Natascha Strobl spricht über Rechtsextremismus auf Corona-Demos. Man sieht die Politologin in schwarz weiß, daneben sind ein Mann und eine Frau von hinten zu sehen. Sie tragen einen Aluhut.

Rechtsextremismus auf Corona-Demos? Dort gehen doch "ganz normalen Leute" mit?

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Natascha Strobl
/ 15. Dezember 2021

Sind Corona-Demos rechts? Bei den Demos gegen Corona-Maßnahmen gehen doch "ganz normalen Leute" mit. Politologin Natascha Strobl klärt in dieser neuen Folge #NatsAnalyse über Radikalisierung und das naive Verständnis von Rechtsextremismus auf Corona-Demos auf.

Als Rechtfertigung für die Demos gegen die Anti-Corona-Maßnahmen und in Kommentaren von manchen Journalist:innen hört man derzeit öfters diese Meinung: Die Corona-Leugner-Demos können ja nicht rechts sein, weil dort „ganz normale Leute“ mitlaufen. Das ist falsch und zeugt von einem naiven Verständnis von Rechtsextremismus.

Wer an Rechtsextremismus denkt, stellt sich oft eine Subkultur aus den 1990ern vor und hat auch dabei Klischeebilder im Kopf. Rechtsextreme, das sind die mit Glatzen und Baseballschlägern. Das gab und gibt es natürlich auch. Aber dass nur diese Leute rechtsextrem sind, das hat damals nicht gestimmt und es stimmt heute noch weniger.

Rechtsextremismus auf Corona-Demos

Rechtsextremismus hat nichts mit Kleidung und Frisuren zu tun, sondern mit einer Sicht auf die Welt. Mit Einstellungen zu bestimmten Themen. In Deutschland werden Langzeitstudien dazu gemacht. So kann sehr genau aufgedröselt werden, wie und wo solche Einstellungen verbreitet sind. Sie fragen etwa ab, wie die Bevölkerung zu Minderheiten oder zu autoritärer Politik steht. Zum Beispiel wird gefragt, ob „Juden zu viel Macht haben“ oder ob man findet, dass Arbeitslose nicht wählen dürfen.

Rechtsextremismus ist "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit"

„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ nennt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer diese Einstellungsmuster. Jahr für Jahr zeigt sich, dass diese Einstellungen quer durch die Bevölkerung Deutschlands verbreitet sind. Mit dabei sind alle Bildungsabschlüsse, alle Altersgruppen, alle Regionen. Mal mehr, mal weniger, aber keine gesellschaftliche Gruppe ist gefeit vor diesen Einstellungen. Wer will, kann diese schon schlummernden Einstellungen politisch nutzen, indem man sie herauskitzelt, bedient und emotionalisiert.

"Ganz normale Leute"

So ist es kaum verwunderlich, dass auf einer Demonstration, die von den Identitären angeführt wird, auch „ganz normale Leute“ mitgehen. Weil diese Leute zumindest latent ähnlich denken oder Überschneidungen sehen. Die Überschneidungen sind zumindest soweit vorhanden, dass die Gegensätze nicht stärker wiegen. Obwohl große Gruppen offen Rechtsextremer prominent auf einer Demo mitgehen und dort ihre Parolen verbreiten, bleibt man der Demo nicht fern.

Man entschließt sich also dazu, mit den Identitären zu marschieren, weil einen mehr verbindet als trennt. Rechtsextremismus abseits subkultureller Ausprägungen wurde übrigens schon immer von ganz normalen Leuten getragen. Es ist ein großer Fehler zu glauben, dass Menschenfeindlichkeit äußerlich erkennbar ist. Autoritäre Einstellungen kommen auch in Funktionsjacke oder Alpaka-Poncho daher. Äußerlichkeiten sind nur sehr begrenzt ein Indikator für Einstellungen.

Wichtiger wäre es, den Leuten tatsächlich zuzuhören. Man sollte dabei das, was sie sagen, ernst nehmen. Und es als die Absage an eine solidarische Gesellschaft verstehen, als die es ganz offen gemeint ist.

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