Wie man Kindern die Angst vor dem Coronavirus nehmen kann
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Jonas Vogt

/ 13. März 2020

Auch Kinder nehmen heute existentielle Bedrohungen wie das Coronavirus oder Klimakrise wahr. Wie man damit umgehen sollte. 

Es gibt keinen Grund zur Panik. Wenige Sätze hat man in den letzten Wochen öfter gehört als diesen. PolitikerInnen und VirologInnen betonen in Pressekonferenzen, der ZiB2, in Podcasts gebetsmühlenartig: Die Lage ist ernst, wir müssen etwas tun. Aber es bringe nichts, in Angst und Panik zu verfallen.  

Dabei wäre das ja völlig verständlich. Angst ist etwas Normales. Die Welt ist ein furchterregender Ort, und von klein auf lauern reale Gefahren auf uns. Kinder haben Angst vor Gespenstern oder der Dunkelheit. Und hat man das einmal geschafft hinter sich zu lassen, warten schon alltägliche Katastrophen wie die Stromnachzahlung oder existentielle Bedrohung wie antibiotikaresistente Keime hinter der nächsten Ecke. 

Coronavirus und Klimakrise machen Angst

Vor allem die letzte Kategorie ist besonders angsteinflößend, weil der Einzelne keine „Wirkmacht“ verspürt. Gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann ich persönlich etwas tun, mein Beitrag zum Klimaschutz oder Virenprävention ist minimal. Es ist wie eine Welle, die auf einen zurollt, und der man sich hilflos ausgeliefert fühlt. 

Wenn die Angst vor Klimawandel oder einer globalen Pandemie schon Erwachsene lähmt, wie soll das dann erst bei Kindern sein? 

Was kann ich tun? 

"Man kann sein Kind von großen gesellschaftlichen Ereignissen und Probleme nicht fernhalten", sagt Sabine Völkl-Kernstock, Leitende Klinische Psychologin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien. Allein durch den Kontakt in Kindergarten oder der Schule bekommen Kinder Themen, über die Erwachsene reden, automatisch mit. "Das war schon vor knapp 20 Jahren bei 9/11 so, seitdem ist es durch die fortschreitende Mediengesellschaft eher noch schwieriger geworden."

Die gute Nachricht: Man muss es auch gar nicht fernhalten. Kinder sind klug und neugierig. Sie wollen, dass man mit ihnen spricht. Man muss nur ein paar Dinge beachten. 

Tipp #1: Das Kind aktiv ansprechen 

Kinder reagieren unterschiedlich auf Informationen von außen. Oft arbeiten die Ängste in den Kindern vor sich hin. Und wenn diese nicht den Raum bekommen, sie zu äußern, dann blieben sie auch dort. „Ich sehe aktuell oft, dass die Kinder sehr still sind. Spricht man sie dann darauf an, ob sie schon etwas von dem Virus gehört hätten, sprudelt es nur so aus ihnen heraus“, sagt Völkl-Kernstock. Es sei deshalb wichtig, das Gespräch mit dem Kind aktiv zu suchen und ihm das Gefühl zu geben: Es darf sich äußern. Es wird gehört. 

Tipp #2: Das Kind ernst nehmen

"Kinder haben je nach Alter typische Ängste", sagt Völkl-Kernstock. Im Kindergarten- und Vorschulalter sind das oft noch „klassische“ Kinderängste wie Angst vor der Monstern, später kämen auch Ängste vor Vergänglichkeit und der eigenen Sterblichkeit hinzu. Vieles davon verschwinde irgendwann wieder von allein. „Wichtig ist, dass Kind in seiner Angst ernstzunehmen, ihm zuzuhören, aber es auch zu beruhigen.“ Bei der „klassischen“ Kinderangst gilt es das Kind zu beruhigen und vielleicht sogar gemeinsam die Angst kreativ zu bekämpfen: Für das Monster im Schrank könnten Eltern gemeinsam mit den Kindern zum Beispiel einen „Monsterfresser“ basteln. Das funktioniere leider beim Virus nicht. 

Tipp #3: Kinder haben einen anderen Fokus 

Kinder haben ihre eigenen Bedürfnisse, deshalb interessieren sie an einer existentiellen Bedrohung auch andere Dinge als Erwachsene. "Die Frage, die ich in meiner Arbeit aktuell am öftesten gestellt bekomme ist: Darf ich dann nie wieder zu Oma und Opa?", erzählt Völkl-Kernstock. Diesen Fokus gelte es ernst zu nehmen, auch wenn er auf Erwachsene vielleicht nicht als das "Wichtigste" erscheint. 

Tipp #4: Die Realität in eine altersgerechte Sprache übersetzen 

Entwicklungspsychologisch passiert bei Kindern etwas, wenn sie circa acht Jahre alt sind: Ab dann sind sie kognitiv in der Lage, die meisten Vorgänge um sie herum prinzipiell zu verstehen. Das heißt nicht, dass man Jüngeren die Welt nicht erklären muss. Selbst Kindergartenkinder bekommen mittlerweile oft mit, das es etwas wie den Klimawandel gibt. Aber mit etwa acht Jahren – manche etwas früher, manche etwas später – bekommen Kinder eine Vorstellung von der ferneren Zukunft, können Rückschlüsse ziehen. Ihr Verständnis von der Welt nähert sich langsam dem von Erwachsenen an. Das muss man in der Kommunikation beachten. 

Tipp #5: Dem Kind das Problem ruhig erklären 

Wenn der Monsterfresser nicht mehr hilft, weil das Problem real ist, muss man dem Kind erklären, warum man etwas tut. Das passiert im Grunde nicht anders als bei Erwachsenen, nur halt etwas vereinfacht: Es gibt eine Krankheit, die dir, Mama und Papa wahrscheinlich nicht gefährlich werden kann, aber alten Menschen schon. Deshalb versuchen wir jetzt mal mehr zu Hause zu bleiben, weil wir die alten Menschen schützen wollen. Wir werden uns ein bisschen einschränken müssen, das kann auch ein wenig dauern, aber eine ganze Menge kluger Menschen arbeitet gerade eifrig daran, dass es wieder anders wird. 

Tipp #6: Ehrlich sein, aber Lösungen anbieten

"Auch gegenüber einem Kind ist ‚Das weiß ich leider selbst noch nicht‘ eine akzeptable Antwort", sagt Völkl-Kernstock. Wichtig sei nur, mitzugeben, dass alle gemeinsam an einer Lösung arbeiten und diese gefunden werden. "Auf Kinder wirkt Macht- und Hilflosigkeit genauso lähmend wie auf Erwachsene. Deshalb muss man ihm das Gefühl geben, dass etwas getan wird." Und im Zweifel eben sagen: Es kann sein, dass wir jetzt eine Weile nicht zu Oma und Opa können, aber auch diese Zeit geht vorbei. Und bis dahin kann man mit ihnen telefonieren oder skypen. 

Tipp #7: Nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel

"Es gilt die Balance zu finden", sagt Völkl-Kernstock. "Die Kinder nicht in ihrer Angst alleine zu lassen, sie aber auch nicht mit Informationen zu überfrachten, die sie nicht verarbeiten können." Eltern sollten sich im Klaren sein: Angst ist etwas Natürliches, gerade in Anbetracht existentieller Krisen. Aber Kinder können die Angst verarbeiten, sie brauchen nur Hilfe dabei. 

Zusatztipp: Sich selbst beruhigen, gern auch durch Medienkonsum

Letztlich gilt für Erwachsene dasselbe wie für die Kinder. Ein älterer Virologe, wie der deutsche Christian Drosten, funktioniert im Grunde auf demselben Level: Es sind Elternfiguren, die uns beruhigen sollen. Wir müssen uns eine Zeitlang einschränken, dann wird das schon wieder, Erwachsene in weißen Kitteln sind an dem Problem dran. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Und irgendwann können wir auch wieder zu Mama und Papa. Hoffentlich. 

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