Zu sehen ist eine Gruppe Menschen in roten Overalls und großen Müllsäcken. Die Moria White Helmets in Kara Tepe.

Die Moria White Helmets wurden von Geflüchteten in Kara Tepe gegründet. Sie Selbsthilfeorganisation versucht, das Leben im Lager erträglicher zu machen.

Foto: Moria White Helmets

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/ 17. Mai 2021

Zelte stehen im Schlamm, Menschen müssen im Freien duschen, Frauen und Kinder stehen stundenlang bei der Essensausgabe Schlange. Die Zustände im Geflüchtetenlager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos sind nach wie vor katastrophal. Weil viele NGOs und JournalistInnen auch wegen COVID kaum Zugang bekommen oder die Insel verlassen mussten, helfen sich die InsassInnen oft selbst. Damit senden sie eine klare Botschaft nach Europa.

Raids tiefe Stimme klingt am Telefon mal melancholisch, mal stolz und bestimmt. Der 46 Jahre alte Syrer erzählt, wie er 2016 nach Nordsyrien floh, bis er 2019 zunächst in der Türkei und schließlich im Dezember des gleichen Jahres auf Lesbos landete. „Ich verlor meinen Job, mein Land und einen Großteil meiner Familie. Aber ich mache weiter.“ Raid war Sicherheits- und Umweltberater für Ölunternehmen, bevor der Krieg in Syrien hereinbrach. Neun Jahre ist es her, dass er seinen Job aufgeben musste.

Doch Raid hörte auf der Flucht nie auf, zu arbeiten. Im März 2020 gründete er die Moria White Helmets, eine Selbsthilfeorganisation im Camp Kara Tepe mit zunächst zwanzig Mitgliedern. Der Name ist den Syrian White Helmets gewidmet, die im Norden Syriens zu Kriegszeiten nach Bombeneinschlägen in eingestürzte Häuser rannten, Menschen evakuierten und etliche Leben retteten.

Selbsthilfe in Kara Tepe

Die Moria White Helmets bergen zwar keine Menschen aus Betontrümmern, doch halten sie in Zusammenarbeit mit der griechischen NGO Stand by Me Lesvos das Lager Kara Tepe am Laufen. Als Moria im September vergangenen Jahres brannte, verließen viele Hilfsorganisationen die Insel. „Wir mussten mit denen, die noch übrig waren, überlegen, wie wir die Infrastruktur wieder aufbauen und uns vor Corona schützen.“ Denn die griechische Regierung nutze den Lockdown auch, um das Lager Kara Tepe noch stärker vom Rest der Welt abzuschirmen.

„Anfangs waren wir hauptsächlich für das Abfallmanagement zuständig“, erzählt Raid. Bis heute klappert täglich ein Team die Wege zwischen den Zelten ab und sammelt Müll ein. Auch den Weg zwischen dem alten und dem neuen Camp haben die White Helmets sauber gemacht. Sie arbeiten mit der Stadtkommune zusammen und können das Lager hin und wieder verlassen. Das ist für die Campbewohner sonst kaum möglich, Freigang gibt es nur einmal die Woche. 

Mit steigender Mitgliederzahl kamen neue Aufgabenbereiche hinzu. „Wir haben separate Teams aus Feuerwehrleuten, Sanitätern und Elektrikern, die das Lager verkabeln.“ Dort wo es brennt, dunkel ist oder Menschen sich verletzen, sind die White Helmets schnell zur Stelle. Einige unterrichten auch Kinder in Englisch oder Arabisch. Wenn ein Instrument aufgetrieben werden kann, gibt es auch mal eine Musikstunde.

Raid spricht von einem Vollzeitjob, es gibt täglich viel zu tun. Als seinen Antrieb nennt er die Kinder, denen er ein erträgliches Leben ermöglichen will. Im Sommer 2019 waren 40 Prozent der Geflüchteten auf Lesbos minderjährig. Auch Raid lebt mit seiner Tochter und ihrer Familie in einem Zelt, vor kurzem wurde er Großvater. Seine Tochter wird bald nach Europa weiterziehen dürfen, womit er wieder allein ist. Was ihm bleibt, ist die Hoffnung: „Ich will mein Leben fortsetzen. Wir wollen Europa doch mit unseren Fähigkeiten, unseren Geschichten und unseren Talenten bereichern.“

Raid arbeitet auch mit Qiong Wu zusammen, einem Software-Entwickler aus Hessen, der schon seit Jahren als Freiwilliger in der Flüchtlingshilfe aktiv ist und im November 2020 nach Lesbos kam. Für „Low Tech with Refugees“ nutzt Wu seine Talente als Tüftler. Die NGO besitzt eine kleine Werkstatt in der Nähe des Lagers, er ist dort technischer Koordinator.

Die Verantwortlichen ziehen sich aus der Affäre

„Wir reparieren Fahrräder, Mobiltelefone oder Wasserkocher, manchmal auch Waschmaschinen.“ Im sogenannten „Makerspace“ sind Geflüchtete dazu eingeladen, ebenfalls ihre Talente zu nutzen, an Projekten und Workshops teilzunehmen und selbst kleine Dinge zu kreieren. So bauen Tischler, Schreiner und Elektriker aus Syrien und Afghanistan gerade mit der NGO zusammen einen alten Linienbus zu einem Klassenzimmer um, in dem es Computer-Unterricht geben soll. Aus alten Laptopbatterien löten sie eine große Ladestation für elektronische Geräte mit USB-Anschluss zusammen. „Die Menschen verhindern so, dass ihre Fähigkeiten einrosten. Manche können vieles besser als wir“, erzählt Qiong Wu.

Die sogenannten „Community Volunteers“ sind ein modernes Phänomen, das laut Wu aber auch Schattenseiten birgt. „Früher waren Geflüchtete nur Empfänger von Hilfe, jetzt engagieren sie sich selbst.“ Das sei zwar eine Form von Selbstermächtigung, spielt aber auch Organisationen in die Karten, die kostenlose Arbeitskräfte einsetzen können. „Dass Geflüchtete in ihrem eigenen Camp Strom verlegen, zeigt leider auch, wie sich die eigentlichen Verantwortlichen hier aus der Affäre ziehen.“

"Es fehlt jeglicher politische Wille, um die Flüchtlinge angemessen zu versorgen"

Dabei würde es nicht an Geld mangeln, um die Zustände im Camp Kara Tepe zu verbessern oder gar zu evakuieren und die InsassInnen auf Sozialwohnungen aufzuteilen. Ganze 3,12 Milliarden Euro hat Griechenland seit 2015 von der EU für die Geflüchtetenversorgung bekommen, lässt sich aber bei der Finanzierung nicht in die Karten schauen. Erik Marquardt, deutsche EU-Abgeordneter der Grünen, leitet selbst eine NGO auf Lesbos und geht von einer gezielten Abschreckungspolitik Griechenlands aus. „Es fehlt jeglicher politische Wille, um die Flüchtlinge angemessen zu versorgen“, schreibt er auf seiner Website.

Das Einzige, was sich im neuen Lager Kara Tepe verbessert habe, sei die Sicherheit, sagt Raid. „Wir haben fast keinen Diebstahl und Gewaltdelikte mehr.“ Das ist zum einen auf die geringere Auslastung zurückzuführen, zum anderen wurde das Sicherheitspersonal massiv aufgestockt. Laut Qiong Wu nur ein bedingter Grund zur Erleichterung: „Das bedeutet mehr Überwachung, Kontrolle und systematische Freiheitsberaubung.“

Diese neue Autorität bekam auch der 21 Jahre alte Afghane Amir zu spüren. Für das internationale Projekt „Now you see me Moria“ dokumentiert er den Alltag im Camp Kara Tepe mit seiner Handykamera. Schon zwei Mal nahmen die Behörden ihm das Smartphone ab und zerstörten es. Die spanische Fotografin Noemi, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, sah im Sommer vergangenen Jahres Amirs Bilder auf Facebook und nahm Kontakt zu ihm auf.

Amir und zwei weitere Schutzsuchende – Ali und Qutaiba – agieren für Now You See Me Moria als Amateurreporter. Ihre Fotos schicken sie an Noemi, die die Bilder nachträglich bearbeitet und samt Texten, die teils lyrisch, teils politisch sind, in soziale Netzwerke stellt. Im Februar schickte sie einen Aufruf an Kreative in ganz Europa, die aus den Fotos seither professionell designte Poster machen. Sie sind frei zum Download verfügbar und hängen mittlerweile in den Städten Europas aus. Auch Graffiti- und Streetart-KünstlerInnen arbeiten mit dem Kollektiv zusammen, bald soll ein Buch mit den Entwürfen in Museen ausliegen.

"Nicht nur weinende Kinder"

„Wir wollen das Leben im Camp mit den Postern sichtbar machen, damit Europa nicht mehr wegschauen kann“, sagt Noemi. Wichtig sei dabei, dass die Bilder nicht nur schockieren, wie man es von den Medien gewohnt ist: „Man sieht immer nur weinende Kinder oder betende Menschen. Aber die Menschen sind nicht nur Opfer.“ Amir, Ali und Qutaiba halten deshalb auch Sonnenuntergänge, ein spontan gegründetes Gitarrenensemble oder einen Geburtstagskuchen fest. „Die drei entscheiden selbst, was sie zeigen wollen, und was nicht.“ Zeitungen zahlen für die Bilder manchmal Geld, das Noemi ihren Reportern schickt. „Sie behalten nichts für sich, sondern spenden alles an die Kommune“, erzählt sie.
 
Amir und seine Kollegen leisten damit journalistische Arbeit – essenzielle Arbeit, die von der griechischen Regierung kriminalisiert wird, Arbeit, die anderen längst zu gefährlich geworden ist. Amir und Raid arbeiten, weil sie müssen, aber auch, weil sie Talent haben und ihre Fähigkeiten selbst unter den widrigsten Umständen unter Beweis stellen wollen. Amir träumt davon, später einmal Fotograf zu werden. Es ist schon ausgemacht, dass er bei einem telefonischen Interview etwas mehr darüber erzählt, doch kurz vor dem Termin sagt er das Gespräch ab. „Ich bin zu traurig, weil ich gestern meinen negativen Asylbescheid bekommen habe“, schreibt er. Bald muss er zurück in die Türkei.

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