Warum gibt es keine Erleichterungen für Kinder? Die Frage klärt Politologin Natascha Strobl. Man sieht sie vor dem gelben #NatsAnalyse Sujet.

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Natascha Strobl
/ 2. Februar 2022

Kinder und Jugendliche bleiben nach zwei Jahren Pandemie noch immer auf der Strecke. Erleichterungen bei der Matura 2022? Fehlanzeige. Auch auf Lehrlinge wird von der Regierung vergessen. Da steckt eine Strategie der Konservativen dahinter. Natascha Strobl analysiert, warum es keine Erleichterungen für Kinder und Jugendliche gibt. 

Schon spannend. Vor nicht allzu langer Zeit machten sich noch alle demonstrativ Sorgen um die psychische Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen. Heute richten ihnen Rechte und konservative Politiker:innen und Intellektuelle plötzlich aus: Stellt euch doch nicht so an.

Kinder stellt euch nicht so an!

In ganz Österreich stellen sich Schüler:innen auf die Beine. Pandemie, Lockdown, kein Lockdown, Maßnahmen-Chaos, Kommunikations-Wirr-Warr, Quarantäne, K1, selbst krank - es ist wahrlich keine leichte Zeit für Kinder und Jugendliche. Die aktuellen Matura-Jahrgänge haben zum Beispiel über den Großteil ihrer Oberstufe keine normale Schulzeit erlebt.

Man könnte diese spezielle Situation anerkennen und schauen, wo man den Druck im Lehrplan, aber auch bei den Prüfungen rausnehmen könnte. Konservative haben aber plötzlich eine ganz andere Botschaft an Schüler:innen. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann zum Beispiel.

Ich verkürze kurz, was er sinngemäß in einem Kommentar in der Kleinen Zeitung schreibt: Die verweichlichten Gschroppen sollen sich nicht so anstellen. Die Matura ist etwas Ehrenhaftes und Wichtiges. Er bedauert sogar, dass sie nicht schwieriger ist. Denn nur in der Härte und Auslese liegt der Wert. Das verkennt dramatisch die Realität und geht von einem fiktiven und unerreichbaren Ideal aus.

Erleichterungen bei der Matura? Fehlanzeige

  1. Die Schüler:innen haben es schon schwer genug. Sie müssen in der echten Realität mit einer Pandemie zurechtkommen, mit der Angst, sich und die eigene Familie anzustecken und mit ständigen Unterbrechungen der Schule, immer wieder mit Isolation vom Freundeskreis. Sie müssen also ohnehin schon sehr krisenfest sein, mehr als viele Generationen vor ihnen. Die Idee der „Verweichlichung“ ist dabei so reaktionär wie lachhaft, wenn man sich die Wirklichkeit anschaut.
  2. Zweitens wäre jetzt viel eher der Zeitpunkt über das Bildungssystem nachzudenken. Und dabei zu fragen, ob die Matura und das elitäre Bildungssystem sowie der Leistungsdruck an den Schulen wirklich der Weisheit letzter Schluss sind. Es wäre eine Chance darüber zu reden, was Bildung, auch höhere Bildung, wirklich bedeuten kann. Wie sie nicht als Statussymbol einer reaktionär-bürgerlichen Klasse dient, die nicht möchte, dass die Pöbelkinder auch etwas davon abbekommen.

Bildung wird vererbt

Denn das tun sie kaum: Das österreichische Bildungswesen wirft finanziell schwächere Gruppen früh aus. Nicht einmal 4 von 10 Arbeiterkindern machen Matura. Aber 8 von 10 Akademikerkindern tun das. Nur 2 von 10 Arbeiterkindern beginnen ein Studium. Aber 7 von 10 Akademikerkindern.

Die Arbeiterkinder werden dann noch gegen die Maturant:innen ausgespielt. Denn für Lehrlinge wurde in der Pandemie nicht viel getan. Jetzt aber tauchen sie als geheuchelter Maßstab auf. Die Lehrlinge hätten ja auch keine Erleichterungen, warum also die Maturant:innen? Das sagt etwa Jugendstaatssekräterin Claudia Plakolm.

Aber warum eigentlich nicht? Warum gibt es im dritten Jahr der Pandemie keinerlei Erleichterungen für Lehrlinge vonseiten der Regierung? Das eigene Versagen offensiv rauszuposaunen ist ein bizarrer Weg der Verteidigung.

Schüler:innen, Lehrlinge, aber auch Kindergartenkinder und ihre Familien tragen gerade eine große Last dieser Pandemie. Sie verdienen mehr als zynisches und schnippisches Abschaßeln und Härte. Sie verdienen ein Bildungssystem, das ihre Bedürfnisse ernst nicht und sich an ihnen ausrichtet.

Und nicht an den überkommenen Vorstellungen reaktionärer Eliten von Bildung als Abhärtung.

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