Man sieht Natascha Strobl
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Natascha Strobl
/ 9. Dezember 2022

Konservative behaupten, die "Faulen" liegen den "Fleißigen" auf der Tasche. Diejenigen, die einfach etwas erben, ohne zu leisten und Steuern zu bezahlen? Nein, sie meinen damit Bezieher:innen von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld. Natascha Strobl erklärt uns den Klassenkampf, der von oben nach unten tritt.

Bist du fleißig? Fühlst du dich zumindest so ein bisschen mitgemeint, wenn über die Fleißigen gesprochen wird? Vermutlich. Konservative und liberale Politiker:innen sprechen deshalb gerne davon, dass sie „die Fleißigen“ beschützen wollen. Doch wen meinen sie damit eigentlich? Etwa dich?

Die Figur der „Fleißigen“ wird von Konservativen und Liberalen gerne ganz genau in einem Kontext benutzt: Wenn es um den Sozialstaat geht.

Sobald sie verhindern wollen, Sozialleistungen zu erhöhen oder zumindest der Inflation anzupassen, geht es los. Ihre ganz eigene Figur der “Fleißigen” taucht auf. Sie müssten unbedingt geschützt werden. Aber wovor oder wem? Und wer sind denn die Fleißigen eigentlich?

Wer sind "die Fleißigen"?

Eine erste Bedeutung wird der Figur dadurch gegeben, wem sie gegenüber gestellt wird. Die Fleißigen auf der einen Seite, die Menschen, die staatliche Leistungen beziehen auf der anderen Seite. Egal was sie wirklich leisten oder was sie schon geleistet haben: Die gehören also schon einmal nicht zu den Fleißigen.

Aber wenn man genauer hinschaut, sind nur bestimmte Sozialleistungen gemeint. Denn zum Beispiel Familienbeihilfe bekommen ja alle Familien. Aber man würde sich selbst natürlich nie als „nicht fleißig“ deswegen bezeichnen. Außer vielleicht, die Familien sind ausländisch.

Und vor allem die Milliarden an staatlichen Leistungen, die Unternehmen in den vergangenen Krisen bekommen haben, die sind damit nicht gemeint. Deshalb ist doch niemand “unfleißig”. Reich genug muss man halt sein, für seine verdiente Staatshilfe.

Worum geht es wirklich?

Es geht bei der Unterscheidung zwischen „fleißig und nicht fleißig“ in Wahrheit um genau zwei staatliche Transferleistungen

  1. die Sozialhilfe. 
    Egal ob sie gerade Mindestsicherung oder in Deutschland Bürgergeld oder Hartz IV heißt
     
  2. das Arbeitslosengeld.
    Dabei zahlt diese Leistung nicht einmal der Staat. Man bekommt sie nur, wenn man vorher auch in die Versicherung eingezahlt hat.

Die Grundidee dahinter offenbart viel über ein konservatives und liberales Menschenbild:

Sozialhilfempfänger:innen und Arbeitslose sind zu faul. Deshalb gehen sie keiner anständigen Arbeit nach, bei der sie nicht auf diese Leistungen angewiesen sind. Sie wollen einfach nicht. Weil sie einfach nicht fleißig sind. Fleißige Menschen kommen in so eine Situation ja gar nicht.

Wer liegt wem auf der Tasche?

Das ist so naiv, gefährlich und verkennt vor allem die Situation. Es gibt zig verschiedene Gründe, warum Menschen kürzer oder länger auf verschiedene Leistungen angewiesen sind. Das können individuelle Gründe sein, etwa Lebenskrisen, oder strukturelle, wie Altersdiskriminierung am Arbeitsmarkt.

Oder die Gründe können direkt im System zu finden sein. Ein System wie Hartz IV, das Menschen in erster Linie einfach in irgendwelche Jobs zwingt, ist nicht nachhaltig. Es erschafft eine Spirale, in der Menschen zwischen schlechten und unsicheren Gelegenheitsjobs, Arbeitslosigkeit und Hartz IV herumgeworfen werden.

Und dann wirft man ihnen das Stigma nach, dass sie nicht zu „den Fleißigen“ gehören. Mehr als das. Es schwingt sogar mit, dass man diesen “Fleißigen” auf der Tasche liegt.

Fleißig ist, wer...

Jetzt könnte man meinen: Fleiß hat also etwas mit Arbeit zu tun. Das ist dann also ein guter, wichtiger Job, mit dem man keine Hilfe braucht. Also sind mit „die Fleißigen“ bestimmt Krankenpfleger:innen und Kinderpädagog:innen gemeint? Und für die wird dann doch sicher was getan? Ein Blick auf deren Einkommen widerlegt das schnell.

Aber: Wenn Fleiß und Leistung so wichtig sind und das Gegenteil so gefährlich, wird dann im Gegenzug wenigstens jede Form des leistungslosen Einkommens kräftig besteuert? Und auch da geben Konservative und Liberale ihre eigenen Antworten.

Die Ideologie dahinter

Es ist immer wichtig, mit welcher Bedeutung Worte aufgeladen werden. Es geht bei dem, was mit dieser Figur der „Fleißigen“ gemeint ist, nicht um realen Fleiß oder echte Leistung. Denn das gibt es ja auch fernab jeder Erwerbsarbeit.

Worum es bei dieser Bedeutung von “fleißig” geht: Das der faulen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger:innen. Denn hat man das einmal geschaffen, dann kann man den Betroffenen immer noch mehr wegnehmen.

Das ist reine Ideologie. Das ist praktischer Klassenkampf.

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