#NatsAnalyse
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Natascha Strobl

/ 9. März

Von den Identitären über die Regierung bis hin zur Opposition hört man dieser Tage die Losung: "2015", also, die großen Fluchtbewegungen von syrischen Schutzsuchenden nach Europa, dürfe sich nicht wiederholen. Die rechtsextremen Identitären nehmen sogar die antifaschistische Losung "Nie wieder" und wenden sie für 2015 an.

In dieser Gemengelage wird das Jahr 2015 zum Negativmythos, zum kollektiven Trauma. Dieser Mythos wird in dieser Erzählung zum Ausgangspunkt für alle aktuellen Entwicklungen. 2015 als Zäsur, die die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. 2015 wird zur „Stunde Null“ der aktuellen Zeitrechnung. Das ist gefährlich.

Geschichtsklitterung

Der Mythos verdrängt dabei die realen Ereignisse immer mehr in den diskursiven Hintergrund. Das Verhalten von Victor Òrban und seiner FIDESZ (Mitglied der europäischen Volkspartei, damals wie heute), die Flüchtlinge in Ungarn vor den Augen der Welt menschenunwürdig behandelte, kommt dabei gar nicht mehr vor. Vielmehr wird so getan, als hätten „die Linken“, vor allem in der Person Angela Merkel (CDU - Mitglied der europäischen Volkspartei, damals wie heute), Flüchtlinge angestiftet, massenweise nach Europa zu kommen. Dass das etwas mit Krieg und dem (absichtlichen) Versagen Ungarns zu tun hat, ist nicht mehr Teil der Erzählung.

Aus dem Kontext gerissen

In dieser Erzählung der Stunde Null wird gleichzeitig unterstellt, dass es davor keine Fluchtbewegungen gegeben hätte und „plötzlich“ 2015 so viele Leute da waren. Auch das stimmt nicht. Der furchtbare Krieg in Syrien, in Afghanistan und im Irak hatte schon zuvor viele tausende Menschen zur Flucht gezwungen. Nur sind diese in die Nachbarländer geflohen und wenn sie sich auf den Weg nach Europa gemacht haben im Mittelmeer ertrunken oder in Flüchtlingslagern wie Lampedusa oder auf Malta gelandet. Die Zäsur wird aber erst sprachlich hergestellt, als die Fluchtbewegungen in Mitteleuropa angekommen sind.

Verschwörung

2015 wird so nicht mehr zu einer Konsequenz der Ereignisse davor, sondern zu einer böswilligen Entscheidung unbeholfener/bösartiger EntscheidungsträgerInnen, um "dem Volk" zu schaden. Diese Verschwörungstheorie kulminiert in der extremen Rechten in der Idee des "großen Austauschs", laut der sich die politischen und wirtschaftlichen Eliten des "Westens" darauf geeinigt hätten, die autochthonen Bevölkerungen durch (muslimische) Flüchtlinge als eine Art ArbeitssklavInnen auszutauschen. Aber auch Sebastian Kurz warnt etwa im September 2019 in der ORF Pressestunde dezidiert vor einem "Identitätsverlust", was in diesem Wording als "Dog Whistle" für die extreme Rechte funktioniert, wie sich auch anhand der Kommentare unter dem YouTube-Video auf dem eigenen Kanal zeigt.

Eskalation

Mit diesem absoluten "Nie wieder"-Wording wird sprachliche Eskalation betrieben. Es wird Angst geschürt, dass etwas Furchtbares wieder geschehen könnte. Etwas, das sich nicht kontrollieren lassen kann und das unvorstellbar schlimm für uns alle ist. Nur geht es tatsächlich nicht um Faschismus oder Umweltkatstrophen oder Krieg, sondern darum, schutzsuchenden Menschen zu helfen. 

Auslöschung

Gleichzeitig werden alle Positiverfahrungen unsichtbar gemacht und ausgelöscht. Etwas, das nie wieder geschehen darf, kann nicht positiv gewesen sein. Diese schönen Bilder von damals waren falsch und sind nichtig, weil die Leute entweder bösartig waren oder getäuscht wurden. Genuin positive Erlebnisse kommen nicht mehr vor in dieser Erzählung. Weder bei den HelferInnen, noch bei den geflüchteten Menschen, die heute ihr Leben zum Positiven wenden konnten.

Das Beachtliche ist, dass dieser Diskurs, mit unterschiedlichen Nuancierungen, nicht mehr allein in der extremen Rechten zu beobachten ist. Die Losung von 2015 als furchtbares Ereignis, das sich bloß nicht wiederholen darf, findet sich in (fast) allen politischen Lagern.

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