Zu sehen ist Martina Gollner im Portraitfoto, sie hat rosa Haare und lächelt

Menschen werden oft auf ihre Behinderung reduziert, sagt Martina.

Foto: Martina Gollner

/ 8. April 2022

Martina Gollner, 40, ist Sozialarbeiterin - und hat eine Sehbehinderung. Für die Serie "Was ich wirklich denke" erzählt sie, warum sie ihre Behinderung manchmal versteckt und spricht darüber, wie viel Platz ihre Behinderung in den Köpfen anderer einnimmt.

 

Ich bin hochgradig sehbehindert geboren, ich kenne es also nicht anders. Das Bild ist vollständig da, allerdings sehe ich ab einer gewissen Distanz nur verschwommen. Weil keine Brille das ausgleichen kann, bin ich sehbehindert und nicht fehlsichtig. Im Alltag heißt das zum Beispiel, dass ich das Straßenschild auf der anderen Seite der Kreuzung nicht lesen kann. Wenn ich lese, muss ich sehr nah heran, damit das Bild scharf wird. Die U-Bahn-Linien in Wien merke ich mir nur anhand der Farben. Ich weiß, wohin die grüne Linie fährt, aber kann aus dem Stand nicht sagen, welche Nummer sie hat.

Das Verkehrsnetz ist auch der Grund, aus dem ich nach Wien gezogen bin. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in der Steiermark. Aufgrund meiner Sehbehinderung darf ich nicht Autofahren. Mir war schnell klar, dass ich nicht immer darauf angewiesen sein will, dass mich jemand mit dem Auto hin- und herbringt. So kann ich nicht leben. Ich will auf niemanden angewiesen sein.

Martina kann ihre Behinderung verstecken, wenn sie möchte - tut das aber immer seltener

Foto: Martina Gollner

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln komme ich in Wien überall hin, das ist eine Erleichterung. Aber ich habe unterwegs auch schon unangenehme Situationen erlebt. Zum Beispiel, wenn ich in der Straßenbahn etwas lese und mir jemand ungefragt den Ratschlag gibt, ich solle mir eine bessere Brille besorgen. Mich haben auch schon Jugendliche ausgelacht und nachgemacht. Ich weiß bis heute nicht, wie ich auf so etwas reagieren soll.

Wenn ich möchte, kann ich meine Behinderung verstecken

Wenn ich einen schlechten Tag habe und weiß, ich will mich diesen diskriminierenden Reaktionen nicht aussetzen, dann lasse ich Buch und Handy in der Tasche. Wenn ich möchte, kann ich meine Behinderung verstecken. Früher habe ich das oft gemacht, mittlerweile ist es mir zum Glück eher egal, was andere denken.

Manche haben dieses Privileg aber nicht. Wenn ich auf den Rollstuhl angewiesen bin, dann kann ich mich nicht spontan entscheiden, ihn heute zu Hause zu lassen. Menschen mit Behinderung werden oft auf genau das reduziert: ihre Behinderung. Die Behinderung ist nur ein Teil meines Lebens. Ich arbeite auch als Sozialarbeiterin für die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs. Außerdem berate ich selbstständig Veranstalter und Veranstalterinnen darin, ihre Events möglichst Barriere-arm zu gestalten.

Ich werde auf meine Behinderung reduziert

Dennoch ist die Behinderung nicht die eine Sache, die mich ausmacht. Sie nimmt aber in den Köpfen der anderen so viel Raum ein, dass sich etwa die Frage nach dem Geschlecht kaum stellt. Manchmal kommt mir vor, Menschen mit Behinderungen werden als asexuelle, anonyme Masse ohne Geschlecht wahrgenommen. Dabei erlebe ich die Welt nicht als Person mit Behinderung, sondern eben als Frau mit Behinderung. Das macht einen Unterschied.

Dass wir auf diese eine Eigenschaft reduziert werden, liegt wohl an den allgemeinen Berührungsängsten gegenüber Menschen mit Behinderungen. Ich glaube, Behinderungen erinnern uns daran, wie verletzlich der menschliche Körper ist. Sie können alle jederzeit treffen. Sei es durch einen Unfall, eine Krankheit oder einfach durchs Altern. Dieser Gedanke kann unangenehm sein.

Deshalb wäre es doch besser, wenn wir uns auch mehr mit den unangenehmen Seiten des Lebens auseinandersetzen würden. Das ist die Chance, die Angst vor dem eigenen Altern oder einer Behinderung zu verlieren. Damit reduzieren wir auch die Vorurteile und Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderungen.

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