Daniela Brodesser und ihre neue Kolumne: Armutprobe. Das Cover zeigt Brodessers skizziertes Porträt.
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Daniela Brodesser

/ 21. Oktober 2020

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich die Nummer des Amts eingetippt habe, um dann doch nicht anzurufen. Dabei weiß ich doch, wie dringend es ist. Mein Mann bekommt 290 Euro im Krankenstand, ich will die Mindestsicherung beantragen. Zum ersten Mal in meinem Leben. Also reiße ich mich zusammen, rufe beim Amt an, erzähle dieser fremden Frau meine Lebensgeschichte, mache mich nackt.

"Das hätten Sie vorher wissen müssen", sagt die Sachbearbeiterin. Verlangt einen Kontoauszug für die letzten sechs Monate - und zwar auf A4-Seiten gedruckt. Eine Riesenhürde, denn die Bank druckt das Sonderformat nur gegen Gebühr. 15 Euro sind das, 15 Euro, die ich mir unmöglich leisten kann. Also zurück zur Sachbearbeiterin, sie anflehen, die Seiten am Amt zu drucken.

"Dafür bin ich nicht zuständig." Also wieder in die Bank. Dem Mitarbeiter erklären, dass ich das Geld nicht habe, wieder meine gesamte Geschichte offenlegen. Ich habe die Auszüge bekommen. Erste Hürde geschafft.

Kein Wunder, dass Menschen freiwillig auf die Mindestsicherung verzichten

"Das hat aber gedauert. Anscheinend brauchen Sie das Geld nicht so dringend." Nach drei Wochen sollte mein Antrag bearbeitet sein. Ich höre nichts vom Amt, rufe an.

"Dauert noch." Die Woche darauf rufe ich wieder an.

"Mit jedem Anruf dauert die Bearbeitung länger." Ich rufe nicht wieder an. Drei Monate lang muss ich den Vermieter vertrösten, der jedes Mal nach dem Geld fragte, wenn ich mit dem Lebensmitteleinkauf nach Hause komme. Drei Monate dauert es, dann wird meinem Antrag stattgegeben.

Das alle ist Jahre her, aber die Angst vor dem Amt sitzt mir tief in den Knochen. Kein Wunder, dass viele Menschen keine Mindestsicherung beantragen, obwohl sie alle Voraussetzungen erfüllen. Selten habe ich mich so ausgeliefert gefühlt, wie wenn ich vor der Sachbearbeiterin gesessen bin. Ich hoffe, dass ich nie wieder auf diese Hilfe angewiesen sein werde.

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