Männerdemo gegen Männergewalt: “Natürlich bringen nicht alle Männer Frauen um. Aber was machst du konkret dagegen?”

Im Jänner gestanden zwei Männer innerhalb von nur 24 Stunden, Frauen erwürgt zu haben. Die Femizide haben die Öffentlichkeit erschüttert. Wie so oft blieb es allerdings dabei: Viele Medien berichteten völlig verharmlosend darüber, politische Maßnahmen folgten keine. Im Gegenteil: Das Innenministerium fühlte sich sogar bemüßigt, eine Aussendung mit dem Titel “Österreich ist kein Land der Femizide” zu verschicken.
Der Empörung war auch Wut beigemengt. Wut auf Täter und das System, aber auch auf das Schweigen vieler Männer. Wenn sich etwas ändern soll, so der Tenor, müssten auch sie endlich laut werden.
Diese Wut hat jetzt erstmals kleine Früchte getragen: Am 7. März 2026 findet in Wien eine Demo gegen Männergewalt statt - organisiert von Männern und explizit an Männer gerichtet. Wir haben mit Veranstalter Manfred Zeisberger über seine Beweggründe und die politischen Forderungen gesprochen.
MOMENT: Wie ist die Idee zu einer Demo gegen Männergewalt entstanden?
Manfred Zeisberger: Ich bin sehr auf sozialen Netzwerken aktiv. Dort habe ich immer wieder den Aufschrei erlebt, nachdem Männer Frauen ermordet haben. Nach dem Mord eines Cobra-Beamten Anfang dieses Jahres ging dann auch ein Posting von Mari Lang herum, mit der Frage: Wo bleiben eigentlich die Männer? Warum kommt von denen so wenig? Wo ist ihr Aufschrei?
Und es stimmt: Wo sind wir?
Mir hat es dann gereicht, dass es alle so schlimm finden, aber nichts passiert. Und wir haben ja das Glück, dass wir in einem Land leben, in dem auch ein Spinner wie ich sich für eine gute Sache einsetzen und relativ einfach eine Demo anmelden kann.
MOMENT: Die Demo richtet sich nur gegen Gewalt von Männern. Warum nicht gegen Gewalt allgemein?
Zeisberger: Weil es ganz konkret darum geht, Männer anzusprechen.
Natürlich gibt es auch weibliche Gewalt. Aber jetzt geht es nicht darum. Wir können uns ja hoffentlich darauf einigen, dass es nicht in Ordnung ist, Frauen umzubringen. Dass es nicht in Ordnung ist, Frauen zu schlagen. Dass es Schwäche ist, wenn man auf Gewalt zurückgreifen muss. Dass es keinen legitimen Grund dafür gibt, jemanden zu verletzen.
Es geht jetzt darum, endlich mal ein Zeichen dagegen zu setzen. Wir können danach über alles Mögliche diskutieren. Aber diesmal geht es nur darum.
MOMENT: Wie bei allen Diskussionen um das Thema werden einige Männer auch hier mit: “Naja, aber es sind ja nicht alle Männer das Problem” reagieren. Wie siehst du das?
Zeisberger: Ja, eh. Natürlich bringen nicht alle Männer Frauen um. Und weiter?
Ständig nur zu posten: “Not all men!” bringt nichts. Natürlich will niemand mit Tätern gleichgesetzt werden. Aber was machst du konkret? Lachst du bei sexistischen Witzen? Schweigst du, wenn ein Mann etwas Sexistisches sagt? Oder trittst du auch dagegen auf und sagst etwas?
Ich habe sehr selten die Erfahrung gemacht, dass sich wirklich ein Mann getraut hat zu sagen, dass so etwas nicht in Ordnung ist. Oder zumindest nicht über den Witz zu lachen und den Typen, der ihn gemacht hat, einfach anzuschauen und zu fragen: “Das findest du lustig?” Man muss nicht gleich in den Konflikt treten - aber man muss auch nicht mitmachen. Ich kann mich auch verweigern.
MOMENT: Mir wurde kürzlich in einer Diskussion gesagt, dass das ja nicht schlimm wäre, wenn solche sexistischen Witze nur untereinander gemacht werden. Was würdest du da antworten?
Zeisberger: Da versteckt sich ja eine Einstellung dahinter. Ich frage solche Männer dann oft: “Denkst du wirklich so über die Frauen in deinem Leben? Deine Mutter, Frau oder Tochter?” Da geht es dann oft ganz schnell, dass sie zurückziehen. Bei denen empfinden sie das natürlich anders. Aber das ist doch absurd, dass man diesen Zwiespalt nicht erkennt.
Dieses Mindset ist ja für niemanden gesund. Und so etwas trägt man dann in die Welt hinaus.
MOMENT: Wen würdest du bei der Demo gerne sehen?
Zeisberger: Ich will auch Männer erreichen, die zu dem Thema wenig Zugang haben. Wie es Politiker:innen vielleicht formulieren würden: den “kleinen Mann” von der Straße. Weil ich mir sicher bin, dass grundsätzlich sehr viele von ihnen natürlich gegen Männergewalt sind. Und die sollen auch eine Möglichkeit haben, angesprochen zu werden.
Die Demo soll auf keinen Fall parteipolitisch vereinnahmt werden. Auftreten werden ausschließlich Fachmenschen, die aus der Praxis kommen. Die erzählen sollen, wie es wirklich ist und was man tun kann.
MOMENT: Was ist denn zu tun? Was sind die Forderungen der Demo?
Zeisberger: Ich habe selbst Gewalt erfahren und wäre fast zum Gewalttäter geworden. Was mir wegen meiner eigenen Erfahrung sehr wichtig ist: Therapie muss einfacher zugänglich werden. Wir müssen sie entstigmatisieren und es muss normal werden, dass wir sie in Anspruch nehmen.
Dazu müssen aber auch finanzielle und logistische Hürden fallen. So wie es normal ist, dass man zum Hausarzt oder zur Hausärztin geht, muss ein Therapieplatz finanziert sein. In einer Gesellschaft, in der wir Milliarden für alles Mögliche ausgeben, müssen die paar Millionen drinnen sein.
Der Bedarf kann aber jetzt schon kaum gedeckt werden. Wir brauchen viel mehr Therapeut:innen. Ich würde mir wünschen, dass die Studienplatzbeschränkungen aufgehoben werden - weil wir doch über jeden Menschen dankbar sein müssen, der diese Arbeit machen will. Es ist ja nicht so, als wäre die so einfach.
Außerdem wünsche ich mir eine leicht merkbare Telefonnummer, in der Männer in solchen Krisensituationen anrufen können. Natürlich gibt es schon Angebote. Aber wer im Tunnelblick ist, googelt in diesem Moment keine Telefonnummer. Es braucht eine Notrufnummer, an die man sich auch in solchen Momenten erinnert.
MOMENT: Was ist mit dem Männerbild an sich? Können wir das überhaupt ändern?
Zeisberger: Wir können nicht nur, wir müssen.
Wir sehen ja täglich, dass uns das vorherrschende Männerbild allen nicht guttut. Die meisten Opfer von Gewalt sind ja Männer. Feministinnen gingen uns da voraus und wir müssen daraus lernen: Wir Männer müssen uns selbst befreien.
Es braucht ein neues Männer- und Bubenbild. Die Welt wird nicht besser mit den Putins und Trumps dieser Erde. Und es gibt auch sehr viele Männer, die das so sehen. Das sind aber oft nicht die Lauten. Die haben vielleicht auch nicht die Zeit, dafür aufzustehen. Aber wir müssen.
Meistens sind diejenigen, die polarisieren, auch die, die am meisten Aufmerksamkeit kriegen. Und leider nicht die, die ein sanftes, gewaltfreies Weltbild propagieren.
MOMENT: Du hast deine eigenen Erfahrungen kurz angesprochen. Wie hast du dich davon befreit?
Zeisberger: Mein bester Freund hat mir eines Tages einfach gesagt: “Was ist nur für ein Monster aus dir geworden?” Das war eigentlich mein großes Glück. An diesem Punkt begann meine therapeutische Reise.
Mir hat Therapie geholfen, meine toxischen Verhaltensmuster zu ändern. Ich habe selbst Gewalt erlebt. Ich weiß aber auch, wie es sich anfühlt, wenn man sich vermeintlich in die Enge getrieben fühlt und nur Gewalt als Ausweg sieht.
Am Ende der Worte wird gehandelt - aber nie konstruktiv. Deswegen braucht es Therapie.
Die Demo "Männer gegen Gewalt an Frauen" findet am 7. März 2026 ab 13:00 Uhr in Wien vor dem Parlament statt.
Falls du Unterstützung benötigst, kannst du dich an folgende Nummern wenden:
- Männerinfo-Krisentelefon: 0800 400777
- Männernotruf: 0800 246 247
- Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555
- Opfernotruf: 0800 112 112
- Überblick der Männerberatungsstellen in den Bundesländern
- Rat auf Draht: 147












