Wie Konservative mit Zwangs-Vollzeitarbeit wieder auf Arbeitnehmer:innen losgehen
Die „Freizeit-Teilzeit“ oder "Lifestyle-Teilzeit" ist das neueste Feindbild der deutschen Konservativen (sie hinken damit den österreichischen um ziemlich genau ein Jahr hinterher, die Teilzeit damals für "asozial" erklärt haben). Sie sind beseelt von dem Gedanken, Menschen vorzuschreiben, wie sie arbeiten sollen.
Wenige Wochen nachdem man den Krankenstand als angeblichen Makel der Beschäftigten entdeckt hatte, geht man nun auf Leute los, die nicht Vollzeit arbeiten. Die Unterstellung: Die Teilzeit-Arbeitenden machen sich einen schönen Lenz und liegen der Allgemeinheit aus Bösartigkeit auf der Tasche.
Teilzeit meist keine freie Entscheidung
Dabei ist es erst einmal völlig klar, dass die meisten Menschen nicht freiwillig in Teilzeit arbeiten. Sie arbeiten Teilzeit, weil sie Kinder erziehen oder kranke Menschen pflegen. Andere Menschen sind nicht belastungsfähig, weil sie etwa chronische Krankheiten haben.
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Dazu kommt noch die große Gruppe an Menschen, die nur einen Teilzeit-Job bekommen haben, aber gerne mehr arbeiten würden. Handelsjobs sind oft nur als Teilzeit-Jobs ausgeschrieben. Die Unionsparteien drehen das nun um, als sei das die Schuld die Arbeitnehmer:innen. Man müsste doch - wenn schon - viel mehr fordern, dass Arbeitgeber:innen Vollzeitarbeitsstellen zu guten Bedingungen ausschreiben.
Die Unionsparteien betonen, dass man selbstverständlich Betreuungspflichten ausnimmt. Zur Erinnerung: Teilzeit arbeiten vor allem Frauen, auch weil Sorgearbeit nach wie vor deutlich überwiegend Frauenarbeit ist. Diese Menschen arbeiten nicht weniger, sie arbeiten mehr - sie werden nur für weniger Arbeit entlohnt.
Fragen über Fragen zum Privatleben
Gnädigerweise sollen diese Menschen ausgenommen werden. Nur, wie soll das überprüft werden? Gibt es dann eine Stelle, wo jeder Fall individuell überprüft wird? Muss man dann die Kindergartenzeiten und Freizeitaktivitäten der Kinder angeben? Wenn ich am Montag die kleine Nora aus der Schule mitnehme, muss dann Noras Mama am Montag länger arbeiten und hat dann keine Entschuldigung mehr? Wie ist das, wenn Nora noch einen größeren Bruder hat, der aber nur jede zweite Woche mit seinem Freund Peter mitgehen kann? Wird dann Noras Mutter für jede zweite Woche zum langen Montag eingeteilt von der Regierung?
Wie sehr möchte der Staat Arbeitnehmer:innen in ihrem Privatleben nach kriechen? Was für ein Bürokratiemonster wird hier erschaffen, das sich in den höchstpersönlichen Lebensbereich drängt? Welchen Stellenwert haben denn (Paten)Tanten und Nachbarinnen, wenn sie sich entschließen, am Leben eines Kindes zu beteiligen? Gilt die Ausnahme nur für die Blutsverwandtschaft?
Selbstverständlich ist Sorgearbeit nach wie vor weiblich. Das löst man nicht, indem man als Staat übergriffig Arbeitnehmer:innen zur Vollzeitarbeit verpflichtet und sie sich für ihre Entscheidungen vor einer staatlichen Stelle rechtfertigen sollen.
Vollzeit kann man schmackhaft machen
Es verkehrt nämlich die Rechtfertigungs-Position. Warum sollen denn Menschen "mehr" arbeiten, wo sie doch so viele Überstunden machen wie nie? Warum soll man "mehr" arbeiten, wenn die Produktivität pro Arbeitsstunde sprunghaft gestiegen ist, sicher aber nicht im Lohn wiederfindet. Für wen soll hier eigentlich gearbeitet werden?
Wenn „die Wirtschaft“ mehr Arbeitskräfte braucht, dann muss sie Anreize schaffen. Man kann Leute nicht zwingen, man kann es ihnen aber mit gutem Lohn, guten Bedingungen und fairem Umgang schmackhaft machen. Auf einen übergriffigen Staat hoffen, ist wenig liberal in diesem Zusammenhang.
Es ist doch so: Alle sollten weniger arbeiten. Der 40-Stunden-Job ist antiquiert. Er entstammt der Zeit des männlichen Vollzeitangestellten, der daheim eine Frau hat, die dort alles macht und finanziell von ihm abhängig ist. Das ist kein guter Zustand. Zusätztlich reicht ein 40-Stunden-Job in den meisten Fällen auch schon lange nicht mehr aus, um eine Familie zu ernähren.
Dann darf man auch nicht erwarten, dass Menschen daran festhalten. Die "Flexibilisierung" und Deregulierung des Lebens im Neoliberalismus hat dazu geführt, dazu geführt, dass Menschen gestresster, belasteter und kränker sind.
Weniger Arbeitsstunden bedeuten dagegen höhere Zufriedenheit, mehr Zeit für die eigene Familie, die Kinder, Partner:innen, Freund:innen und Hobbys. Leistung und Produktivität bleiben in der verkürzten 4-Tage-Woche sogar gleich, nur geht es den Menschen besser.
Der kapitalistische Staat
Ein übergriffiger Staat, der das Privatleben der Menschen kontrolliert, zeigt, dass es im autoritären Kapitalismus nie um universelle Freiheit geht, sondern immer nur um die Freiheit derer, die das Kapital haben. Die Anderen kann man auch zur Arbeit drängen - zur Not auch zwingen.
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