Thomas Piketty
Thomas Piketty - Foto: B. Sutherton / CC BY-SA 4.0
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Gastbeitrag

/ 7. Februar

In seinem neuen Buch „Kapital und Ideologie“ versucht der französische Ökonom sich mit historischen Verteidigungen von gesellschaftlicher Ungleichheit auseinanderzusetzen. Ein Gastbeitrag von Ludwig List.

Mit „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hat Thomas Piketty 2013 einen internationalen Bestseller geschrieben. Piketty gelang damit etwas, das nur sehr wenigen SozialwissenschafterInnen vorbehalten ist: Er schaffte es, die gesellschaftliche Debatte nachhaltig zu beeinflussen – Verteilungspolitik war wieder ein Thema. Worum geht es in Pikettys neuem Werk „Kapital und Ideologie“, das im März auf Deutsch erscheinen wird?

Wie begründen wir Ungleichheit?

Piketty erklärt: Jede Gesellschaft muss ihre Ungleichheiten begründen, damit "das gesamte politische und soziale Gebäude" nicht zusammenbricht. "Jede Epoche produziert also viele sich widersprechende Diskurse und Ideologie, um Ungleichheiten (…)  zu legitimieren."

Laut Piketty regiert in unserer Zeit die meritokratische Erzählung von der Leistungsgerechtigkeit: Ungleichheiten sind gerecht, da sie aus einem frei gewählten Prozess entstehen, in dem alle denselben Zugang zu Märkten haben und alle vom Reichtum der Aktivsten, der Fleißigsten und generell der Nützlichsten profitieren, die auch deshalb die Allerreichsten sind.

Diese Erzählung – Piketty nennt sie im Rest des Buches "Ideologie" - ist eine von vielen möglichen Begründungen für heutige Ungleichheit. Die unterschiedlichen Erzählungen selbst, ihre historischen und sozio-ökonomischen Wurzeln und ihr Einfluss auf unterschiedliche Gesellschaften bis heute sind das Thema von "Kapital und Ideologie". 

 

Im Vergleich unterschiedlicher historischer und aktueller Gesellschaften zeigt sich: im Schweden der 1980er Jahre war ökonomische Gleichheit besonders verwirklicht, Haiti von 1780 dagegen besonders ungleich. Interessant: der Ungleichheits-Unterschied zwischen Europa, den USA und Brasilien. Die Grafik zeigt dabei jeweils, wie viel Prozent des Reichtums die reichsten 10% halten. 

Fülle an Daten

Piketty setzt sich schon seit mehreren Jahrzehnten mit Fragen der langfristigen Entwicklung von Ungleichheiten und deren statistischer Messung auseinander. Deshalb kann er mit umfangreichem Wissen aufwarten. Durch die Erstellung und Betreuung der „World Inequality Database (WID)“ verfügt Piketty auch über eine noch nie zuvor dagewesene Fülle an Daten, die dem Buch natürlich zugutekommen. 

Der Welterfolg von „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ermöglichte es dem WID-Team um Piketty, Zugriff auf Steuerdaten für viele weitere Länder zu erhalten, darunter wichtige Länder wie China, Indien oder Brasilien. Auch wenn es Diskussionen darüber gibt, wie man Ungleichheit am besten messen soll, gibt es an der Qualität der zugrundeliegenden Daten keinerlei Zweifel. Mithilfe dieser Daten hat Piketty auch einen 300-seitigen Report zu weltweiter Ungleichheit publiziert, dessen Ergebnissen er im Buch auch viel Platz einräumt.

Aber Piketty lässt es nicht auf einer Analyse der Vergangenheit beruhen, er macht konkrete Vorschläge für einen „partizipativen Sozialismus für das 21. Jahrhundert“ um die historisch gesehen extreme Ungleichheit zu verringern. Denn die Ungleichheit sei kein Naturgesetz, sondern grundsätzlich politisch. Die Grundidee für Pikettys Vorschläge liegen in seiner Idee des „temporären Eigentums“: Um die unheimlich starke Vermögenskonzentration in den Händen einiger weniger zu verringern, soll der Großteil des Eigentums nicht mehr privat sein, sondern kollektiv umverteilt werden. 

Mehr Mitbestimmung und hoher Spitzensteuersatz

Konkret bedeutet das: 

1. Eine stark ausgeweitete Mitbestimmung für ArbeiterInnen in ihren jeweiligen Betrieben (beispielsweise 50% der Stimmen) bei gleichzeitiger Einschränkung der maximalen Stimmanteile pro AktionärIn (beispielsweise auf maximal 10% der Stimmen).

2. Eine Kombination von stark progressiven Steuern auf Eigentum (in Pikettys Fall Vermögen und Erbschaften) und Einkommen, je nachdem über wieviel mehr Eigentum/Einkommen man verfügt als der Durchschnitt. Konkret schlägt Piketty hier einen Spitzensteuersatz von 90% bei 10.000-mal höherem Vermögen/Einkommen als der Durchschnitt vor. 

3. Die Einführung einer auf diese Weise finanzierten Kopfprämie, also einer einmaligen Zahlung an jeden Bürger durch den Staat (beispielsweise 120.000 Euro mit 25 Jahren). 

Links Pikettys Vermögenssteuerpläne, mit denen die Kopfprämie finanziert werden soll, rechts seine Einkommenssteuerpläne, mit denen ein Grundeinkommen, der Sozialstaat und die ökologische Wende finanziert werden sollen.

Piketty ist klar, dass diese Steuern langfristig nur auf globaler Ebene durchsetzbar sind und fordert daher eine „transnationale Versammlung“ mit dem Recht, anstatt ihren Mitgliedern selbst bestimmte Steuern einzuheben, die alle treffen und auf nationaler Ebene nicht sinnvoll zu behandeln lösen sind (etwa Klimaschutz, Steuerflucht in Niedrigsteuerländer etc.).

Der höchste Einkommenssteuersatz lag in der Nachkriegszeit auch in den USA und in Großbritannien jenseits der 90 Prozent - heute nur schwer vorstellbar.

Die Grafik zeigt, wie stark sich staatliche Aufwendungen für Bildung unterscheiden. Während in einige Jugendliche nur rund 60.000 Euro investiert werden, erhalten  andere jenseits der 250.000 Euro.

 

Pikettys Buch ist zweifelsfrei ein wichtiger Beitrag um die Debatte über die immer höhere ökonomische Ungleichheit neu anzufachen. Speziell die Daten zur langfristigen Ungleichheit in den ehemaligen Kolonialländern erweitern die Erkenntnisse aus „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ um einen wichtigen Beitrag. Auch weil Institutionen innerhalb der Mainstream-Ökonomik oft nur als black box missbraucht werden (man denke etwa and Daron Acemoglus „Why Nations Fail“), ist Pikettys Zugang erfrischend anders. Gleichzeitig lässt es sich gut mit dem neu erschienen „Überreichtum“ von Martin Schürtz (hier im MOMENT -Gespräch) kombinieren, der ebenfalls Philanthropie als eines der wichtigsten Legitimationsmittel der wirklich Reichen entlarvt.

Eine der wichtigsten Lehren aus dem Buch ist die Einsicht, dass die Ungleichheit nicht vom Himmel gefallen ist, sondern von Menschen geschaffen und somit verändert werden kann. Nach Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit Fragen der Ungleichheit fordert Piketty weiterreichende Änderungen um möglichst viele Menschen am Wohlstand Anteil haben zu lassen. Piketty zeigt nachvollziehbar auf, dass viele seiner Vorschläge viel weniger radikal sind als gedacht, sondern oftmals schon in unterschiedlichsten Ländern erfolgreich eingesetzt wurden, um die ökonomische Ungleichheit zu senken.  

Als Ökonom hat sich Piketty überraschend wenig mit der Rolle der Volkswirtschaftslehre als SteigbügelhalterIn für die bestehende (und vergangene) Ungleichheit auseinandergesetzt. Hier hätte es viele mögliche Legitimationen gegeben die zur Analyse bereitgestanden wären. Man denke nur an Thomas Malthus‘ und David Ricardos Argumente für die Streichung der Armenhilfen, die neo-klassische Gleichgewichtsbedingung, die Einkommensverteilung sei neutral und nur durch Technologie bestimmt, die qualitativ hochwertige Propaganda Milton Friedmans in seinen berühmten Fernsehreihen etc. ...

Pikettys größter Beitrag stellen sicherlich seine öffentlich zugängliche Datenbank, seine aktive Teilnahme an der öffentlichen Debatte und seine konkreten und durchführbaren Vorschläge dar. Sein drittes Buch veröffentlicht er ganz klar als Werkzeug zur Selbstermächtigung für LeserInnen außerhalb der akademischen Fachdebatte und regt zum Nachdenken an. Hierfür kann ihm nicht genug gedankt werden. Piketty hat die ersten Schritte in dieser neu angefachten Debatte getätigt. Der Rest liegt an uns. 

Ludwig List ist Ökonom in Wien.

Anmerkung: Alle Textpassagen wurden vom Autor aus dem Französischen übersetzt und müssen deshalb nicht mit der später erscheinenden offiziellen deutschen Übersetzung übereinstimmen.

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