Menschenmenge

/ Sebastian Panny
/ 14. Februar

Die Rechnung scheint auf den ersten Blick simpel: Menschen produzieren klimaschädliche Treibhausgase und haben dadurch den Klimawandel begründet. Je mehr Menschen auf der Welt leben, desto mehr dieser Gase produzieren sie und desto stärker schaden sie dem Klima. Also ist es wichtig, dass die Bevölkerung langsamer oder gar nicht wächst.

Diese Schlussfolgerung ist populär. So hat etwa die Primatenforscherin Jane Goodall beim Weltwirtschaftsforum in Davos über die Klimakrise gesagt: “All diese Dinge wären kein Problem, hätten wir eine Bevölkerung wie vor 500 Jahren.” Im Jahr 1500 gab es etwa 500 Millionen Menschen - heute sind es fast 8 Milliarden.

So einfach dieser Gedanke ist, so falsch sind die Implikationen, die er mit sich bringt.

Menschliche Opfer gegen die Überbevölkerung

Die Angst vor der vermeintlichen Überbevölkerung ist alt. Im 18. Jahrhundert warnte etwa der britische Ökonom Thomas Malthus prominent davor, dass die Nahrungsmittelproduktion nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithalten kann  - Hungersnöte seien die Folge. Seine Lösung: Weniger Menschen. Arme und Schwache sollten, etwa durch die Abschaffung der Armenhilfe, “geopfert” werden.

Die Prognosen sind nicht eingetreten, sein menschenfeindliches Konzept hat sich gehalten. Die Überzeugung, dass zu viele Menschen auf der Welt leben, ist durchaus anschlussfähig. Wie damals sind auch heute die Schuldigen schnell ausgemacht: Frauen in den armen Regionen der Welt - dem globalen Süden - bekommen wesentlich mehr Kinder, als jene in den Industrienationen. Arme Länder sind also an der “Bevölkerungsexplosion” schuld.

Rassistische Bevölkerungspolitik

Bei rassistischen Bewegungen ist Bevölkerungspolitik, mittlerweile häufig getarnt als Umwelt- oder sogar Klimaschutz, sehr beliebt. Das Manifest des rechtsextremen Christchurch-Attentäters begann etwa mit den Worten “Es sind die Geburtenraten”. Die Schlussfolgerungen aus der vermeintlichen Überbbevölkerung richten sich aber fast immer gegen andere, "ungewollte" Gruppen - nie gegen die eigene. Rechtsextreme verwenden den Mythos der Überbevölkerung, um ihre sozialdarwinistischen Ansichten zu verbreiten und Angst vor der Zerstörung des eigenen Lebensraums zu schüren. 

Aber wie entwickelt sich die globale Bevölkerung eigentlich?

Die Zahl der Menschen um das Jahr 2100 wird sich nach Prognosen der UNO bei etwa 11 Milliarden einpendeln. Es gibt also kein ewiges Wachstum der Weltbevölkerung. Und die Geburtenraten sind zwar in ärmeren Ländern teilweise höher, aber nicht in allen. Auch die "Höchstzahl" an Kindern ist schon erreicht: Momentan gibt es etwa zwei Milliarden auf der Welt - so viele werden es auch 2100 sein. Auch die Angst vor Ressourcenknappheit ist relativ: Schon jetzt wäre es möglich, 10 Milliarden Menschen zu ernähren, würde man die Ressourcen richtig verteilen.

Wäre man an einer Reduktion der Geburtenraten interessiert, müsste man vor allem eines machen: Frauen verstärkt den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Denn ein höherer Bildungsgrad hat aus unterschiedlichen Gründen immense Auswirkungen auf die Geburtenraten. Das belegen beispielsweise Zahlen aus Ghana: Dort haben Frauen ohne Schulbildung durchschnittlich 5,7 Kinder, jene mit Hochschulabschluss nur 1,5.

Falsche Zusammenhänge

Der problematische Punkt an dieser Diskussion ist jedoch ein anderer. Indem man die wachsende Bevölkerung direkt mit der Klimakrise in Verbindung bringt, fällt die Schuld - und Lösung - des Problems den armen Regionen der Welt zu. Wie falsch das ist, zeigt ein Blick auf die folgende Grafik. Darauf zu sehen ist, wer welchen Anteil am CO2-Ausstoß hat:

Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung sind für die Hälfte der konsumbasierten CO2-Emissionen verantwortlich. Schlecht für das Klima ist also nicht unbedingt, dass viele Kinder zur Welt kommen. Entscheidend ist die Frage, wo sie geboren werden. Nach heutigen Zahlen wird ein Kind, das in den USA zur Welt kommt, 168 mal so viel negativen Einfluss auf das Klima haben, als etwa ein Kind aus Bangladesch. Ökologische und soziale Fragen können nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Das geschieht bei der Gleichsetzung von Bevölkerungswachstum und Klimakrise jedoch.

Nicht die anderen sind schuld

Würde man tatsächlich durch irgendeine Art von Bevölkerungspolitik das Klima schützen wollen, müsste man in westlichen Industrienationen ansetzen und darf nicht die Schuld auf andere abwälzen. Denn die VerursacherInnen sitzen überwiegend im globalen Norden. Und auch hier haben einige wenige den größten Einfluss: Die reichsten 1 Prozent der Welt produzieren alleine 30 mal so viel CO2 wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung.

Wer also meint, dass Überbevölkerung das zentrale Problem für unser Klima ist, verkennt die Tatsachen. Mehr noch: Man bedient fast immer rassistische und jedenfalls immer ganz allgemein menschenfeindliche Argumentationsmuster und verortet die Schuld bei den eigentlich Leidtragenden, während man sich selbst als bedroht darstellt.

Zu viele? Das sind immer nur die anderen.

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