilen Frankreichs und Spanien gemessen. Wälder brannten, Dörfer wurden evakuiert, Veranstaltungen abgesagt. Italien erlebt gerade die schlimmste Dürre seit 70 Jahren. In Österreich wurde angesichts der unüblich hohen Temperaturen das Hitzetelefon wieder in Betrieb genommen.

All das sei ein Resultat der Klimakrise, wie die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) bestätigt. In Zukunft werden solche Hitzewellen noch häufiger und intensiver ausfallen – und damit auch tödlicher. In Frankreich gibt es deshalb seit der Hitzekatastrophe von 2003 einen nationalen Notfallplan, den Plan Canicule. Die erste Stufe (Grün) des Plans gilt automatisch in der Hitze-Saison von Anfang Juni bis Mitte September. Aber schon die erste Hitzewelle des Jahres brachte gleich mehrere Départements (ähnlich wie Bezirke) auf Rot.

„Hitze ist ein unterschätztes Gesundheitsrisiko“

Im Katastrophenjahr 2003 sind in Wien 130 Menschen an den Folgen der Hitzewelle verstorben. Dreimal mehr Menschen, als im selben Jahr im Straßenverkehr ums Leben kamen. Europaweit wurden 70.000 Todesfälle gemeldet. Auch die Hitzesommer 2018 und 2019 führten österreichweit zu hunderten Todesfällen. Das sei aber nur die Spitze des Eisbergs, erklärt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter gegenüber MOMENT: „Hitze ist nach wie vor ein unterschätztes Gesundheitsrisiko. Egal wie fit man ist, die Leistungsfähigkeit leidet auf jeden Fall.“

 

Von einer Hitzewelle spricht man, wenn die Temperaturen über mehr als drei Tage hinweg über 30 Grad liegen. Je länger eine Welle dauert, je heißer, windstiller und feuchter die Luft ist, desto stärker wird das Herz-Kreislauf-System belastet. Hinzu kommen sogenannte Tropennächte, in denen die Temperaturen nie unter 20 Grad fallen. Der Körper kann sich in dieser Zeit auch nachts kaum erholen.

Die Folge sind Krämpfe, Übelkeit und Schwindel bis hin zum lebensbedrohlichen Hitzschlag. Aber auch die psychische Gesundheit leidet unter der Hitze. „Die Menschen werden ängstlicher, aggressiver, entwickeln depressive Symptome und die allgemeine Hilfsbereitschaft nimmt ab“, sagt Hutter.

Besonders gefährdet seien Menschen mit gesundheitlichen Vorbelastungen, obdachlose Menschen, die sich vor der Hitze nicht schützen können, sowie ältere Menschen und Kleinkinder. Letztere beide können nicht so gut schwitzen, ihren Körper nicht ausreichend herunterkühlen. Aber auch der soziale Status spiele eine Rolle. In den Gebieten Wiens, die sich besonders stark aufheizen (sogenannte Hitzeinseln), wohnen überwiegend Menschen mit geringem Einkommen. Ihre Wohnungen sind gegen die Hitze nicht gerüstet. Dort übersteht sich eine Hitzewelle ungleich schwerer.

Hitzewelle: Großer Schaden, viele Tote

Auf diese stärker gefährdeten Menschen soll der kürzlich veröffentlichte “Wiener Hitzeaktionsplan“ besondere Rücksicht nehmen. 13 der 28 Maßnahmen zielen auf sie ab. Vor allem mit Informationen und Schulungen, aber auch mit Hitzestandards am Arbeitsplatz, zusätzlichen Trinkbrunnen, Sprühnebel und einem Hitzewarnsystem will man das für Wien prognostizierte Worst-Case-Szenario verhindern: 1.111 Hitzetote jährlich im Jahr 2030, 2.600 in 2050 und bis zu 3.800 Todesfälle in 2100.

Die zugrundeliegende Studie der Universität Graz schätzt zudem die Kosten des Nicht-Handelns gegen die folgenschwere Erderhitzung: Bis 2030 müsste Wien ohne zusätzliche Anpassungsmaßnahmen mit einem Schaden von bis zu einer Milliarde Euro jährlich rechnen. Der Schaden könnte sich bis 2050 sogar fast verdreifachen. Eine aktualisierte Version der Studie rechnet sogar mit jährlichen Schäden von 15 bis 20 Milliarden Euro für ganz Österreich.

"Wir müssen da viel mehr tun"

Wie viel Geld die Stadt angesichts dessen für den Hitzeaktionsplan in die Hand nimmt, kann noch nicht abgeschätzt werden. Aus dem Büro von Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) heißt es lediglich, dass der erste sogenannte „Coolspot“ im Esterházypark rund 150.000 Euro gekostet habe. Weitere seien bereits in Planung, sie könnten dann wesentlich günstiger realisiert werden. Der „Coolspot“ wird neben anderen Erfrischungsorten wie Parks, Nebelduschen und Badeplätzen in der „Cooles Wien“-App aufgelistet. Allerdings lässt sich diese derzeit nicht öffnen.

„Wenn man die Ausgaben der Stadt Wien mit den Schäden, Verletzten und Toten vergleicht, wird klar, dass wir da viel mehr tun müssen“, bemängelt unterdessen der Meteorologe und Stadtklimatologe Simon Tschannett im Gespräch mit MOMENT. Dennoch sei der Wiener Hitzeaktionsplan zumindest ein erster, wichtiger Schritt.

Viel zu lange habe man gewartet – obwohl Wien zu den hitzeanfälligsten Städten Europas zählt. Selbst wenn wir das 1,5-Grad-Limit des Pariser Klimaabkommens nicht überschreiten, könnte es hier 2050 so heiß wie im viel südlicher gelegenen Skopje werden. Die Hitzeperioden könnten dann doppelt so lange wie heute andauern, samt den zuvor beschriebenen Folgen. Und das wäre noch ein optimistisches Szenario, denn derzeit steuern wir auf eine 2,7 Grad heißere Welt zu.

Gefährliche Hitzewelle: „Alles wird auf Eigenverantwortung geschoben“

Auch Hans-Peter Hutter, der als Gesundheitsexperte am Wiener Hitzeaktionsplan beteiligt ist, kann dem Plan viel abgewinnen. Im Ernstfall greifen dank diesem eine Reihe kommunikativer Maßnahmen: Zuerst warnt die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) die Institutionen der Stadt Wien vor drohenden Hitzebelastungen. Diese treffen anschließend „konkrete Maßnahmen in ihrem jeweiligen Wirkungsbereich“, wie das Büro des Klimastadtrats erklärt.

So wird unter anderem über die „Stadt Wien“-App mittels Push-Benachrichtigung gewarnt. Die Maßnahmen sollen der Wiener Bevölkerung ermöglichen, sich frühzeitig vorzubereiten. Welche anderen, nicht-kommunikativen Maßnahmen im Ernstfall getroffen werden, wurde von der Stadt Wien aber nicht beantwortet.

„So wie bei der Pandemie wird alles auf Eigenverantwortung geschoben“, kritisiert Simon Tschannett das Vorgehen der Stadt. Man müsse den Plan weiter ausarbeiten und die Kompetenzen der Verantwortlichen erweitern. Die Stadt Wien könne zwar beispielsweise ihren eigenen Mitarbeiter:innen an die Hitze angepasste Arbeitszeiten ermöglichen, alle anderen Beschäftigten müssen sich aber an die Vorgaben ihrer Arbeitgeber:innen halten. „Von der Hitze sind alle betroffen. Deshalb braucht es klare Regelungen, was zu tun ist“, fordert Tschannett. Der österreichische Föderalismus sei hier eine große Schwäche. Es gibt zwar einen gesamtstaatlichen Hitzeschutzplan, für konkrete Maßnahmen sind aber die Bundesländer selbst verantwortlich. Und in zwei von neun – Salzburg und Burgenland – fehlt ein Hitzeschutzplan noch immer.

Ob die Stadt Wien entsprechend nachbessern wird, könnte sich im Herbst dieses Jahres zeigen. Dann wird der Plan zum ersten Mal evaluiert und bis zum Frühjahr überarbeitet. Ein Prozedere, das jedes Jahr stattfinden soll.

Hitzenotfallplan: Was Wien von Frankreich lernen kann

Wer nach weitreichenden Kompetenzen und klaren Regelungen sucht, wird unterdessen in Frankreich fündig. Dort gibt es in jedem der Départements eine Person, die bei einem Hitzenotfall verantwortlich ist. Es gibt klare Anforderungen an öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser: Etwa, dass zumindest ein Raum zur Abkühlung verfügbar sein muss. Sportveranstaltungen und Prüfungen werden schon bei Warnstufe 3 (Orange) abgesagt. Museen öffnen in ganz Frankreich gratis ihre Türen, damit sich die Menschen dort abkühlen können. Und bei Warnstufe 4 (Rot) wird ein nationaler Krisenstab eingesetzt. Dieser verfügt über weitreichende Kompetenzen. Er soll eine „maximale Mobilisierung und Koordinierung der staatlichen Reaktion“ ermöglichen.

Außerdem führt jedes Département eine Liste mit besonders gefährdeten Personen, die während einer Hitzewelle telefonisch benachrichtigt, manchmal besucht und im Ernstfall evakuiert werden. So wird sichergestellt, dass auch ältere, alleinlebende Menschen nicht vergessen werden.

Auch in Wien wird über solche Listen nachgedacht. Allerdings soll dies von Ärztinnen und Ärzten übernommen werden. Diese sind aber ohnehin schon durch die Corona-Pandemie an den Grenzen der Belastbarkeit. Hans-Peter Hutter sieht deshalb die Nachbarschaftshilfe gefordert. Rollos herunterlassen und ein Krug mit Wasser würden manchmal schon reichen. Auch im Wiener Hitzeaktionsplan wird die Ausweitung der Nachbarschaftshilfe angestrebt. Hutter befürchtet aber, dass die Solidarität durch die Anonymität der Stadt eher endend wollend ist.

Tipps bei Hitzewelle: Viel trinken und duschen - aber nicht zu kalt

Am besten könne man sich jedenfalls vor einer Hitzewelle schützen, indem man die Hitze gar nicht erst in die Wohnung lässt. Vorhänge zu, verdunkeln, Lüften nur in den Morgen- und Abendstunden. Dazwischen bloß kurz. Außerdem sollte man viel trinken, leichtere Speisen essen und kalt duschen – aber nicht zu kalt. „Sonst muss der Körper zusätzlich Energie aufwenden, um wieder auf Normaltemperatur zu kommen“, sagt Hutter. Auch Fußbäder und feuchte Tücher für den Nacken seien hilfreich.
Langfristig wird es darauf ankommen, ob die geplanten Maßnahmen der Stadt Wien auch entsprechend umgesetzt werden.

Wo du dich bei einer Hitzewelle informieren kannst:

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