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Ungleichheit

Martyna Linartas: „Vererbte Milliarden lassen die Ungleichheit explodieren“

Der größte Teil der Vermögen ist nicht erarbeitet, sondern ererbt. Erbschaften seien der Hauptgrund, warum die Ungleichheit steigt und eine Gefahr für die Demokratie, sagt Martyna Linartas. Deshalb brauche es Erbschaftssteuern.

 
 “Wenn wir das nicht machen, dann kommt es nur noch auf das Vermögen der Eltern an.” Was ein Grunderbe für alle bringen kann, erklärt die Ungleichheitsforscherin im Interview.

MOMENT.at: Sie sagen, die jetzige Form des Vererbens ist sozial ungerecht. Sollten wir private Erbschaften abschaffen?

Martyna Linartas: Am Erben ist nichts verkehrt. Erbschaften sind aber sehr ungleich verteilt. Sie tragen dazu bei, dass die Vermögensungleichheit immer größer wird. De facto höhlen wir dadurch unsere Demokratie immer weiter aus und werden immer mehr zu Erbengesellschaften.

MOMENT.at: Warum gefährdet das die Demokratie?

Linartas: Unsere jetzige Form des Erbes verstößt gegen eine ganze Reihe von Gerechtigkeitsprinzipien. Unser Verständnis von Demokratie baut darauf auf, dass wir alle das Gefühl haben, im selben Boot zu sitzen. Wir alle können gleichermaßen an unserem System, an unserer Gesellschaft teilnehmen und darüber bestimmen.

Die Erzählung davon, dass es auf einen selber ankommt und man einfach nur fleißig sein muss, verkommt aber immer mehr zu einem Märchen. Dieses „Jeder ist seines Glückes Schmied“ klingt zwar toll und hat früher noch eher gestimmt. Aber das tut es nicht mehr. Was ist es für eine Demokratie, in der es mehr darauf ankommt, in welche Familie ich hineingeboren werde?

MOMENT.at: Das Glück, in eine reiche Familie geboren zu werden, haben Sie die Spermalotterie genannt. Warum Spermalotterie?

Linartas: Ich werde oft gefragt: Warum denn Sperma und nicht etwa Gebärmutter-Lotterie? Weil es beim Erben statistisch gesehen mehr auf den Vater ankommt. Es gibt eine Ungleichheit mittels Geburt und es ist eine Frage des Glücks.

Wir wollen einerseits Chancengleichheit haben, andererseits kommt es bei unseren Lebenschancen immer mehr auf den Kontostand der Eltern an. Darauf, was sie für ein Einkommen haben und was sie einem einmal mitgeben.

MOMENT.at: Ist es verlogen, wenn Politiker:innen von Chancengleichheit sprechen, die sie ermöglichen wollen, und dabei das Vererben völlig ausklammern?

Linartas: Ich weiß nicht, ob das verlogen ist. Aber Menschen, die sich beim Thema Chancengleichheit die Erbschaften nicht anschauen, lassen rein wissenschaftlich betrachtet einen immens wichtigen Faktor aus. Mehr als die Hälfte des Vermögens in Deutschland wird nicht mehr selbst erarbeitet, sondern vererbt.

Jede:r Politiker:in, die nicht auch die Erbschaften in den Blick nimmt, blendet mehr als die Hälfte der Zusammensetzung von Vermögen aus. Will ich ein:e Politiker:in vor mir haben, die auf einem Auge blind ist? Nein.

MOMENT.at: In der Debatte um die Besteuerung von Erbschaften fällt auf, dass selbst diejenigen dagegen sind, die gar nicht davon betroffen sind. Denn sie haben schlicht gar nicht so viel zu vererben. Warum ist das so?

Linartas: Neue Forschung zeigt, warum es so schwierig ist, Reiche zu besteuern. Die Lobbys des großen Geldes fahren Kampagnen. Diese zielen darauf ab, dass Normalbürger:innen glauben, sie seien selbst davon betroffen, wenn man die Erbschaftssteuer oder die Vermögenssteuer einführen würde. Plötzlich wäre Omas Häuschen weg, heißt es dann. Oder du kannst deinen Kindern gar nichts mehr vererben. Und das ist einfach falsch.

Es geht um die Multimillionär:innen und Milliardär:innen, die Überreichen.

In Deutschland haben wir die Erbschaftssteuer. Familienheime sind davon ausgenommen. Es gibt auch hohe Freibeträge. Bei Ehepartner:inen und Kindern werden erst ab rund einer halben Million vererbter Euro Steuern fällig. Und das beginnt sehr niedrig, bei 7 Prozent. Kleine Familien oder Vermögen hart besteuern, würde ich gar nicht wollen. Weil es im Interesse von uns allen ist, dass man Vermögen von unten aufbauen kann.

Es geht um die Multimillionär:innen und Milliardär:innen, die Überreichen. Deren vererbte Millionen und Milliarden lassen die Ungleichheit immer weiter explodieren.

MOMENT.at: Der Widerstand von dort wirkt so groß, dass es kaum möglich scheint, da einzugreifen.

Linartas: Die oberen 10 Prozent bekommen mehr als die Hälfte aller Erbschaften. Von denen reden wir und auch über das eine Prozent ganz oben. Die haben in Deutschland unter anderem zwei mächtige Lobbygruppen: Die „Familienunternehmer“ und die „Stiftung Familienunternehmen“. Beide investieren Millionen, weil es um Milliarden geht. Ihre Kampagnen wurden bei der vergangenen Bundestagswahl auch vom CDU-Chef Armin Laschet öffentlich geteilt.

Man sieht: Diese Lobbys haben gute Verbindungen in die Politik und schaffen es, sich Gehör zu verschaffen und Einfluss zu üben. Gerhard Schick von Finanzwende e.V. nennt den Einfluss dieser Lobby auf die Erbschaftsteuerreform 2016 den größten Skandal bei der Vertretung von Lobbyinteressen der letzten Jahrzehnte.

MOMENT.at: Argumente gegen Erbschaftssteuern und Vermögenssteuern gibt es viele: Sie seien eine Art Diebstahl von redlich erworbenen Vermögen. Stimmt das?

Linartas: Diebstahl? Nach dem Motto: Steuern sind Raub? Wenn ich Steuern so frame, dann stimmt das natürlich. Aber Steuern sind nicht Raub. Steuern sind das wichtigste Instrument einer jeden Demokratie. Sie sind wichtig für die Allgemeinheit, um einen starken Wohlfahrtsstaat aufzubauen und Solidarität innerhalb einer Gesellschaft zu ermöglichen.

Diejenigen, die kein Interesse daran haben, Steuern zu zahlen, werden versuchen, das als etwas Schlechtes darzustellen. Sie sollten gesenkt werden und mittels „Trickle-down-Ökonomie“ käme das dann allen zugute. Aber das ist Bullshit. Es funktioniert nicht, den Vermögendsten und den größten Unternehmen möglichst wenig Steuern abzuverlangen und dann rieselt das runter zum Rest der Bevölkerung.

Was geschieht, wenn man die Steuern senkt? Nur die Ungleichheit steigt.

Das haben David Hope und Julian Limberg in einem Paper gezeigt: Sie haben sich in 18 OECD-Staaten und einem Zeitraum von 50 Jahren angeschaut, was geschieht, wenn man die Steuern senkt. Das Ergebnis war: Es gab keinen langanhaltenden Effekt auf Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum. Nur die Ungleichheit ist nachhaltig gestiegen und auf dem hohen Level geblieben.

MOMENT.at: Sind Erbschaftssteuern eine doppelte Besteuerung von bereits versteuertem Einkommen?

Linartas: Das ist nicht haltbar. Die Erbschaftssteuer zahlt die Person, die das Vermögen erhält. Und zwar zum ersten Mal. Das Erbe ist ein unverdientes Einkommen. Wer es erhält, hat ja nicht dafür gearbeitet. Und zur Doppelbesteuerung allgemein: Wenn wir uns Brötchen beim Bäcker holen, zahlen wir von unserem bereits versteuerten Einkommen noch die Mehrwertsteuer. Da hat niemand ein Problem mit. Aber wenn es um Vermögen geht, wird das plötzlich problematisch.

MOMENT.at: Ein weiteres Argument lautet: Wenn wir Erbschaften und Vermögen höher besteuern, dann fliehen diese Erbschaften und Vermögen irgendwo anders hin. Das kann’s auch nicht sein, oder?

Linartas: Es ist eine Frage des politischen Willens, Kapitalflucht zu verhindern. Die ist ja kein Naturgesetz. Bei Steuern auf Einkommen sagt man auch nicht: Dann werden uns alle betrügen und falsche Steuerbescheide schicken. Bei Vermögen heißt es: Das können wir nicht tun. Man könne nicht bestimmen, wie wertvoll zum Beispiel ein Kunstwerk ist und es wäre ja so umständlich.

Menschen, die das Bürgergeld bekommen wollen – das ist der neue Name von Hartz IV –, dürfen sich bis auf den letzten Cent nackig machen. Und Vermögende sollen nicht einmal eine Schätzung vornehmen müssen? Warum behandeln wir reiche Menschen anders als arme Menschen in der Gesellschaft? Das verstehe ich nicht.

MOMENT.at: Aber das zu überprüfen und die Finanzämter besser auszustatten, kostet auch wieder Geld. Dabei soll der Staat doch schlanker werden.

Linartas: Ja, das kostet. Und nein, wir brauchen keinen schlanken Staat. Wir brauchen einen starken Staat. Denn es gibt sehr viele Investitionen, die nur der Staat tätigen kann. Natürlich ist die Privatwirtschaft auch wichtig. Aber es braucht eben eine Balance. Aktuell hat der Staat nicht ausreichend Mittel, um genug in Klimaschutz, in Bildung oder in Wohnungsbau zu investieren.

Dann landen wir in einer neuen Form des Feudalismus.

Aber wir brauchen die Erbschaftssteuer vor allem, um Ungleichheit zu reduzieren. Wenn wir das nicht machen, werden wir zu immer krasseren Erbengesellschaften. Dann landen wir in einer neuen Form des Feudalismus und es kommt nur noch auf das Vermögen der Familie an.

MOMENT.at: Wie groß ist der Beitrag von Erbschaften zur Ungleichheit?

Linartas: Erbschaften spielen die Hauptrolle, wenn es um die extreme und wachsende Vermögensungleichheit geht. In Deutschland werden aktuell jährlich etwa 400 Milliarden Euro vererbt. Das entspricht beinahe dem BIP von Österreich. Das sind gigantische Beträge. Und diese Vermögen werden kaum angetastet.

Die Einkommen sind sehr hoch besteuert und in Zeiten der Inflation wissen immer mehr Menschen nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Auf der anderen Seite lesen wir aller Tage: Reiche Menschen sind noch reicher geworden. Dividendenausschüttungen erreichen Rekordhöhen. Wir sehen, Arme werden ärmer und Reiche reicher. Und das, weil wir nicht demokratisch dagegen ansteuern, also wortwörtlich.
 
MOMENT.at: Wenn wir das nicht tun: Was würde das für die Konflikte bedeuten, die zwischen Arm und Reich existieren? Ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem es auch Aufruhr geben könnte?

Linartas: Irgendwann auf jeden Fall. Die Frage ist, von wie viel Zusammenhalt man noch sprechen kann, wenn die Unterschiede in der Gesellschaft zu groß sind. Darauf steuern wir gerade zu. Wenn wir wieder mehr Solidarität wollen und das Gefühl haben möchten, als Gesellschaft im selben Boot zu sitzen, dann müssen wir umverteilen.

Ich habe auch Freunde, die sagen: Hey, dann lasst doch einfach alles an die Wand fahren. Dann gibt es halt den großen Knall und demnächst brennen die ganzen SUVs. Nein, ich bin dafür, dass man versucht, mit Vernunft an die Sache heranzugehen: Am Ende gewinnen wir alle, wenn wir eine starke Demokratie mit einer starken Mittelschicht haben.

Es gibt Reiche, die sagen: Demokratie ist mir wichtiger als meine Milliarden.

Das bedeutet auch, dass Einkommen niedriger und Vermögen höher besteuert werden müssen. Wir leben aktuell in einem Widerspruch. Einerseits wollen wir, dass Leistung sich lohnt. Trotzdem besteuern wir aber das erarbeitete Einkommen sehr hoch. Gleichzeitig besteuern wir das unverdiente Einkommen aus Erbschaften gar nicht bis sehr niedrig.

MOMENT.at: Milliardär:innen und Millionär:innen schließen sich zusammen und fordern, dass sie stärker besteuert werden. Wenn das sogar von deren Seite kommt: Ist es dann nicht wirklich an der Zeit, etwas zu tun?

Linartas: Es wird allerhöchste Zeit. Ich würde nicht davon sprechen, dass jetzt plötzlich alle aus der Gruppe der sehr reichen Menschen für eine höhere Besteuerung ihrer selbst sind. Aber unter ihnen gibt es solche, die sagen: Demokratie ist mir wichtiger, als dass meine Milliarden noch weiterwachsen. Ich finde es wichtig und stark, dass es das gibt.

MOMENT.at: Sie unterstützen die Idee eines Grunderbes. Jede:r bekommt einfach einen bestimmten Betrag für den Start ins Leben. Wieviel soll das sein?

Linartas: Es gibt ein Konzept vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Da sprechen sie von 20.000 Euro und haben auch gegengerechnet, wie man das finanzieren kann. Den gleichen Betrag nennt Carsten Schneider, der als Beauftragter für Ostdeutschland in der Bundesregierung sitzt. Der Starökonom Thomas Piketty spricht sogar von 120.000 Euro.

Ich erachte diese Idee für grandios. Es würde nicht nur oben Vermögen genommen – und hier rede ich wirklich von Multimillionär:innen. Sondern alle könnten ein Vermögen aufbauen. Es würde dazu führen, dass wir einen Großteil der Armut abschaffen. Wir könnten Kinder und Jugendliche unterstützen, damit sie sich selbstständig machen, Ideen umsetzen. Oder ganz einfach: Es würde dann Geld wieder in den Kreislauf fließen. Denn ab einer gewissen Größe von Vermögen werden die vielfach angespart und nutzen dann auch niemanden mehr – außer eben den Überreichen.

Die gesamte Gesellschaft würde beim Grunderbe gewinnen. Es würde auch dazu beitragen, dass die Leute eher Bock hätten auf diese Steuer. Wenn sie sehen: Meine Kinder kriegen was mit auf den Weg oder ich selber, dann hätten die Menschen eher ein Interesse an einer Reform. Und zwar einer, die es wirklich schafft, die Schere zuzubekommen, die immer weiter aufgeht.

MOMENT.at: Gibt es einen Punkt, an dem der Reichtum einzelner zuviel ist?

Linartas: Es ist wirklich die Frage: Wie reich sollen Menschen sein? Reicht es nicht irgendwann? Schauen wir auf die Klimakatastrophe, dann sehen wir immer mehr: Leute, die extrem große Vermögen besitzen, schaden dem Klima und unserer Mitwelt besonders stark.

Wir haben eine Definition von Armut. Wir sagen, Armut ist ab einem gewissen Level nicht mehr haltbar und menschenunwürdig. Wir haben aber keine Definition für Reichtum. Wir sprechen nicht von Überreichtum und seinen Folgen für uns alle. Damit sollten wir mal anfangen.

Zur Person: Martyna Berenika Linartas forscht zu Ungleichheit. Sie ist Doktorandin am Exzellenzcluster „Contestations of the Liberal Script (SCRIPTS)“ an der Freien Universität Berlin. Linartas ist Gründerin und Projektleiterin des Portals ungleichheit.info.

 

 

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