Eine Mindestpensionistin hält Wiesenblumen in der Hand.
/ 5. August 2021

Mindestpensionistin sein, heißt leben unter der Armutsgrenze. Für viele Frauen in Österreich ist das die Realität. Wir haben mit einer alleinstehenden Pensionistin gesprochen.

Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet. Das war einfach so. Als junges Mädchen habe ich eine Schneiderlehre gemacht, als Akkordschneiderin. Ich habe davon geträumt, wunderschöne Kleider zu nähen, Maß zu nehmen, Modell zu zeichnen. In Wirklichkeit habe ich 10, 12 Stunden im Akkord Manteltaschen eingenäht. Wir Mädchen saßen alle in einen Raum gepfercht, zwischen den Reihen ist der Lehrherr durchgegangen. Wenn eine zu langsam war, oder einen Fehler gemacht hat, dann hat es geschnalzt. Nach meinem Lehrabschluss habe ich auch noch meine Meisterprüfung gemacht, dann meine Tochter bekommen und habe mich ein paar Jahre um sie gekümmert. Kindergarten, das war damals nicht selbstverständlich, bei den kleinen Kindern wurde schon erwartet, dass die Mutter zu Hause bleibt. Also habe ich den Haushalt geschupft und das Kind betreut.

Dann kam die Scheidung und ich bin dann als Schneiderin wieder eingestiegen. Ich habe mich sogar selbstständig gemacht als Damenschneiderin. Das waren Arbeitstage bis zu 16 Stunden. Wenn das Ballkleid fertig werden muss, dann bleibst du so lange an der Nähmaschine sitzen, bis es fertig ist, egal wie müde du bist, deine Augen brennen oder dein Nacken schmerzt, weil du stundenlang vornüber gebeugt sitzt. Bis heute spüre ich meinen Beruf in meiner Wirbelsäule. Am Schluss ging es dann auch gesundheitlich einfach nicht mehr, meine Bandscheiben haben nicht mehr mitgemacht. Monatelang konnte ich mich kaum bewegen, an arbeiten war nicht zu denken. Mit 58 bin ich in Pension gegangen.

Eine Mindestpensionistin dreht jeden Cent zweimal um

Als mein Pensionsbescheid kam, musste ich schon schlucken. Für mehr als die Mindestpension hat es eben nicht gereicht. Heute bekomme ich 1.000 Euro im Monat. Da muss man dann jeden Euro zweimal umdrehen, denn nach Abzug der Fixkosten für Miete, Strom und Gas bleibt nicht mehr viel über. Man studiert jedes Prospekt und schaut immer nach Angeboten: Wenn die Butter beim Billa gerade um 10 Cent billiger ist, dann kaufe ich sie dort ein, auch wenn das ein weiterer Weg für mich ist. Man hat die Preise für Lebensmittel mit der Zeit exakt im Kopf, an manchen Tagen schaue ich in drei verschiedenen Läden vorbei, um ein paar Cent zu sparen. Fleisch gibt es selten, es ist teuer und für mich allein zahlt es sich kaum aus. Bis vor ein paar Jahren habe ich noch kleinere Näharbeiten gemacht, für die Nachbarn die Wäsche gebügelt, am Weihnachtsmarkt Seifen verkauft. Damit konnte ich mir ein paar Extra-Euros verdienen. Erlaubt ist das natürlich nicht. Heute mit über 80 Jahren schaffe ich das nicht mehr.

Urlaub mit Mindestpension? Unleistbar.

Größere Ausgaben kann ich mit meiner Pension nicht stemmen. Urlaub oder ähnliches, das muss man weglassen. Das ist schade, ja, aber das ist einfach nicht drin. Aber eine neue Zahnprothese kostet schnell ein paar hundert Euro, auf die kann ich nicht verzichten. Gott sei Dank kann ich bei meinem Zahnarzt auch in Raten zahlen. Wenn die Waschmaschine eingeht, habe ich schlaflose Nächte, bis ich weiß, dass man sie reparieren kann und ich mir die Reparatur gerade noch leisten kann.

Ich bin dankbar, dass ich mit der Ausgleichszulage überhaupt die 1.000 Euro bekomme. Aber weh tut es natürlich schon, wenn man zu Weihnachten bei den Enkerln mit leeren Händen sitzt. Natürlich backe ich Kekse für alle, aber es ist eben nicht dasselbe. Man möchte den Kindern auch etwas schenken. Am schlimmsten ist es, wenn es sich gar nicht ausgeht und man sich Geld ausborgen muss. Für eine Zahnbrücke, die 800 Euro gekostet hat, musste ich mir einmal das Geld von meiner Enkeltochter leihen. Ich habe ihr selbstverständlich alles zurückgezahlt, aber ich bekomme heute noch rote Wangen vor Scham, wenn ich an das Gespräch denke. Das ist einfach nicht richtig, nach so vielen Jahren harter Arbeit um Geld betteln zu müssen.

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