Ein Lieferando-Fahrer mit dem typischen orangenen Rucksack auf dem Fahrrad von hinten. In dem Artikel geht es um den Boom von Lieferservices während Corona.

In Innsbruck explodierte die Zahl an Fahrer:innen für Lieferservices wie Lieferando und mjam. Wie geht es ihnen bei der Arbeit während der Pandemie?

Foto: Mika Baumeister für Unsplash

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/ 12. Juli 2021

Corona hat den Essenslieferdiensten Lieferando und mjam Gewinnrekorde beschert. Die Fahrer:innen bekommen davon nur einen oft prekären Billiglohnjob. Warum boomt der Bereich trotzdem?

In den vergangenen Lockdowns war Essenslieferung einer der wenigen möglichen neuen Jobs. Die Stellen bei Lieferando und mjam gingen weg wie die warmen Pizzen. Lieferando hat die Anzahl der Fahrer:innen 2020 insgesamt verdoppelt, Tendenz weiter steigend.

Das gilt zum Beispiel auch für Innsbruck. Hier waren Lieferdienste noch 2018 ein Nischengeschäft mit circa 20 Fahrer:innen. Heute zählen mjam und Lieferando je über 200. Fahrradkuriere haben sich in Innsbruck also in kurzer Zeit verzehnfacht. Der Bedarf an Arbeit ist so hoch, dass Lieferando mittlerweile die E-Bikes ausgegangen sind.

Wie sehen die Lieferant:innen den Job? MOMENT hat mit einigen auf der Straße gesprochen, wenn sie einige Minuten zwischen zwei Lieferungen hatten.

Fix angestellt beim Lieferservice

Ausnahmslos alle Fahrer:innen, die MOMENT auf der Straße antraf, hatten erst nach Corona angefangen zu liefern. Rajid* und Mahmed*, beide 27, hatten zuvor auf Baustellen und in Gelegenheitsjobs gearbeitet. Das war durch Corona schlagartig nicht mehr möglich. Jetzt fahren sie Vollzeit Fahrrad. Mit der Arbeit sind beide “sehr zufrieden”, weil sie sportlich, krisenfest und relativ gut bezahlt sei. Elf Euro netto die Stunde bekommen sie bei Lieferando, plus Trinkgeld. Sie sind fix bei Lieferando angestellt, mit Urlaubs- und Krankengeld.

Auch der Student Jens*, 25, hat während Corona bei Lieferando angefangen, weil er nicht mehr wusste, wohin mit seiner Zeit. Lange würde er den Job allerdings nicht machen wollen, weil er “anspruchslos” sei. Wenige Fahrer:innen bleiben längerfristig. Vier bis fünf Jahre ist die Obergrenze. Der Wechsel bei Lieferando ist hoch.

Orange oder Grün?

Das Stadtbild von Innsbruck ist seit dem ersten Lockdown von den orangen und grünen Bot:innen geprägt. Das macht einen freundlichen Eindruck, der von den harten Bandagen des Geschäfts im Hintergrund ablenkt. Jens spricht von Kollegialität zwischen Lieferando- und mjam-Fahrer:innen. Aber außer einer gemeinsamen Chatgruppe und Treffen auf der Straße gibt es wenig Kontakt. Alle radeln für sich.

Für mjam braucht man ein eigenes Fahrrad, ein eigenes Handy und den mjam-Rucksack. Zentrale und Fahrradlager wie bei Lieferando gibt es bei mjam nicht. Es läuft alles über die App. mjam wird nicht müde zu behaupten, einen “flexiblen” Job anzubieten. Das heißt in der Realität: kein Urlaubsgeld, kein Krankengeld, keine Versicherung.

mjam-Fahrer Mehdi*, 29, ist einmal die Kette gerissen. So war er einige Tage arbeitsunfähig. Für die Reparatur musste er selbst aufkommen. Ein anderes Mal verpasste er die Frist, den Lohnzettel einzureichen und bekam deshalb sein Gehalt erst einen Monat später.

Mehr Risiko, vielleicht mehr Geld

Warum fahren trotzdem Menschen für mjam statt für Lieferando? Manche bekamen schlicht bei Lieferando keinen Job. Andere wittern mehr Geld und gehen dafür Risiken ein. Die Fahrer:innen werden bei mjam nicht nach Stunden bezahlt, sondern bekommen vier Euro pro Lieferung, was das Einkommen unsicherer aber möglicherweise höher macht. Mehdi fährt durchschnittlich 400 Bestellungen pro Monat aus, macht 1.600 Euro brutto im Monat plus Trinkgeld.

Er kenne aber auch KollegInnen, die 1.000 Bestellungen pro Monat lieferten. In einer 40-Stunden-Woche wäre das eine abgeholte und ausgelieferte Bestellung alle zehn Minuten - ohne Pause. Das klingt nach Selbstausbeutung. Klar: 4.000 Euro brutto sind ohne Ausbildung sonst schwer zu verdienen. Die Lieferant:innen müssen sich selbst um Steuern und Sozialabgaben kümmern.

Totaler Wettbewerb

Zusätzlich bewertet mjam seine Fahrer:innen in einem Belohnungssystem, das Schnelligkeit und Pünktlichkeit durch die Schichtvergabe belohnt und Verspätungen oder Versäumnisse bestraft. Die “Rider” werden automatisch in vier Kategorien gerankt. Hier wird das Management also schon von Algorithmen erledigt. Das Belohnungssystem verstärkt die Selbstausbeutung und Vereinzelung unter den Fahrer:innen. mjam antwortet auf Fragen von MOMENT zu den Arbeitsbedingungen und den Hintergründen ihrer Fahrer:innen nicht.

mjam ist ein Prototyp einer neuen, digitalen, plattformbasierten Arbeit. Über die App können alle Fahrten aufgezeichnet und verfolgt werden. Algorithmen werten diese Daten aus und können so exakte Aussagen über die Leistung der Fahrer:innen treffen. Auch bei Lieferando läuft die ganze Kommunikation über eine App. Bei einem Unfall, Problem oder einer einfachen Nachfrage werden alle Innsbrucker Fahrer:innen mit der Zentrale in Berlin verbunden, die sich auch einschaltet, wenn eine Fahrt ungewöhnlich lange dauert oder ein Umweg genommen wird.

Übergangslösung

Nach Corona wollen viele wieder einem anderen Job nachgehen und höchstens nebenher Essen ausliefern. So wie Jasmin*, 19, die vor Corona als Kassiererin gearbeitet hat. Oder Corinna*, 23, die vorher in einem Kino gearbeitet und im Lockdown noch ein zweites Studium angefangen hat.

Hauptberuflich wollen die wenigsten für Lieferando oder mjam arbeiten, außer Dilawar. Der 35-Jährige kam als Flüchtling nach Österreich und arbeitet nach sechs Jahren erstmals überhaupt wieder in Vollzeitanstellung für Lieferando. Die sportliche und eigenständige Arbeit sei “gut für Seele und Hirn”. Früher war die Lieferei ein typischer Studierendenjob, heute gesellen sich zu den Student:innen auch viele Migrant:innen, die sonst schwer eine Arbeit finden.

Lieferdienste stehen immer wieder in der Kritik für ihre Arbeitsbedingungen. In Berlin streiten und streiken Fahrer:innen vom Lieferdienst Gorillas gerade für eine Betriebsratsgründung. Und auch in Wien haben Lieferando-Fahrer:innen einen Betriebsrat erkämpft. In Coronazeiten bieten Lieferdienste eine einfache und vor allem zugängliche Arbeitsmöglichkeit. Die Fahrer:innen sind großteils froh, in unserem Lohnarbeitssystem zumindest zu überleben. In Krisenzeiten ist das natürlich zusätzlich wichtig. Ob der Lieferhype Corona überdauert, bleibt aber abzuwarten.
 
*Alle Namen wurden redaktionell geändert

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