Kate Raworth

Kate Raworth in Wien. // Foto: Andreas Bachmann.

/ Andreas Bachmann
/ 15. November

Die britische Ökonomin Kate Raworth fordert eine radikale Neuordnung der Wirtschaft! Ihr Ansatz: Ökologie und Ökonomie dürfen nicht gegeneinander, sondern müssen miteinander arbeiten.

"Manche sagen: 'Klimawandel, Welthunger, das ist alles sehr traurig. Unsere Aufgabe aber ist es Geschäfte zu machen.' Dafür ist kein Platz mehr", sagt sie im Interview mit Moment und fragt: "Warum glauben wir, dass wir Volkswirtschaften aufbauen können, die auf einem empfindlichen und fein ausbalancierten Planeten immer weiter wachsen?"

 

Moment: Was läuft falsch in der heutigen Wirtschaft?

Kate Raworth: Unsere Art zu wirtschaften, führt zum Scheitern. Es beginnt an Tag eins damit, die Bedürfnisse des Marktes zu befriedigen. Als wolle man sagen: Willkommen in der Wirtschaft. Der Markt ist die Wirtschaft. Wir predigen die Geschichte vom rational wirtschaftenden Menschen, dem es nur um seine eigenen Interessen im Wettbewerb mit anderen geht. Das Problem daran ist, dass je mehr Menschen dieses Modell gelehrt bekommen, desto höher rangieren bei ihnen auch Eigeninteresse und Konkurrenzkampf anstelle von Selbstlosigkeit und Zusammenarbeit. Aber wir können auch anders. SozialwissenschaftlerInnen haben herausgefunden, dass wir Menschen das am meisten gemeinschaftsorientierte Wesen des Planeten sind.


Moment: Warum führt das Modell zu unserem Scheitern?

Raworth: Wir definieren Fortschritt als ein nie endendes Wachstum. Drei Prozent bitte und das Jahr für Jahr. Diese Kurve steigt bis an die Decke. Das war normal im 20. Jahrhundert. Das BIP ist noch nicht einmal ein Jahrhundert alt, es wurde in den 1930er Jahren entwickelt. Die Natur hingegen entwickelt sich seit 3,6 Milliarden Jahren und ihre Entwicklung verläuft in einer S-Kurve. Nichts in der Natur wächst für immer. Würden meine Kinder immer weiter wachsen, würden sie irgendwann nicht mehr an meinem Küchentisch Platz nehmen können. Warum glauben wir, dass wir Volkswirtschaften aufbauen können, die auf einem empfindlich und fein ausbalancierten Planeten immer weiter wachsen? Es ist verrückt: Man kann kaum einen Politiker finden, der aufstehen und dieses System verteidigen wird. Jeder weiß, dass das BIP das falsche Maß ist, um Fortschritt zu bewerten. Aber sie werden es noch immer weiterverwenden, weil alle anderen es auch tun. Und wenn alle anderen es tun, dann fordert dich niemand auf, zu rechtfertigen, warum du diese Zahlen benutzt.


Moment: Warum sind Zahlen wie das BIP nicht die richtigen, um Fortschritt und Wohlergehen von Nationen zu bewerten?

Raworth: Das BIP ist ein Maß für den finanziellen und monetären Wert von Waren und Dienstleistungen, die in einer Volkswirtschaft pro Jahr verkauft werden. Aber es sagt nichts darüber aus, was verkauft wird und ob das gut oder schlecht ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Meine Kinder kommen zu mir und sagen: Mama, haben wir einen Flohmarkt vor dem Haus gemacht und 100 Pfund eingenommen. Ich sage: Fantastisch! Was habt ihr verkauft? Naja, unser kleines Brüderchen!

Es ist auch wichtig, was wir verkaufen. Das BIP erzeugen und erhöhen wir damit, indem wir fossile Rohstoffe verbrennen. Wir erhöhen es, indem wir die Menschen ermutigen, neue Autos zu kaufen und darin herumzufahren. Aber vieles von dem, was das Leben lebenswert macht, wird vom BIP überhaupt nicht erfasst.

Wir haben Gesellschaften geschaffen, die strukturell von endlosem Wachstum abhängig sind.

Moment: Wie formen Zahlen wie das BIP und das damit verbundene Mantra des ewigen Wachstums unser Denken und Handeln?

Raworth: Alles beginnt mit dem Markt, mit Angebot, Nachfrage und Preis. Der Preis ist die Kennzahl der wirtschaftlichen Analyse. Wir denken also, Ökonomie sei eine Wissenschaft über monetären Wert. Das ist eine große Vermutung. Wir denken: Erfolg der Märkte heißt, dass wir mehr verkaufen. Wir haben Gesellschaften geschaffen, die strukturell von endlosem Wachstum abhängig sind. Schließlich kommen wir zu der Ansicht, dass Wachstum der natürliche Zustand des Seins ist: Volkswirtschaften würden und sollten endlos wachsen. Wir leben in Ländern mit den höchsten Einkommen, die es je gab. Und Politiker und Ökonomen sind der Meinung, dass die Lösung der damit geschaffenen Probleme in noch mehr Wachstum liegt. Das ist Sucht nach dem Markt.

Die Donut Ökonomie

Visualisierung des Donutmodells von Kate Raworth mit deutschen Beschriftungen. Urheber: Apfelsamen

Moment: Seit wann wissen wir, dass unsere Art zu wirtschaften zur Klimakrise und zu Ungleichheit führt, wie Sie schreiben?

Raworth: Schon In den 1960er Jahren schrieb Rachel Carson das Buch "Silent Spring". Darin wird beschrieben, wie in der industrialisierten Landwirtschaft eingesetzte Pestizide Organismen und die Umwelt schädigen. Der Club of Rome veröffentlichte 1972 den Bericht "Die Grenzen des Wachstums". Das war der Meilenstein: Jeder, der es wissen wollte, konnte es von nun an wissen. Das hat Mainstream-ÖkonomInnen, PolitikerInnen und die Wirtschaft extrem herausgefordert. LobbyistInnen wendeten viel Energie dafür auf, diese Arbeit zu diskreditieren und die Leute denken zu lassen, dass sie Unsinn sei. Was ich in der Donut-Ökonomie tue, ist nicht neu. Aber die Ideen sind so bedrohlich für neoliberale Köpfe und Geschäftsinteressen, dass Thinktanks, Lobbygruppen und Professuren ins Leben gerufen worden, um diese Ideen zu diskreditieren und zu verhindern, dass sie umgesetzt werden.


Moment: Sie schlagen als Gegenmodell die sogenannte Donut-Ökonomie vor. Was steckt dahinter?

Raworth: Es gründet sich auf den Prinzipien der Menschenrechte: Wir wollen sicherstellen, dass jeder auf der Welt genug zu essen hat, eine gesicherte Gesundheitsfürsorge, ein Dach über den Kopf, dass er Teil einer Gemeinschaft sein kann und sich politisch in eine Gesellschaft einbringen kann, in der die Geschlechter gleichberechtigt sind. Aber wir müssen dies im Rahmen der Ressourcen unseres Planeten tun. Unser Wohlbefinden hängt von einem stabilen Klima ab. Der problematische Kern unseres Wirtschaftssystems ist, dass es nur nach einem Ziel strebt: Den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden. Das hatte gute Gründe zu seiner Zeit. Aber inzwischen wissen wir, dass wir damit die Grundlagen für Leben bedrohen, die unser Planet uns bereitstellt. Wir wissen zu viel, um einfach so weiterzumachen.

Die Flüchtlingskrise hat noch nicht einmal begonnen.

Moment: Sie fordern eine stärkere Umverteilung des Reichtums, um Ungleichheiten zu bekämpfen. Warum ist es denn für ein Ressourcen schonendes Wirtschaftsmodell überhaupt wichtig, Vermögensungleichheit abzumildern?

Raworth: Es ist wichtig, weil im Moment das eine, reichste Prozent die Hälfte des Reichtums der Welt besitzen. Ein Drittel der Menschen haben keinen Zugang zu Toiletten. Elf Prozent der Menschen haben nicht genug Nahrung, neun Prozent haben kein sauberes Trinkwasser. Jetzt können Sie natürlich sagen: Okay, das ist halt so! Aber diese Menschen werden bald nicht mehr in den Ländern leben können, in denen sie jetzt sind. Denn dort wird es bald sechs Monate im Jahr Temperaturen von mehr als 50 Grad geben. Sie werden hierherkommen und hier leben wollen. Die Flüchtlingskrise hat noch nicht einmal begonnen. Wenn wir sagen, dass Menschen vor allem im eigenen Interesse handeln, dann müssen wir ein starkes Eigeninteresse daran haben, dass die Menschen in den Ländern leben können, in denen sie geboren sind.


Moment: Sie schreiben, wir bräuchten eine neue Form der Umverteilung. Wie soll die aussehen?

Raworth: Umverteilung, wie sie jetzt gemacht wird, ist ein Konzept des 20. Jahrhunderts. Wir haben die großen Ungleichheiten akzeptiert, die die zentralisierten Industrien aufgebaut haben. Danach müssen wir nur von den Reichen zu den Armen umverteilen und es gleicht sich wieder aus. Jetzt gibt es eine Gelegenheit, tiefer zu gehen und nicht nur darüber zu reden, wie wir erzieltes Einkommen umverteilen. Sondern darüber, wie wir den Reichtum schon davor verteilen. Wir müssen fragen: Wem gehört das Land? Wem gehören die Häuser, in denen wir leben? Wer ist in der Lage, Energie und Waren zu produzieren? Wem gehören die Ideen dafür?

Moment: Umverteilung von Boden und Produktionsmitteln? Das klingt nach Kommunismus?

Raworth: Wirklich? Sie könnten es auch Anarchie nennen. Es wird nicht von einer umverteilenden Regierung geführt. Es ist von Technologie geleitet. Die Technologien des 20. Jahrhunderts waren allein von ihrem Konzept her extrem zentralisiert. Wer Energie aus Öl, Gas und Kohle erzeugt, muss viel Kapital aufbringen und steht unter Kontrolle des Kapitals. Heute kann ich ein Solarmodul auf meinem Dach anbringen und werde selbst zum Stromproduzenten. Das kann sogar eine Einkommensquelle für mich sein. Da gibt es keinen Kommunismus, da gibt es keinen Staat, der das macht. Wir brauchen den Staat nur dafür, dass er die rechtlichen Rahmenbedingungen schafft, diesen Strom ins Netz einspeisen zu können. Das ist kein Kommunismus. Es ist das Gegenteil! Denn im Kommunismus musste der Staat alles besitzen und kontrollieren.

Die Regierungen wachen auf und erkennen, dass wir die Rahmenbedingungen ändern müssen

Moment: Und wie können Menschen und Unternehmen dazu gebracht werden, nicht nur auf ihren finanziellen Ertrag zu schauen?

Raworth: Ich habe Hunderte von Gesprächen mit Unternehmern geführt, von Drei-Personen-Startups bis hin zu Fortune-500-Unternehmen. Ich zeige ihnen den Donut und sehe, wie sie reagieren. Die geringste Reaktion ist die Milton Friedman-Geschichte. Zu sagen: "Ja, das ist alles sehr traurig, dass die Leute nicht genug zu essen bekommen und wir den Klimawandel haben. Aber unsere Aufgabe ist es, Geschäfte zu machen." Für diese Sicht ist kein Platz mehr. Sie existiert immer noch, aber der moralische Grund, auf dem sie steht, bröckelt.

Auf der anderen Seite sagen Unternehmen: "Das ist unser Ding. Wir werden die Emissionen bis 2030 auf Null senken!" Es gibt Firmen, die existieren nur dafür. Sie wollen Gesundheitsversorgung in Kenia gewährleisten. Sie wollen Kohlenstoff aus der Atmosphäre holen. Und es geht auch um die Art, wie Unternehmen finanziert werden. Investoren können sagen, wir geben dir Geld, schauen auf die Quartalsberichte und wenn du nicht lieferst, ziehen wir das Geld wieder ab. Oder sie sagen: Ich glaube an die Veränderung und die Werte, die sie schaffen und ich möchte eine faire finanzielle Rendite.


Moment: Aber derzeit haben Unternehmen noch immer einen Rendite-Vorteil, wenn sie nicht ressourcenschonend wirtschaften. Kann das Konzept der Donut-Ökonomie denn funktionieren, wenn sich nicht alle beteiligen?

Raworth: Wenn Leute und Unternehmen sie nicht einführen wollen, werden sie es nicht tun. Ich komme aber zu immer mehr Unternehmen, die wissen, dass ihr Geschäftsmodell vom Klimawandel, von Wasserknappheit und von schlechten Arbeitsbedingungen bedroht ist. Wenn die Wirtschaft sagt, sie will den Donut nicht benutzen, dann können die Regierungen auch die Regeln ändern. In Europa beginnt man zu sagen, dass es zwar nicht angenehm für die Unternehmen ist, bei ihren Geschäften auch den Klimawandel zu berücksichtigen. Aber wenn Sie es nicht tun, werden sie sanktioniert. Es geht nicht mehr um Freiwilligkeit. Die Regierungen wachen auf und erkennen, dass wir die Rahmenbedingungen ändern müssen, damit wir die Umweltfolgen in den Griff bekommen.


Moment: Sie sagen, dass jeder Mensch das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard hat. Zynisch gesprochen und mit Blick auf den enormen Ressourcenverbrauch der Menschen in den Industrieländern muss man fragen: Wie soll sich das ausgehen?

Raworth: Ja, es wird Ressourcen brauchen. Und jene Menschen, deren elementarste Bedürfnisse nicht erfüllt werden, haben den ersten Anspruch auf diese Ressourcen. Das ist einer der Gründe, warum die reichen Länder ihren Ressourcenverbrauch massiv reduzieren müssen.

Zur Person: Kate Raworth lehrt am Environmental Change Institute der Universität Oxford. Sie erklärt ihr Wirtschaftsmodell am liebsten in Form eines Donuts. Eine ausführliche Rezension ihres Buches "Die Donut-Ökonomie" könnt Ihr hier lesen.

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