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Kapitalismus

Die wahren Innovationen des René Benko: Geldspritzen ohne lästige Transparenz

Man sieht René Benko im schwarzen Anzug mit, er geht händchenhaltend mit seiner Frau eine Straße vor einem Gebäude und Absperrgittern entlang.
Rene Benko und die Signa haben Probleme. Foto: Roland Schlager/APA/Picturedesk.com
Die Insolvenz der Signa-Gruppe wird uns noch lange beschäftigen. Was bleibt, wird sich zeigen. Es gibt aber Bereiche, in denen René Benko wirklich innovativ war. Sie dienten der Beschaffung von Geld und Vermeidung von Transparenz.

Es wird noch Monate, vielleicht Jahre dauern, bis die Abwicklung der diversen insolventen Signa-Gesellschaften abgeschlossen ist. Das Unternehmertum von Rene Benko kann man aber inzwischen schon ganz gut beurteilen. Abgesehen von der riskanten Spirale aus Aufwertung und Krediten zu Warenhausimmobilien gibt es auch zwei Bereiche, in denen René Benko und seine Signa-Grupp durchaus innovativ waren. 

Das ist, zum einen, die zentrale Geschäftsidee im Bereich der Immobilienentwicklung. Sie wurde bei der Generalsanierung des Goldenen Quartiers in Wien so richtig erkennbar: Man übernimmt Immobilien in Bestlagen und gestaltet sie für eine Mischnutzung um. Für jeden Quadratmeter der teuren Grundfläche erlaubt das eine höhere Rendite. Im Goldenen Quartier kam es so zu einer Mischung aus Einzelhandelsflächen in den untersten und Luxuswohnungen in den obersten Stockwerken, dazwischen hochwertige Büroräumlichkeiten und ein Luxushotel (das “Park Hyatt”).

Diese Strategie erfordert eine komplexere Planung und Vermarktung als bei simpleren Immobilien mit nur einer Nutzungsweise (also nur ein Shopping Center oder nur ein Bürogebäude). Gleichzeitig war das auch eine Geschichte, die sich Investor:innen bei der Übernahme von Galeria Karstadt Kaufhof gut erzählen ließ: sollte die Sanierung der maroden Warenhäuser nicht gelingen, wäre eine solche Umbau- und Mischnutzungsstrategie der Immobilien eine immer noch lukrative Alternative. 

Warum nutzen große Unternehmen Kapitalmärkte zur Finanzierung?

Die andere zentrale Innovation von René Benko fiel in den Bereich der Finanzierung. Spätestens mit der Karstadt-Übernahme 2013 stieg der Finanzbedarf der Signa-Gruppe noch einmal beträchtlich an. Unternehmen in dieser Größenordnung wenden sich üblicherweise an Kapitalmärkte, wenn sie Milliarden Euro benötigen. Entweder über einen Börsengang, um zusätzliches Eigenkapital durch Ausgabe von Aktien zu erhalten, oder über Unternehmensanleihen. Unternehmensanleihen sind Wertpapiere mit fixen Zinsen, die ebenfalls an Börsen gehandelt werden können. Am Ende ihrer Laufzeit müssen sie wie ein endfälliger Kredit zurückgezahlt werden.

Aber: Wenn ein Unternehmen Geld von öffentlichen Kapitalmärkten will, muss es viel transparenter sein. Dann muss es Marktteilnehmer:innen gleichzeitig über relevante Fragen informieren und detaillierte Informationen über die Situation des Unternehmens veröffentlichen. Sonst könnten einzelne Investor:innen zulasten anderer bevorzugt werden.

Die Regeln sind dann also strenger und teurer. Warum tun Unternehmen das trotzdem? Weil es ihnen so leichter fällt, überhaupt Investor:innen zu finden. Aktien oder Anleihen, die an Börsen gehandelt werden, kann ich jederzeit vergleichsweise einfach wieder zum jeweils aktuellen Kurs verkaufen. Wenn ich also an der Börse in ein Unternehmen investiere, ist mein Kapital nicht langfristig gebunden. Sollte ich kurzfristig Geld benötigen oder woanders investieren wollen, bekomme ich es unkompliziert wieder heraus.

René Benko und die Finanzierung jenseits öffentlicher Kapitalmärkte

Ein Investment außerhalb der Börse ist starrer. Wenn ich um 200 Millionen Euro Anteile an einem Unternehmen besitze, das nicht an der Börse notiert, dann ist ein Ausstieg nicht so leicht. Ich muss dann nämlich erst einmal jemanden finden, der bereit und in der Lage ist, meine Anteile zu einem guten Preis zu kaufen. Und dieser Preis ist gar nicht so einfach zu bestimmen. Börsenkurs gibt es ja keinen. All das ist einer der Hauptgründe, warum sich Unternehmen bei großem Kapitalbedarf tendenziell stärker über die Börse finanzieren.

René Benko überzeugte aber über Jahre immer wieder finanzkräftige Investor:innen, jenseits der Börse in seine Gesellschaften zu investieren. So konnte er weitgehend die Transparenzbestimmungen vermeiden. Aber wie?

Die Antwort ist zweite Innovation von René Benko: Viele, die in zentrale Signa-Gesellschaften investierten, bekamen eine Verkaufsoption (“Put-Option”) der Signa Holding. Dabei bekommen Geldgeber:innen das Recht, nach einer gewissen Frist jederzeit ihre Anteile zu verkaufen. So konnte man aus Anteilen an Gesellschaften wie der Signa Prima Selection oder Signa Development Selection ähnlich selbstbestimmt aussteigen, wie das bei Aktien der Fall wäre. 

Der Ausstieg funktioniert natürlich nur, wenn nicht alle Anteilseigner:innen gleichzeitig aussteigen. Das ist aber bei an der Börse notierten Aktiengesellschaften ähnlich: wenn dort alle Anteilseigner:innen gleichzeitig verkaufen möchten, rasselt der Kurs in den Keller und entwertet so die Aktien von allen Beteiligten.

Wer hatte Verkaufsoptionen für Signa-Beteiligungen?

Im Fall der Signa-Gruppe wurden diese Put-Optionen erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als Roland Berger im Oktober 2023 seinen Anteil in Höhe von 1,64 Prozent an der Signa Prime verkaufen wollte. Aufgrund der Insolvenz der Signa Holding GmbH wenig später, hat dieser Versuch, noch rechtzeitig auszusteigen, nicht mehr funktioniert. 

Rückblickend könnte diese innovative Finanzierungspraktik auch einer der Hauptgründe dafür sein, warum René Benko um jeden Preis eine konzernübergreifend konsolidierte Bilanz vermeiden wollte: Put-Optionen wären in einem integrierten Konzern nicht möglich gewesen oder hätten zumindest gegenüber allen Investor:innen offengelegt werden müssen.

Wir wissen immer noch nicht, wer eine solche Put-Option hatte – und wem die Existenz dieser Put-Option bekannt war. Das ist auch deshalb relevant, weil die Existenz von Put-Optionen innerhalb der gesamten Signa-Gruppe zu einer fragwürdigen Darstellung des Eigenkapitals geführt haben dürfte. Eigenkapital von Investor:innen mit Verkaufsoption weist bis zu einem gewissen Grad Merkmale von Fremdkapital auf. Der Anteil kann ja durch Ziehen der Option einseitig in eine Geldforderung umgewandelt werden – und auf diese Weise beispielsweise eine Liquiditätskrise wie im Fall von Signa noch einmal verschärfen. Diesen Punkt werden in den Insolvenzverfahren jene Signa-Geldgeber:innen immer wieder betonen, die keine solche Verkaufsoption hatten.

Überhaupt stellen sich im Zusammenhang mit den Verkaufsoptionen im Insolvenzfall eine Reihe von Fragen: Anteilseigner:innen sind im Insolvenzfall die allerletzten in der Reihe der Gläubiger. Erst wenn alle anderen Forderungen bedient wurden und dann noch etwas übrig ist, fließt es an sie. Wie sind jetzt aber die Put-Optionen der an Signa Prime und Signa Development beteiligten Großinvestoren zu behandeln? Konnten die ihre Stellung im Insolvenzverfahren durch Ziehen der Put-Option verbessern? Ist so eine Konstruktion überhaupt legal? Oder könnte damit eine Täuschung der übrigen Gläubiger;innen verbunden sein? Vor allem, wenn eigentlich eine “einheitliche Leitung” der verschiedenen Unternehmen durch René Benko vorlag? Oder wenn es zu rechtlich fragwürdigen Darlehen – einer in Österreich verbotenen “Einlagenrückgewähr” – von Signa Prime und Signa Development an die Signa Holding gekommen ist? 

Diese und viele weitere Fragen werden im Zuge der Abwicklung der diversen Signa-Gesellschaften geklärt werden müssen.

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  • Beobachter
    21.02.2024
    Innovative Intransparenz
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