Made in Austr... äh ... Indien?

50 bis 90 Euro für eine Badezimmermatte. Für viele Käufer:innen ist das ein akzeptabler Preis, solange sie davon ausgehen, ein Qualitätsprodukt Made in Austria zu erhalten. Wer so viel bezahlt, verbindet damit mehr als nur ein funktionales Badaccessoire. Der Preis steht für Qualität, Langlebigkeit und für viele auch für regionale Produktion. Made in Austria gilt als Versprechen: für hohe Umweltstandards, faire Arbeitsbedingungen und kurze Lieferketten.
Auch das Textilunternehmen Vossen stellt Made in Austria und die lokale Produktion am Standort Jennersdorf seit Jahren in den Vordergrund. Umso überraschender ist der Fund einer MOMENT.at-Leserin, die zuhause auf ihrer Vossen-Badezimmermatte das Etikett „Made in India“ entdeckt.
Ein Etikett, das Fragen aufwirft
Teure Bademäntel, Handtücher und Frotteeware mit Qualität: Vossen gilt als Aushängeschild österreichischer Textilproduktion. Auf der Website ist vom Standort Jennersdorf im Burgenland die Rede, von regionaler Fertigung, jahrzehntelanger Erfahrung und nachhaltiger Qualität. In Blogbeiträgen wirbt das Unternehmen mit „gelebter Regionalität“ und Made in Austria. Händler bewerben Vossen-Produkte häufig pauschal als österreichische Qualitätsware.
Dass zumindest einzelne Produktgruppen nicht in Österreich hergestellt werden, ist in dieser Kommunikation nicht sichtbar. Die Badezimmermatte mit der Herkunftsangabe Indien passt nicht in das Bild, das viele Konsument:innen von der Marke haben.
Formal ist die Sache klar: Die Herkunft ist korrekt angegeben. Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass das Ursprungsland auf dem Produkt selbst ausgewiesen wird. Das ist hier der Fall. Doch reicht das aus?
Nachfrage ohne Antwort
MOMENT.at hat Vossen bereits im Dezember mit einer detaillierten Presseanfrage konfrontiert. Gefragt wurde unter anderem, welche Produktgruppen in Österreich hergestellt werden, welche im Ausland, seit wann Badematten in Indien produziert werden und wie hoch der Wertschöpfungsanteil außerhalb Österreichs ist. Auch zu Arbeits- und Sozialstandards in den indischen Produktionsstätten sowie zur internen Definition von Made in Austria wurde um Auskunft gebeten.
Bis heute blieb die Anfrage unbeantwortet, Vossen hat keine Stellungnahme abgegeben.
Rechtlich korrekt – kommunikativ problematisch
Der Fall Vossen ist kein klassischer Skandal. Es gibt keine Hinweise auf falsche Etikettierung oder einen Gesetzesverstoß. Und doch zeigt er ein größeres Problem: Zwischen rechtlicher Korrektheit und transparenter Kommunikation klafft eine Lücke.
Auf Nachfrage bei der entwicklungspolitischen Organisation Südwind sagt eine Sprecherin gegenüber MOMENT.at: „Viele Unternehmen bewegen sich hier in einer Grauzone.Rechtlich ist vieles erlaubt. Aber aus Sicht der Konsument:innen entsteht oft ein irreführender Gesamteindruck.“
Vossen betont öffentlich vor allem jene Teile der Produktion, die in Österreich stattfinden ,insbesondere Handtücher und Frottierwaren. Andere Produktgruppen, etwa Badematten oder Badaccessoires, werden in der Außendarstellung kaum erwähnt. Für Konsument:innen ist diese Differenzierung nicht leicht nachvollziehbar.
Was „Made in Austria“ wirklich bedeutet
Auch die Herkunftsbezeichnung „Made in Austria“ ist rechtlich weniger eindeutig, als viele Konsument:innen annehmen. Zwar existieren Richtlinien, wonach der überwiegende Teil der Wertschöpfung in Österreich erfolgen muss, doch diese werden in der Praxis oft großzügig ausgelegt.
In der Praxis bedeutet Made in Austria oft: Unternehmen können mit dem Herkunftslabel werben, auch wenn einzelne Produktionsschritte (oder ganze Produktlinien) im Ausland stattfinden. Solange der „wesentliche“ Teil der Wertschöpfung im Inland erfolgt, ist das rechtlich zulässig.
Für Konsument:innen ist diese Feinheit jedoch kaum erkennbar. Made in Austria wird häufig als Aussage über das gesamte Produkt verstanden, nicht über einzelne Produktionsschritte oder ausgewählte Produktgruppen.
Die Macht des Weglassens
Problematisch ist daher weniger, was Unternehmen sagen, sondern was sie nicht sagen. Wenn Marken mit Regionalität werben, ohne transparent offenzulegen, welche Produkte tatsächlich im Inland entstehen, entsteht ein Missverständnis, das wirtschaftlich durchaus gewollt sein kann.
Made in Austria ist ein starkes Verkaufsargument. Gerade bei teureren Produkten oder Luxusprodukten sind Konsument:innen bereit, höhere Preise zu zahlen, wenn sie davon ausgehen, ein regional produziertes Produkt zu kaufen. Diese Erwartungshaltung wird gezielt genutzt.
Dass bestimmte Produkte ausgelagert werden, ist dabei nicht ungewöhnlich. Badematten etwa werden weltweit überwiegend in Indien, Pakistan oder der Türkei produziert. Dort gibt es spezialisierte Betriebe und entsprechende Maschinen. Diese Produkte in Europa produzieren zu lassen, wäre in den meisten Fällen unrealistisch und zu teuer.
Die Frage ist daher nicht, ob ausgelagert wird, sondern wie offen darüber kommuniziert wird.
Gütesiegel mit begrenzter Aussagekraft
Ähnlich ist auch der Umgang mit Gütesiegeln. Vossen verweist – wie viele Textilunternehmen – auf den Öko-Tex Standard 100. „Öko-Tex Standard 100 wird oft als Nachhaltigkeitssiegel wahrgenommen, ist es aber nicht. Beim Öko-Tex Standard 100 geht es ausschließlich um Schadstoffe im Endprodukt“, erklärt Südwind. „Über soziale oder ökologische Produktionsbedingungen sagt das Siegel kaum etwas aus.“
Deutlich strengere Kriterien bei Umweltbedingungen und Arbeitsstätten gelten bei den weiterführenden Öko-Tex-Zertifizierungen STeP und Made in Green. Auch diese Gütesiegel besitzt Vossen. Jedoch sind faire, existenzsichernde Löhne nicht Bestandteil des Siegels laut Südwind-Gütesiegelcheck.
Ob die indischen Produktionsstätten, in denen Vossen-Badematten gefertigt werden, über solche Zertifizierungen verfügen, ist öffentlich nicht ersichtlich. Eine Antwort des Unternehmens dazu liegt nicht vor. Die Herkunftsangabe „Made in India“ erlaubt keine Rückschlüsse auf die Arbeitsbedingungen vor Ort. Sie macht jedoch deutlich, dass die maßgebliche Produktion außerhalb Österreichs stattgefunden hat und damit unter Bedingungen, über die Konsument:innen in der Regel wenig erfahren.
Händler verstärken das Problem
Verstärkt wird das Problem durch den Handel. In zahlreichen Online-Shops werden Vossen-Produkte pauschal als „Made in Austria“ beworben – ohne Differenzierung nach Produktgruppen.
So heißt es unter dem Titel “Qualität aus Österreich” auf der Übersichtsseite der Vossen-Prdoukte beim XXXLutz etwa ”Vossen produziert zu 100 Prozent ökologisch fair in Jennersdorf im Südburgenland”.
Formal liegt die Verantwortung dafür bei den Händlern. Doch auch die Marken selbst profitieren vom positiven Image, das dadurch entsteht.
Kein Einzelfall
Der Fall Vossen ist nur ein Beispiel. Das Phänomen ist viel weiter verbreitet. Auch in anderen Branchen wird mit Herkunftsangaben gearbeitet, die rechtlich korrekt, aber kommunikativ verkürzt sind. Regionalität wird betont, globale Lieferketten ausgeblendet.
Für Konsument:innen bedeutet das: Wer bewusst regional einkaufen will, muss genauer hinschauen. Das Etikett am Produkt ist oft aussagekräftiger als Imagekampagnen oder Werbeslogans.
Für die Politik stellt sich die Frage, ob Herkunftsbezeichnungen wie Made in Austria in ihrer jetzigen Form ausreichen, oder ob es klarere, verpflichtende Regeln braucht, die Missverständnisse vermeiden.
Transparenz als Entscheidung
Unternehmen stehen dabei vor einer Wahl. Sie können weiterhin auf Grauzonen setzen und darauf hoffen, dass Konsument:innen nicht genauer nachfragen. Oder sie können offenlegen, wo welche Produkte entstehen und dabei erklären, warum bestimmte Produktionsschritte ausgelagert werden.
Der Fall der Badezimmermatte zeigt: Nicht jede Auslagerung ist ein Skandal. Aber Intransparenz kann Vertrauen kosten.
Oder, wie ein enttäuschter Konsument auf Amazon schreibt: “48 Euro für Made in India? Finde den Fehler!”











