Im AKH wurde eine Untersuchung für Hochrisikopatientinnen eingestellt.
Im AKH wurde eine Untersuchung für Frauen mit erhöhtem Krebsrisiko eingestellt. Foto: National Cancer Institute auf Unsplash
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/ 13. August 2020

In der Frauenklinik des AKH wurde das Früherkennungsprogramm für hunderte Hochrisiko-Patientinnen mit familiärem Brust- und Eierstockkrebs eingestellt. Niemand erklärt wieso. Patientinnen wurden nicht einmal vom Ende ihrer nötigen Kontrolluntersuchungen unterrichtet.

Update 17.8.: Das Programm soll offenbar nun doch weitergeführt werden. Hier findest du Infos dazu und zu der medialen Darstellung der Ereignisse.

Bianca B. (Name von der Redaktion geändert) hat ein hohes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Ihre Mutter ist daran mit knapp 40 Jahren verstorben. Bianca muss daher jährlich im AKH einen Tag lang mehrere Untersuchungen durchführen lassen, damit eine mögliche Krebserkrankung früh erkannt und entsprechend behandelt werden kann.

Die Info kommt vom Tonband

Als Bianca vor wenigen Wochen einen Termin für ihre jährliche Kontrolluntersuchung vereinbaren wollte, erreichte sie niemanden. Das Früherkennungsprogramm für Hochrisiko-Patientinnen gibt es nicht mehr. Unter der gewohnten Nummer läuft nur ein Tonband. "Leider können wir das Früherkennungsprogramm für Frauen mit familiärem Brust- und Eierstockkrebs nicht mehr anbieten", sagt die Tonbandstimme. Und: "Bitte führen Sie die empfohlenen Früherkennungsuntersuchungen über den niedergelassenen Facharzt durch." Auf ihre Mailnachfrage hat Bianca nach sechs Wochen noch immer keine Antwort bekommen.

Bianca ist verzweifelt. Niemand hat sie über das Ende des Programmes informiert. Online gibt es keine Informationen dazu. Telefonisch kann Bianca niemanden mehr erreichen; auf allgemeine Anfrage beim AKH wird ihr geraten, die einzelnen Untersuchungen anderswo durchführen zu lassen.

Das Früherkennungsprogramm wird laut AKH-Auskunft nicht mehr finanziert. Von wem es nicht mehr finanziert wird, kann auch die Dame am Telefon nicht beantworten.

Hunderte Frauen sind betroffen

Den Grund für das Ende nennt die Ärztliche Direktion des AKH nur vage. Laut Pressestelle des AKH besagt eine rechtliche Bestimmung, dass Früherkennungsuntersuchungen "nicht von einem Universitätsklinikum zu erbringen sind".

Das Früherkennungsprogramm für Normalrisiko-Patientinnen wird aber nach wie vor angeboten und kann auch in anderen Bundesländern in Anspruch genommen werden. Im Gegensatz dazu hat es das Früherkennungsprogramm für Hochrisiko-Patientinnen österreichweit nur im AKH gegeben; von der Auflassung sollen mehrere hundert Frauen betroffen sein.

Die Aussetzung des Programmes belastet Hochrisiko-Patientinnen über 35 Jahren besonders stark: Sie müssen neben der herkömmlichen gynäkologischen Kontrolluntersuchung mindestens vier weitere Tests bei FachärztInnen machen. Vor allem für Frauen, die in ländlichen Gegenden leben, beginnt damit ein aufwändiges Organisationsspiel. Mussten sie bisher einmal im Jahr für die Sammeluntersuchung nach Wien fahren, braucht es jetzt mehrere Termine bei mehreren FachärztInnen.

Diese Untersuchungen waren für die Hochrisiko-Patientinnen vorgesehen. Das Früherkennungsprogramm gibt es nicht mehr. Foto: Daniela Riess

Wie es sich anfühlt, eine Hochrisiko-Patientin zu sein

Bianca hat sich im AKH immer gut aufgehoben gefühlt und auf die Einschätzungen der ÄrztInnen vertraut. "Natürlich sind die Untersuchungen eine Belastung, vor allem psychisch", sagt sie. "Aber das Früherkennungsprogramm war die beste Begleitung in meiner Situation. Alle ÄrztInnen haben alle meine Befunde gekannt und konnten darauf reagieren."

Dass die einzelnen Untersuchungen jetzt über einen längeren Zeitraum verteilt und bei unterschiedlichen FachärztInnen durchgeführt werden müssen, sei sehr belastend, sagt Bianca. "Ich war immer dankbar für die Sammeluntersuchungen im AKH", sagt sie. "Auch wenn das kein schöner Termin ist. Als Hochrisiko-Patientin wird man an diesem Tag daran erinnert, wie ernst es um die eigene Gesundheit steht."

Je öfter sich Hochrisiko-Patientinnen diesen Untersuchungen aussetzen müssten, desto belastender sei die ohnehin schwierige Situation für sie. "Man muss bedenken: Zur Hochrisikogruppe zählen viele Frauen, die ihre Mütter und Schwestern an den Krebs verloren haben."

Das Krebsrisiko ist sieben Mal höher

Das Früherkennungsprogramm für Hochrisiko-Patientinnen mit familiärem Brust- und Eierstockkrebs sei eine Erweiterung des normalen Früherkennungsprogramms, sagt der Arzt Christian Singer. Er leitet die gynäkologischen Ambulanz im AKH und weist darauf hin, dass es nicht mit der herkömmlichen Krebsvorsorge verwechselt werden darf. Ab dem 45. bzw. auf Wunsch der Patientin ab dem 40. Lebensjahr werden die normalen Früherkennungsuntersuchungen bei durchschnittlich gefährdeten Frauen mittels Mammographie alle zwei Jahre durchgeführt.

Eine Hochrisiko-Patientin jedoch sollte sich jedes Jahr genauen Untersuchungen unterziehen. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken, beträgt laut Dr. Singer etwa 12%. Bei Hochrisikopatientinnen kann es zwischen 80 und 90% liegen - also bis zu sieben Mal so hoch.

Das Früherkennungsprogramm für Normalrisiko-Patientinnen gibt es also noch, das für Hochrisikopatientinnen nicht mehr. Nächste Woche soll ein Gespräch mit der Ärztlichen Direktion des AKH stattfinden. Singer hofft darauf. Er sei "zuversichtlich, dass das Programm bald wieder angeboten werden kann".

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