Zu sehen ist das Wiener AKH an einem sonnigen Tag. Vor dem quadratischen Bau sitzen zahlreiche Menschen auf Bänken.

Das Wiener AKH (Foto: Thomas Ledl/Wikipedia/CC BY-SA 4.0)

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/ 17. August 2020

In der Vorwoche brachten wir eine Geschichte über ein eingestelltes Krebsprogramm im Wiener AKH. Diese Geschichte schlug hohe Wellen und brachte uns absurde Vorwürfe ein. Sie hat aber (hoffentlich) auch ein gutes Ende. Ein Kommentar im Sinne der emotionalen Hygiene und journalistischen Transparenz.

Man muss sich wundern. Vor etwa drei Wochen meldete sich eine Patientin eines speziellen Krebs-Programmes am AKH in der Moment-Redaktion. Sie wollte dort einen neuen Termin vereinbaren. Stattdessen landete sie bei einem Tonband. Das Programm für Hochrisikopatientinnen sei eingestellt, sie solle sich an ihren niedergelassenen Arzt wenden. Für weitere Informationen konnte sie im Wiener AKH niemand mehr erreichen, ihre Mail ist bis heute unbeantwortet.

Es geht bei diesem Programm wohlgemerkt um Frauen, die ein bis zu 90-prozentiges Risiko haben, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Sie haben meist Frauen in der Familie, die an diesen Krankheiten viel zu jung gestorben sind. Das Programm ist insofern laut Eigenangaben besonders, als dass es die psychisch höchst belastenden, bis zu fünf Untersuchungen an einem Tag zusammenführt und darüber hinaus einen guten Informationsaustausch zwischen unterschiedlichen Ärzten ermöglicht.

Die einzelnen Untersuchungen gibt es theoretisch auch anderswo, aber nicht im Paket. Die Betroffenen müssen dann die verschiedenen Fachärzte abklappern und Termine jonglieren. Deshalb schätzen sie das Angebot des AKH Wien, das es laut unseren vorliegenden Informationen in Österreich sonst nicht gibt, aber eigentlich überall geben sollte (ob das Hanusch-Krankenhaus etwas Vergleichbares anbietet, ist leider trotz mehrmaliger, dortiger Nachfrage seit Tagen unbeantwortet - wir ergänzen natürlich, sobald wir es wissen).

Die Moment-Redaktion tat nach diesem Leserinnen-Hinweis, was JournalistInnen in so einem Fall tun: Wir versuchten mehr Informationen zu bekommen. Am Montag (3. August) gingen erste Anfragen raus - im Verlauf der nächsten zwei Wochen unter anderem an die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK), das AKH, die gynäkologische Station, deren Leiter, die Sozialversicherungsträger und die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Später auch an das Gesundheitsministerium, den Gesundheitsstadtrat in Wien und auch an andere ÄrztInnen im AKH. Unsere Fragen: Was ist los? Warum und wann wurde das Programm eingestellt? Was genau wurde eingestellt? Welche Alternativen stehen Patientinnen offen? Und warum hat diese Alternativen den Patientinnen bisher niemand mitgeteilt?

Diese Untersuchungen waren für die Hochrisiko-Patientinnen vorgesehen. Das Früherkennungsprogramm gibt es nicht mehr. Foto: Daniela Riess

Überraschung: Das Programm hätte es nie geben sollen

Wenn Antworten auf sich warten ließen, telefonierten wir nach, fragten direkt und scheiterten erstaunlich oft an absolutem Unwissen. Die meisten Stellen verwiesen an die Pressestelle des AKH oder direkt an den Programmleiter. Die Pressestelle des Spitals versprach die Frage mit der verantwortlichen "Ärztlichen Direktion" zu klären. Versuche mit dieser Direktion direkt zu sprechen blieben erfolglos, eine Antwort kam zehn Tage nach der ersten und drei Tage nach der zweiten E-Mail-Anfrage - und zwar wieder von der Pressesprecherin.

Und sie war überraschend: Das Programm sei gar nicht Teil des Auftrags eines Universitätsklinikums. Man "nahm an" das Programm hätte es aus wissenschaftlichem Interesse gegeben (mit dem Leiter des Programms habe die Pressestelle in dessen Urlaub nicht gesprochen, sagte sie). So ein Programm sei jedenfalls "krankenanstaltenrechlich" gar nicht vorgesehen. Deshalb brauchte es offenbar auch keinen Grund für die Einstellung und niemanden der das entscheidet, denn "die gesetzlichen Bestimmungen sind einzuhalten".

Es war schon seit Monaten ausgesetzt

Sehr wichtig sei dem AKH jedoch festzuhalten, dass ihm Prävention ein echtes Anliegen sei. Deshalb sei man dabei, mit der ÖGK zu klären, wo sich denn Patientinnen nun hinwenden könnten. Vom Leiter des Programms (er griff schließlich auch im Urlaub zum Telefon, um mit uns zu sprechen) erfuhren wir, das Programm sei seit Anfang des Jahres ausgesetzt - ich wiederhole: seit Anfang des Jahres. Es ist Mitte August. Patientinnen mit einer hohen Krebswahrscheinlichkeit warten also seit vielen Monaten auf die Klärung, wohin sie sich denn nun wenden können.

Die Aussetzung des Programms wurde uns damit neben der Auskunft der Pressestelle auch zweifellos von einer zweiten Person bestätigt, die es wissen sollte. (Dazu gab es eine dritte Bestätigung: das Tonband der Patientinnen-Nummer im AKH und Leute, die nicht offiziell genannt werden wollten.) Die einzige positive Nachricht aus alldem: Vielleicht werde es nach einem AKH-internen Gespräch in der kommenden Woche jedoch irgendwann wieder aufgenommen. (Anm.: Dieses Gespräch findet am Montag erst nach Veröffentlichung dieses Kommentars statt.)

Die Geschichte erscheint

Am Donnerstag, 10 Tage nach unseren ersten Anfragen, veröffentlichen wir die Geschichte. Darin steht, was wir mit nicht unwesentlichem Aufwand erfahren haben: Das Programm ist eingestellt. Unklar ist, wer das genau warum veranlasst hat. Niemand sagt uns und vor allem nicht den Patientinnen, wohin sie sich ersatzweise für ein vergleichbares Programm wenden könnten - aber hoffentlich werde es wieder angeboten. Weitere Patientinnen meldeten sich nach der Geschichte bei uns. Das Programm habe ihnen oder einen ihrer Lieben das Leben gerettet, schrieben die einen bedauernd. Sie seien selbst am Tonband gescheitert und dankbar für die Geschichte, erzählen andere. Wir geben auch manchen von ihnen eine Stimme.

An dieser Stelle dachten wir, die nächste Geschichte darüber würde davon handeln, ob das Programm wieder aufgenommen wird. Vielleicht hatten wir etwas beigetragen, dass ein gutes Programm bestehen bleibt? Das wäre ein schönes Ergebnis.

Was zum Teufel?

Doch dann kam es anders. Andere Redaktionen fragten bei uns nach. Die Pressestelle habe ihnen gegenüber sogar die Existenz des Tonbands abgestritten (das wurde zunehmend schwierig, weil wir es aufgenommen hatten). Und auch Medien, die nie bei uns anriefen, griffen das Thema im Verlauf des nächsten Tages auf.

Bei dem, was wir zu lesen bekamen, fielen wir aus allen Wolken.

Per Agenturmeldung der Austria Presseagentur (APA) in mehreren Medien (nun schaffte es die Ärztliche Direktion des AKH binnen Stunden urplötzlich doch, direkt mit JournalistInnen zu sprechen) heißt es plötzlich: Natürlich gebe es das Programm weiterhin. Das Tonband? Kann man sich nicht erklären. Die Ärztliche Direktion habe nichts gewusst. Eine Mitarbeiterin habe es offenbar völlig eigenmächtig aufgenommen und hat damit das Programm quasi beendet. Diese Mitarbeiterin habe lediglich wegen Corona andere Aufgaben bekommen und der "Full Service" bei der Terminkoordination sei deshalb derzeit nicht möglich (laut KURIER). Es gebe aber "genug Personal" (laut ORF). Näheres zum "Missverständnis" können auch wir nicht klären, denn die Mitarbeiterin ist für uns "nicht verfügbar", die Pressestelle hält das auch für "nicht notwendig". Jedenfalls: Das AKH "bedauert". Von alldem war MOMENT gegenüber in Mails und Telefongesprächen nie die Rede.

Die Meldungen kurz zusammengefasst: Alles falsch, was "ein Online-Magazin" (laut Kurier) da verbreite oder was ganz ohne Absender an "Informationen" (laut ORF.at) herumschwirrt.

(Liebe KollegInnen der Medienwelt! Zu zitieren lernt man am ersten Praktikumstag. Es besteht auch kein Grund zur Anonymisierung. Wenn wir einmal wirklich Mist bauen, dürft ihr das euren LeserInnen gerne sagen. Und - wir kennen uns ja auch oft persönlich - ihr könnt uns jederzeit auch gerne anrufen, fragen oder uns zumindest die Möglichkeit zur Stellungnahme geben. Vielleicht hilft die gewonnene Information daraus ja auch euren Recherchen.)

Schwamm drüber?

Nun freut sich niemand mehr als wir darüber, dass das Programm weiterläuft (okay, das ist Unsinn, natürlich freuen sich wohl die Patientinnen mehr). Der ganze Ablauf ist vielleicht nur ein haarsträubendes Beispiel von verunglückter Kommunikation auf allen Ebenen und das verantwortliche AKH sollte sich möglicherweise ansehen, wie es das in Zukunft vermeidet.

Aber das ist etwas, mit dem wir JournalistInnen ohne Gram leben können müssen. Soll es halt eine fast unglaubliche Kette an unglücklichen Missverständnissen und schlechten Tagen gewesen sein. Schwamm drüber! Zumindest können wir das für unsere Seite sagen.

Was die Causa jedoch bleibt: Eine Gemeinheit gegenüber den hunderten Patientinnen, die sich von diesem Programm mitunter erhoffen, dass es ihnen das Leben rettet. 

 

PS: Wir werden natürlich weiterverfolgen, ob das Programm auch tatsächlich so wieder kommt, wie es war, und nicht in seine Einzelteile zerlegt wird. Patientinnen können sich wie immer gerne im Vertrauen an uns wenden.

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