Zwei Buben malen am Bauch liegend.

Kein Unterricht mehr in den Schulen: Familien in Österreich müssen jetzt von einem Tag auf den anderen ihren Alltag neu organisieren. Foto: victoria borodinova von Pixabay.

/
/ 17. November 2020

In einer neuen Serie begleiten wir Menschen durch den Herbst, die auf den ersten Blick nur eines vereint: Sie haben Kinder im Schulalter. Und: ab jetzt auch die Schule zu Hause.

Neue Serie: Schulen zu, was nun?

Wir sprechen mit der Alleinerziehenden Ela, deren Töchter gerade am Weg in die Pubertät und in die Selbständigkeit sind. Karolina, die von ihren fünf Kindern auch “Big Mama” genannt wird und als Putzkraft in einer Schule arbeitet. Und Lukas, ein Arzt aus Graz, der neben seinen PatientInnen jetzt auch noch seine zwei kleinen Söhne im Home-Office betreut.

Wir wollen wissen, wie es den unterschiedlichen Familien in Österreich im zweiten Lockdown wirklich geht, was sie beschäftigt und wie sie und ihre Kinder mit der Mehrfachbelastung umgehen. Dafür begleiten wir sie in dieser Serie und fragen regelmäßig nach.

Umstellung auf Online-Schule

Es ist der 17. November 2020. Mit heute ändert sich viel für Familien mit Kindern: Unterricht findet nur noch online oder mit Arbeitsblättern statt. Es soll hauptsächlich von zu Hause aus gelernt werden. Schularbeiten und Tests werden auf die Zeit nach dem “harten” zweiten Lockdowns gelegt. Im Gegensatz zum Frühling sind die Schulen aber nicht ganz geschlossen, sie sind noch für die Betreuung geöffnet. Wie viele Kinder diese in Anspruch nehmen, wird sich aber erst zeigen.

Denn nicht alle Eltern können von einem Tag auf den anderen die Betreuungspflichten zu Hause übernehmen. Es gibt weiterhin keinen verpflichtenden Anspruch auf Sonderbetreuungszeit. Das heißt, arbeitende Eltern sind auf das Verständnis der ArbeitgeberInnen angewiesen, wenn sie ihre Kinder zu Hause betreuen wollen. Und selbst wo es geht: die Online-Schule ist eine Mehrfachbelastung für alle Eltern.

Auch Ela, Karolina und Lukas alle mussten ihren Alltag fast über Nacht umstellen und sich Lösungen für die Betreuung zu Hause überlegen. Und das haben sie auch gemacht. Jetzt probieren sie erst einmal aus, wie es funktioniert:

Die Töchter von Ela lernen zu Hause - ohne Mama

“Die vergangenen Tage waren sehr stressig”, sagt Ela. Sie arbeitet in einem Kindergarten und hat zwei Töchter. Erst am Montag erfuhr sie, dass sie weiterhin in die Arbeit gehen muss und nicht ihre Kinder betreuen kann. Als Alleinerziehende musste sie sich dann schnell eine Lösung überlegen. Denn die Schule ihrer 12-Jährigen Tochter sagt, sie wolle keine Kinder betreuen, wenn bei ihnen zu Hause ein Arbeitsplatz und eine Steckdose vorhanden ist. Und das gibt es in Ela’s Wohnung.

Von der Volksschule ihrer jüngeren Tochter muss Ela in den kommenden Wochen Montag in der Früh Arbeitsblätter abholen und sie am Freitag wieder abgeben. Wie sie das zeitlich machen soll, weiß sie noch nicht. Aber das ist nicht ihre größte Sorge: Probleme, die es außerhalb von Lockdowns gibt, hören ja nicht plötzlich auf. Und ihre jüngere Tochter hat Lernschwierigkeiten. Sie tut sich schon im regulären Unterricht nicht leicht.

Trotzdem will die Familie das Home-Schooling jetzt versuchen. Die 10-Jährige bleibt mit ihrer Schwester zu Hause: “Ich hab mir mit meiner jüngeren Tochter ausgemacht, dass sie auch an dieser Herausforderung wachsen kann.”

Um die ältere Tochter macht sich Ela in Bezug auf das Lernen kaum Sorgen, sie kann gut selbständig lernen. Trotzdem ist die schnelle Umstellung eine Herausforderung. Gestern hatte die 12-Jährige noch eine Latein-Schularbeit. Heute muss sie um acht Uhr zu Hause online sein, der Unterricht findet jetzt via Video-Konferenz statt. Und: In die Schule will sie sowieso nicht, wenn ihre Freunde nicht gehen. Ela macht sich eher Sorgen um die psychische Gesundheit der älteren Tochter: “Es kommt wieder eine leicht depressive Stimmung auf. Im Frühling wollte sie teilweise gar nicht mehr aufstehen. In dem Alter sind die Freunde besonders wichtig.”

Karolina hat fünf Kinder: “Wir machen das miteinander”

Karolina hat fünf Kinder und arbeitet als Reinigungskraft in einer Schule in Wien. Die Pressekonferenz am Samstag wollte sie sich diesmal nicht mehr genau anhören. Sie hat nur auf neue Infos direkt von ihrer Schule und der ihrer Kinder gewartet. Sie sind acht, vierzehn und zwanzig Jahre alt - und dann gibt es noch die 13-jährigen Zwillinge. Vier von ihnen in der Schule. Am Montag war es dann auch so weit und sie wurde von den Lehrerinnen angerufen.

Karolina will die Online-Schule eine Woche zu Hause probieren. Wie das funktionieren wird, wird sich zeigen. “Wir halten alle zusammen, wir machen das miteinander”, sagt sie. Dadurch würde die Arbeit nicht nur an ihr hängen bleiben. Auch der älteste Sohn ruft immer wieder an und fragt, ob er helfen kann. Er ist schon ausgezogen und unterstützt seine Geschwister immer wieder. Auch der Freund von Karolina ist jetzt für ein paar Wochen hier. Sonst lebt er die halbe Zeit im Ausland.
Im Frühling haben die vier Kinder die Übungen alleine gemacht, nur der 8-Jährige hat mit der Mama zusammen gearbeitet.

Das war es sehr stressig und “es wird auch hier manchmal laut”, erzählt Karolina. Im Unterschied zum ersten Lockdown muss Karolina jetzt weiterhin jeden Tag in die Schule, während ihre Kinder fürs Erste zu Hause bleiben. “Für mich ist es überraschend, dass ich weiterhin normal arbeite und nicht in Kurzarbeit. Aber immerhin habe ich noch meinen Job”. Sie geben sich eine Woche Zeit für die Umstellung in den Unterricht zu Hause. Falls das nicht klappt, gehen die Kinder weiter in die Schule.  

Lukas betreut jetzt seine Kinder und seine PatientInnen

Lukas ist Arzt, seine Frau Krankenschwester.  Weil er selbständig ist, bleibt er zu Hause bei seinen zwei Söhnen in der Weststeiermark. Sie sind fünf und sieben Jahre alt. Normalerweise wären sie an einem Dienstagvormittag in Kindergarten und Volksschule und Lukas selbst in seiner Praxis in Graz. “Wir haben ein Riesenglück. Wäre ich in einem Spital angestellt, wären die Kinder fünf Tage in der Woche in der Betreuung.” Aber er kann die Ordinationszeiten einschränken und nur die nötigsten Anrufe von zu Hause aus beantworten.

Auch im ersten Lockdown war er zu Hause bei den Kindern. Damals war es aber noch ein bisschen anders: Seine Ordination war komplett geschlossen. Heute ist es Home-Office mit Kinderbetreuung. “Ich habe es befürchtet und dann nicht glauben können, dass die Schulen und Kindergärten wirklich entgegen aller Vorschläge zu machen”. Er verstehe nicht, warum gar nichts anderes ausprobiert werde. “Der Gruppenunterricht hat im Frühling nicht so schlecht funktioniert, das war für uns sehr erleichternd.”

Dabei sind sich Lukas und seine Frau ihrer Privilegien bewusst: Sie leben am Land und er kann sich die Zeit halbwegs frei einteilen. “Wir sind eh noch gesegnet, trotzdem ärgert es mich. Vor allem für alle, die sich ihre Zeit nicht frei einteilen können und noch andere Belastungen haben.”

powered by Typeform

Dir gefällt unsere Arbeit?

Das freut uns! Wir sind unabhängig von Parteien und Konzernen. Unterstütze unsere Arbeit mit deiner SPENDE. Jeder Beitrag, ist er noch so klein, ist wichtig!

Fünf wichtige Themen in nur drei knackigen Minuten. Hol dir deinen täglichen Morgenmoment per E‑Mail!

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.