Titelbild "Muss das so sein?"

/ Laura Wiesböck
/ 12. November

Frauen verbringen ihre Lebenszeit um ein Vielfaches mehr als Männer mit Arbeit, die der Gesellschaft dient und nicht bezahlt wird. Das ist nicht nur in Österreich so, sondern weltweit und trifft selbst dann zu, wenn Frauen und Männer einer Erwerbsarbeit im selben Stundenausmaß nachgehen. Kinderbetreuung und -erziehung, die Versorgung von bedürftigen Eltern oder ganz allgemein die Pflege der Bindung von Familie und Gemeinschaft zählen immer noch überwiegend zu Aufgaben des Lebens von Frauen, statt zu Aufgaben des Lebens allgemein.

Wer sich um den Nachwuchs kümmert

Damit haben Frauen weniger Lebenszeit, die sie für ihre Interessen und Bedürfnisse nutzen können. Eine US-amerikanische Studie ergab, dass Mütter, im Vergleich zu Vätern im selben Haushalt, nicht nur weniger Freizeit haben, sondern diese auch häufiger unterbrochen wird. Ihnen stehen weniger und kürzere Zeitspannen für sich zur Verfügung.

Das trifft nicht nur auf Mütter zu. Die Soziologin Joya Misra stellte mit Kolleginnen in ihrer Forschung fest, dass die Arbeitsstunden von Professorinnen höher und zerteilter waren, als die ihrer männlichen Kollegen. Sie wurden häufiger unterbrochen - etwa durch mehr Unterricht, Nachwuchsförderung und Mentoring, also der Ausbildung junger Menschen und damit der langfristigen Aufrechterhaltung des Wissenschaftssystems. Männer verbrachten einen Großteil ihrer Arbeitstage mit langen, ununterbrochenen Zeitabschnitten, um nachzudenken, zu recherchieren, zu schreiben, zu veröffentlichen, also um ihre eigene Karriere voranzutreiben.

In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

„Selber schuld“ denken sich da manche. Sollen sich Mütter eben mehr auf die Erwerbsarbeit konzentrieren oder Akademikerinnen eben stärker auf Publikationen. Aber wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der diejenigen, die andere unterstützen und der nachfolgenden Generation Fertigkeiten mitgeben, dadurch Nachteile erfahren? Denn so ist es ja heute tatsächlich. Frauen, die ihr Leben lang auf der Familienebene sehr viel geleistet haben, Kinder versorgt und erzogen haben, leiden in der Pension mitunter unter Altersarmut. Trotz ihrer gesellschaftlich wichtigen Leistung sind sie finanziell nicht abgesichert. Akademikerinnen, denen die Lehre ein Anliegen ist, haben dadurch häufig einen beruflichen Nachteil. Für das wissenschaftliche Weiterkommen spielt sie nur eine untergeordnete Rolle, die Bezahlung dafür ist gering.

Gesamtgesellschaftlich sollten wir uns also die Frage stellen, auf welcher Grundlage wir Tätigkeiten unterschiedlich bewerten. Warum bekommt eine Kindergartenpädagogin, die Kinder gemeinschaftlich zu einem integralen Teil der Gesellschaft erzieht, dabei täglich einem hohen Lärmpegel ausgesetzt ist und körperliche und mentale Anstrengungen in Kauf nimmt, nur ein Drittel des Gehalts eines "SAP-Beraters", der technische Standard-Unterstützung für den Einsatz von Standardsoftware-Modulen in Unternehmen und Verwaltung erbringt?

Wir alle profitieren

Die vereinfachte Antwort lautet: Weil sie mit ihrer Arbeit nicht zu finanziellem Profit verhilft. Und genau hier muss ein Umdenken stattfinden. Denn jene Leistungen der Betreuung, Sozialisation und Bildung von jungen Menschen, wie auch der Versorgung von Kranken, Älteren und Pflegebedürftigen dienen etwas weitaus Wichtigerem als Profit, nämlich dem Erhalt der Gesellschaft. Oder anders formuliert für jene, die die ökonomische Brille nicht abnehmen wollen: Jene Leistungen sind die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft. Und dementsprechend müssen sie endlich entsprechend belohnt werden – sowohl finanziell als auch in Form von gesellschaftlicher Anerkennung.

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