Marianne (76) als Oma vom Dienst in der Vollpension

Marianne (76) arbeitet als Oma vom Dienst in der Vollpension. Foto: (c) Mark Glassner

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/ 20. Juli 2021

60 Jahre hat Marianne gearbeitet und trotzdem reicht ihre Pension für ein gutes Leben nicht aus. Sie ist damit eine von vielen Frauen, die in Österreich von Altersarmut betroffen ist. Das Wiener Café Vollpension hilft.

“Ich habe geschaut, dass ich den Kindern möglichst etwas bieten kann.” Das war nicht einfach. Marianne ist 76 Jahre alt. 40 Jahre lang hat sie in Rechtsanwaltskanzleien gearbeitet. In dieser Zeit hat sie auch ihre zwei Kinder großgezogen. “Ich war mit den Kindern alleine. Ich musste natürlich immer schauen, dass Geld ins Haus kommt.” Deswegen hat sie neben ihrer Vollzeitanstellung immer noch andere Jobs gemacht. Nach diesen 40 Jahren Arbeit hätte Marianne im Alter von 55 Jahren in ihren wohlverdienten Ruhestand gehen können. Doch sie konnte, wollte und musste noch arbeiten. Denn die Pension, die sie bekommt, reicht gerade so fürs Nötigste.

“Alles ist so furchtbar teuer”

“Ich leiste mir keinen Luxus. Früher bin ich oft auf einen Kaffee gegangen. Das geht nicht mehr. Ich trinke meinen Kaffee zu Hause, weil alles so furchtbar teuer geworden ist.” Früher habe sie auch immer etwas auf die Seite gelegt, für unerwartete Kosten. Das sei inzwischen nicht mehr möglich. “Wenn man alle Kosten alleine tragen muss, ist das etwas anderes, als wenn man zu zweit ist. Alle Anschaffungen, alle Reparaturen muss ich alleine bezahlen.”

Job und Sinn bei der Wiener Vollpension

Damit sie gut über die Runden kommt, arbeitet die 76-Jährige auch heute noch. Sie ist Oma vom Dienst im Wiener Generationencafé Vollpension. Dort kochen und backen Pensionist:innen wie bei Oma zu Hause, mittlerweile gibt es auch Picknickkörbe zum Abholen und Online-Backkurse. Marianne empfängt die Gäste im Café, bringt sie zu ihren Plätzen und fragt nach ihren Wünschen und unterhält sie. Das liegt und gefällt der offenen und kommunikativen Pensionistin sehr.

Die Vollpension ist ein soziales Unternehmen, mit insgesamt 80 Mitarbeiter:innen, von denen mehr als die Hälfte über sechzig Jahre alt ist, alleine lebt und/oder von Altersarmut betroffen ist. Das Unternehmen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Altersarmut und Vereinsamung von älteren Menschen zu bekämpfen.

Hunderte Pensionist:innen bewarben 2019 sich für Jobs beim mittlerweile zweiten Standort in Wien. Der Bedarf an sinnvollen Zuverdienstmöglichkeiten ist also groß. Die Vollpension alleine wird Probleme wie Altersarmut und -vereinsamung nicht stemmen können.

Altersarmut in Österreich

Altersarmut ist weiblich. Am höchsten ist das Risiko für Altersarmut unter alleinstehenden Pensionistinnen. Im Jahr 2020 waren von 216.000 Menschen in Altersarmut 145.000 Frauen. Auch prozentuell sind Frauen häufiger betroffen. 17 Prozent aller Frauen über 65 sind armutsgefährdet, bei den Männern sind es 10 Prozent.

Das liegt einerseits daran, dass Frauen mehr unbezahlte Arbeit wie Kindererziehung und Pflege von Angehörigen übernehmen. Deswegen arbeiten sie oft Teilzeit oder über mehrere Jahre nur unbezahlt, was weniger Versicherungsjahre aus Erwerbstätigkeit bedeutet. Außerdem wird Arbeit, die von Frauen geleistet wird, oft schlechter bewertet. All das führt dazu, dass Frauen geringere Einkommen und damit niedrigere Pensionen haben.

Altersarmut lässt sich nur auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene lösen. Expert:innen fordern den Ausbau von kostenlosen Betreuungsangeboten und Ganztagsschulen. Die Pflege muss so organisiert werden, dass weibliche Angehörige nicht den Großteil der Last unbezahlt tragen müssen. Eine Arbeitszeitverkürzung würde dabei helfen, Sorgearbeit besser aufzuteilen. Sofort wirksam wäre eine Erhöhung des Ausgleichszulage, die praktisch die Mindestpension in Österreich bildet. In diese Richtung ist vonseiten der türkis-grünen Regierung aber bisher kaum etwas geschehen.

Bis diese dringend notwendigen Maßnahmen in der Politik auf der Tagesordnung landen, werden Menschen in Altersarmut weiter darum kämpfen müssen, um die Runden zu kommen. Manche werden wie Marianne großes Glück haben. Sie hat in der Vollpension nicht nur eine sinnvolle Arbeit gefunden, sondern auch eine Gemeinschaft: “Man hat so ein miteinander dort, das ist etwas Herrliches.”

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