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Ökologe Mordecai Ogada über scheiternden Naturschutz: "Nicht an NGOs spenden, die Landraub unterstützen"

Ökologe Mordecai Ogada über scheiternden Naturschutz: "Nicht an NGOs spenden, die Landraub unterstützen"
Es klingt absurd: Der renommierte Naturforscher Mordecai Ogada fordert, weniger Geld an Naturschutz-NGOs wie den WWF in Afrika zu spenden. Was im Namen des Naturschutzes in Afrika getan werde, sei "gewalttätig, rassistisch und elitär". Die spendenfinanzierten NGOs seien mitverantwortlich für Landraub, Vertreibung der lokalen Bevölkerung und Bereicherung einiger weniger. "Jede Person, die nicht genau erfährt, was mit ihrem Spendengeld passiert, sollte nicht spenden", empfiehlt er.
 

Spenden für den Schutz wilder Tiere und die Natur in Afrika? Eine gute Sache, oder? Nicht ganz, sagt der Ökologe und Wildtierforscher Mordecai Ogada. Naturschutz sei “der einfachste Weg, in Afrika Land in Besitz zu nehmen.” Der Kenianer nimmt sich seit langem kein Blatt vor den Mund und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Nichtregierungsorganisationen WWF und The Nature Conservancy. Sie verwendeten Spendengeld dafür, “Waffen, Munition und Fahrzeuge zu kaufen und Patrouillen aufzustellen”, sagt er im MOMENT-Interview.

Die lokale Bevölkerung werde für Reservate vertrieben, sie litten unter Gewalt, sagt Ogada. Gleichzeitig sei der Naturschutz Türöffner für Unternehmen, die Bodenschätze ausbeuten wollen. Fragwürdig sei auch der globale Handel mit Emissionszertifikaten, an denen NGOs beteiligt sind. Solange Naturschutz-NGOs Menschenrechte verletzen, Landraub und Gewalt in Afrika akzeptierten, “sollten wir aufhören, ihnen Millionen von Euro zu geben”, sagt Ogada. “Jede Person, die nicht genau erfährt, was mit ihrem Spendengeld passiert, sollte nicht spenden.”  MOMENT sprach den WWF auf die Vorwürfe an. Was die NGO dazu sagt, steht in von uns eingeschobenen Textpassagen.

MOMENT: In ihrem Buch “The Big Conservation Lie” beschreiben sie Naturschutz in Afrika als eine neue Form von Kolonialismus. Wie kommen sie darauf?

Mordecai Ogada: Naturschutz ist der einfachste Weg, in Afrika Land in Besitz zu nehmen. Wenn Du aus Europa kommst und sagst, ich möchte eine Farm oder eine Fabrik aufbauen, musst du dich durch viele Regelungen und Behörden kämpfen. Aber wenn du kommst und sagst, ich möchte Land für ein Naturschutz-Reservat haben, bekommst du das ganz einfach. Du erhältst eine Lizenz, Zäune um das Land zu errichten und Waffen zu kaufen, um das Land zu bewachen. Das ist Neo-Kolonialismus.

MOMENT: Wie reagieren Menschen, denen Sie das sagen?

Ogada: Die meisten Menschen sind überrascht, wenn sie das hören. Sie sehen Naturschutz nicht so. Sondern sie sehen es als etwas sehr Gutes, was allen Menschen nützt. Menschen denken nicht, dass Naturschutz, für den sie spenden, auch schlechte Seiten hat.

MOMENT: Was sind diese schlechten Seiten des spendenfinanzierten Naturschutzes in afrikanischen Ländern?

Ogada: Naturschutz-NGOs bekommen Geld von ihren Spender:innen und gehen dann in die Kommunen und sagen: Wir sind hier um euch zu helfen. Wir bauen euch einen Tourismus-Betrieb, damit ihr Geld machen könnt. Aber ihr müsst folgendes tun: Verschwindet aus dem Gebiet und überlasst es der Tierwelt und den Tourist:innen. Dann bekommt ihr einen Anteil an den Gewinnen.

Aber das passiert nicht. Die Tourismus-Betriebe haben eine clevere Buchhaltung. Auf dem Papier schreiben sie Verluste. Und sie geben Gewinne erst weiter, wenn die Kosten dafür abbezahlt sind, den Betrieb zu erbauen. Das dauert Jahre. Das Ergebnis ist: Die Menschen verlassen das Gebiet und ausländische Investor:innen nehmen sich ihr Land – gratis.

MOMENT: Sie haben Naturschutz in Afrika als ein Programm der politischen Rechten bezeichnet, das mit Geld von politisch links eingestellten Menschen ermöglicht wird. Wie kommen Sie darauf?

Ogada: Umweltschützer:innen in Europa und den USA sind hauptsächlich Linke. Das sind Leute, die 50 Euro im Monat an den WWF oder eine andere Organisation spenden, weil sie die Tierwelt und die Natur lieben. Aber in Afrika benutzt der WWF das Geld, um Waffen, Munition und Fahrzeuge zu kaufen und Patrouillen aufzustellen. Das ist eine Vorgehensweise von Rechten: Es ist gewalttätig, rassistisch und elitär.

Es gibt auch private Naturschutzgebiete, die gehören reichen Menschen. Von all dem Geld hat die Bevölkerung gar nichts. Wir müssen die Menschen in den westlichen Ländern informieren, was mit ihrem Geld gemacht wird. Der WWF schafft es, hier gut auszusehen und gleichzeitig schlechte Dinge in Afrika zu tun.

Naturschutz-Organisationen arbeiten in Afrika mit bewaffneten Patrouillen zusammen, private und staatliche. Der WWF begründet das mit den Gefahren für Wildhüter durch Wilderer. “Wenn Wilderer mit Waffen kommen und unsere Ranger haben keine, dann werden sie getötet. Das ist sinnlos”, sagte Luis Arranz vom WWF in Zentralafrika der Deutschen Welle. Laut der International Union for Conservation of Nature wurden 2013 in 35 untersuchten Ländern 102 Wildhüter:innen getötet, 69 von ihnen durch Wilderer und Militärangehörige.

In Afrika sind laut einer Umfrage des WWF mehr als 70 Prozent der Wildhüter:innen ständig bewaffnet. (Link zum pdf) In derselben Umfrage gaben 94 Prozent der Ranger:innen an, Waffen von ihrem privaten Geld zu kaufen. MOMENT konfrontierte den WWF in Österreich mit den Vorwürfen Ogadas. Sprecher Nikolai Moser antwortete: “Das ist falsch. Der WWF hat weder Waffen oder Munition gekauft, noch deren Kauf finanziert. Das hat auch der Bericht einer unabhängigen Kommission bestätigt.”

Im Jahr 2019 schlug ein Artikel von Buzzfeed hohe Wellen. Darin wurde dem WWF vorgeworfen, er würde Wildhüter:innen mit Waffen versorgen, die Angehörige der lokalen Bevölkerung gefoltert und getötet hätten. Im vergangenen Jahr sprach ein Bericht den WWF vom Vorwurf frei, für Tötungen verantwortlich zu sein. Allerdings hätten WWF-Verantwortliche gewusst, dass Einwohner:innen misshandelt worden seien. Sie hätten aber weder wirksam noch rechtzeitig eingegriffen. Der WWF sei immer wieder “seinen eigenen Verpflichtungen zur Achtung der Menschenrechte“ nicht nachgekommen, hieß es im Abschlussbericht. “Wir empfinden tiefe und uneingeschränkte Trauer für die, die leiden mussten”, schrieb der WWF.

Das United Nations Development Program berichtete von Gewalt, Festnahmen, Folter, Vergewaltigungen und Tötungen von Menschen des Volkes der Baka im Kongo. Sogenannte “Ökowächter”, vom Staat bezahlte und vom WWF unterstützte Paramilitärs, hätten ein Dorf durchkämmt. Sie verdächtigten Einwohner:innen einen Elefanten getötet zu haben. Im UN-Bericht kamen Betroffene zu Wort: “Die Witwe eines Baka-Mann sprach davon, dass er im Gefängnis von Ouesso so misshandelt wurde, dass er kurz nach seiner Freilassung starb. Er war in einem WWF-gekennzeichneten Fahrzeug ins Gefängnis transportiert worden”, heißt es dort.

MOMENT: Sie wurden im vergangenen Jahr selbst von Wildhüter:innen mit Waffen aufgehalten. Was ist da passiert?

Ogada: Ich befand mich auf einer öffentlichen Straße, die an einem Naturschutzgebiet vorbeiführt. Ich war mit meinen Kindern unterwegs, um wilde Tiere zu beobachten. Es ist die gleiche Straße, die ich seit 20 Jahren benutze. Wir machten ein paar Fotos von wilden Elefanten. Ein paar Leute aus dem Schutzgebiet kamen und wollten uns vertreiben. Mir ist schlussendlich nichts passiert. Aber: Viele Menschen benutzen diese Straße für ihre alltäglichen Wege. Jetzt sind sie davon abgeschnitten. Niemand sonst darf so etwas machen, keine Bäuer:innen, keine Unternehmer:innen. Aber Naturschutz darf das tun.

MOMENT: Sie sprechen von Landraub im Namen des Naturschutzes. Das Phänomen wird als “Green Grabbing” beschrieben. Was passiert da?

Ogada: Die Organisation The Nature Conservancy ist schlimmer als andere. Sie haben mehr Geld, sie rauben Land und sogar Küstengewässer. Und sie besitzen die Rechte an Ressourcen darunter: Öl, Bodenschätze, all das. Willst du die ausbeuten, musst du sie fragen und ihnen Geld dafür geben. Naturschutz ist nur die Methode, da heranzukommen.

MOMENT: Wird das absichtlich so gemacht? Naturschutz als Vehikel, um an Bodenschätze kommen?

Ogada: Das wird bewusst so gemacht. Es ist der einzige Grund, warum auch große Unternehmen den NGOs Geld geben. Das sind keine Wohltäter. Die machen Geschäfte. Im Norden Kenias kontrolliert The Nature Concervancy ein Gebiet unter dem Öl entdeckt wurde. Die Africa Oil Corp. hat ihnen 12 Millionen Dollar  gespendet. Die größte Bedrohung für den Naturschutz sind diese Unternehmen. Uns wird weisgemacht, dass die kapitalistische Wirtschaft die Umwelt schützt. Kapitalismus hat niemals etwas gerettet.

MOMENT: Was ist die Lösung? Sollten wir aufhören, solchen Naturschutz-NGOs Geld zu geben?

Ogada: Ich dachte nie, dass ich das sagen würde, aber: Ja, das ist ein guter Anfang. Die Naturschutz-NGOs werden sich nicht ändern, bis wir aufhören, ihnen Millionen von Euro zu geben. Wenn sie in den Supermarkt gehen, schauen sie genau, was in den Produkten drin ist. Und da geht es um Sachen, die 1,50 Euro kosten. Gleichzeitig spenden Menschen 100 Euro für Naturschutz und stellen überhaupt keine Fragen. Jede Person, die nicht genau erfährt, was mit ihrem Spendengeld passiert, sollte nicht spenden. Geben sie es dann lieber an wohltätige Organisationen in Österreich.

MOMENT: Aber es ist doch ein Erfolg der NGOs, dass beispielsweise Elefanten jetzt besser geschützt werden vor Personen, die für Elfenbein wildern?

Ogada: Das stimmt einfach nicht. Die Naturschutz-Industrie hat da eine Krise erfunden. Sie sagen, alle 15 Minuten wird ein Elefant getötet. Sie sagen, die Afrikanischen Elefanten werden bis zum Jahr 2025 ausgerottet sein. Wenn sie dem Raum geben und nicht widersprechen, werden die Menschen in Panik geraten und natürlich Geld spenden. Und wenn es 2025 noch Elefanten geben wird, werden die Organisationen sagen: Das ist so, weil wir so hart dafür gekämpft haben. Aber nein, die Gesetzeshüter:innen sollten diesen Job machen. Und der Staat ist dafür zuständig.

MOMENT: Aber der Eindruck hier ist: Die lokalen Behörden sind überfordert mit der Aufgabe und selbst korrupt.

Ogada: Die Regierung in Kenia nimmt den Naturschutz nicht ernst. Naturschutz ist angesiedelt im Tourismusministerium. Das ist aber nicht Tourismus. Tourismus ist ein Geschäft. Naturschutz ist ein Prinzip und unsere Regierung ist dafür verantwortlich. Wenn die NGOs so viel falsch machen, dann sollte die Regierung ihnen sagen: Ihr kauft keine Waffen, um Gesetzeshüter zu spielen. Das ist unsere Aufgabe. Das größte Problem ist die Schwäche unserer Regierung.

MOMENT: Sie haben den Naturschutz in Afrika als ein System der Apartheid bezeichnet. Ein scharfer Vorwurf. Warum Apartheid?

Ogada: Es ist ein scharfer Vorwurf, richtig. Aber wenn sie mal schauen, wer als die Held:innen des Naturschutz gelten, dann sind darunter keine Schwarzen. Das kann nur zwei Dinge bedeuten: Es ist Diskriminierung oder den Schwarzen in Afrika ist der Tierschutz egal. In TV-Dokus wird immer die schöne Natur gezeigt. Aber sie sehen nie eine schwarze Person. Die Tourismus-Broschüren zeigen atemberaubende Natur und darin immer einen weißen Mann oder eine weiße Frau. Sie zeigen nicht einmal Menschen aus China und Indien, immer nur Weiße. Das läuft so seit Jahrzehnten. Diese Form der Apartheid ist Normalität geworden.

MOMENT: Sie haben in einem Interview gesagt, es wäre das Ende für den Naturschutz , wenn Jeff Bezos jetzt auch noch anfängt zu spenden. Jetzt hat er genau das angekündigt. Kann das so schlimm sein?

Ogada: So, wie es jetzt läuft ja. Sagen wir, reiche Leute wie Bezos spenden – um gut dazustehen oder Steuern zu sparen. Dann sollten sie es sich zumindest nicht zu leicht machen. Sie sollten nicht nach dem Motto handeln: Mordecai Ogada war bei mir und es klingt gut, was er sagt. Geben wir ihm 10 Millionen Euro. Sie sollten stattdessen 7 Millionen Euro spenden und 3 Millionen an Leute, die überprüfen, was damit passiert.

Zu viel Geld versaut den Naturschutz. Zu viel Geld geht an zu wenige Leute. Wir haben Prüfungen für alles: Wir machen Finanzprüfungen und rechtliche Prüfungen. Beim Naturschutz gibt es das nicht. Das ist verrückt.

Der WWF Österreich äußerte sich gegenüber MOMENT auch dazu. “Einnahmen und Ausgaben werden jährlich aktualisiert und veröffentlicht. In Österreich erfüllt der WWF die strengen Standards des Österreichischen Spendengütesiegels”, sagt Sprecher Nikolai Moser.

MOMENT: Wir sitzen hier bei einer Konferenz über das Scheitern des globalen Naturschutzes und Greenwashing. Ist der Naturschutz gescheitert?

Ogada: Er ist dabei zu scheitern, ja. Nehmen sie den Emissionshandel: Wenn sie eine Chemiefabrik in Österreich bauen, die der Umwelt schadet, dann können sie jemanden Geld geben, der dafür dann ein paar Bäume in Kenia pflanzt. Damit ist das auf dem Papier ausgeglichen. Aber der Umweltschaden wird in Österreich angerichtet, also sollte er auch dort bereinigt werden. Und weil Kenia so weit weg ist, fragt in Österreich auch niemand: Leben da Menschen, die für den Wald von ihrem Land vertrieben werden? Was passiert da genau?

Im vergangenen Jahr wurde der NGO “The Nature Conservancy” vorgeworfenen mit “potenziell nutzlosen CO2-Zertifikaten” zu handeln. Unternehmen, die diese kaufen, können damit ihre CO2-Bilanzen verbessern. In einem Bericht von Bloomberg hieß es jedoch, die weltgrößte Naturschutz-Organisation habe Schutzzertifikate für Bäume ausgegeben, die niemals in Gefahr waren. Der Waldökologe Charles Canham, langjähriges Mitglied im Aufsichtsrat von Nature Conservancy, nennt das Vorgehen in einem Bericht “skrupellos”.

MOMENT: Bäume in Kenia zu pflanzen ist doch aber zumindest besser, als gar nichts zu tun, um die Emissionen auszugleichen?

Ogada: Ja, aber machen sie das besser in Österreich. Kenia kann und sollte sich selbst um seine Wälder kümmern. Wenn jemand in Österreich eine Fabrik baut, werden die Leute sagen: Moment, das ist schlecht fürs Klima. Die Betreiber werden antworten: Nein, wir machen ja Emissionshandel und gleichen das aus. 50.000 Bäume wurden dafür in Kenia gepflanzt. Sie sollten denen sagen: Ich gebe einen Scheiß auf Bäume in Kenia. Ich will eine intakte Natur in Österreich.

Sie in Österreich werden diese Bäume nie zu Gesicht bekommen. Die Menschen in Kenia, die für die Bäume ihre Gebiete verlassen mussten, haben nichts von der Fabrik. Beim globalen Emissionshandel kommt nichts vom Geld bei den Gemeinschaften im Süden an. Keiner stellt Fragen, keiner durchblickt, wie das abläuft. Gleichen Sie die Emissionen in Europa aus. Das ist gerechter. Sie leben hier, pflanzen Sie Bäume hier.

 

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