Helga Amesberger hat zu Sexarbeit in Österreich geforscht. Das Foto zeigt Amesberger, sie hat graue Schulterlange locken und blickt fokussiert in die Kamera.
Helga Amesberger hat zu Sexarbeit in Österreich geforscht. Foto: privat
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/ 22. September 2020

In Österreich ist Sexarbeit erlaubt, aber noch lange nicht akzeptiert. Das erschwert die Arbeitsbedingungen für die Menschen in der Branche. Entscheidungen sollten auf wissenschaftlicher Forschung aufbauen, statt auf moralischen Überlegungen, fordert Helga Amesberger. Die Soziologin hat als eine der wenigen in Österreich zu dem Thema geforscht und dafür über 80 Interviews mit Sexarbeiterinnen ausgewertet. Im Interview mit MOMENT erklärt sie, wieso Verbote nichts bringen.

Weil sie zum größten Teil von den Arbeitsbedingungen in der Branche betroffen sind, haben wir uns auf die Situation von Frauen in der Sexarbeit beschränkt.


MOMENT: Ein Argument für das Verbot von Sexarbeit ist, dass die Arbeit sehr gefährlich ist. Stimmt das?

Helga Amesberger: Sexarbeit ist meines Erachtens nach keine Arbeit wie jede andere, weil sehr intimer körperlicher Kontakt dazu gehört. Sexarbeit ist nicht ungefährlich, aber gleichzeitig setzen die Frauen Sicherheitsmaßnahmen. Sie können ihre Situation in vielen Fällen gut einschätzen und erkennen schnell, wenn ein Kunde problematisch ist oder wird. Dass ein Verbot Gewalt gegen Frauen nicht verhindert und ihre Arbeit nur erschwert, zeigt die Entwicklung in Schweden. Dort ist der Sexkauf seit rund 20 Jahren verboten, das Anbieten von sexuellen Dienstleistungen aber weiterhin erlaubt. Mehrere Studien haben gezeigt, dass dort die Gewalt gegen Sexarbeiterinnen gestiegen ist. Jene, die auf der Straße sexuelle Dienstleistungen anbieten, haben aufgrund der Gefahr von der Polizei erwischt zu werden, keine Zeit mehr, abzuchecken, ob die Vorstellungen des Kunden zu ihrem Angebot passen und im Gespräch ein Gespür für diesen zu bekommen. Alles muss schnell gehen, damit man ja nicht erwischt wird. Das schwedische Gesetz bestraft auch alle, die Sexarbeit durch ihre Dienstleistungen ermöglichen, etwas durch Vermietung einer Wohnung oder Gestaltung einer Website. Das macht Sexarbeiterinnen erpress- und ausbeutbar.

"Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die Arbeit ungefährlicher wird, wenn sie legal ist."


Es gibt diese hartnäckige Erzählung, dass Frauen Sexarbeit machen, weil sie als Mädchen Gewalt erlebt haben.

Sexarbeiterinnen sind Frauen wie alle anderen. Sie erleben Gewalt in der Familie, vom Partner, und auch in anderen Arbeitsfeldern erfahren Frauen Gewalt. Das Problem Männergewalt nur bei der Sexarbeit zu thematisieren, greift mir zu kurz. Es ist das Abdrängen an den gesellschaftlichen Rand, in die Grauzone, die die Arbeitsbedingungen verschlechtern und die Arbeit mitunter gefährlich macht. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die Arbeit ungefährlicher wird, wenn sie legal ist. Bei den Interviews für meine Forschung haben Frauen erzählt, wie schwierig die Arbeit in Saudi Arabien, der Türkei aber auch in Italien für sie war, wo Sexarbeit nicht legalisiert ist. Wenn eine Frau illegal sexuelle Dienstleistungen anbietet, wird sie erpressbar und zwar von den Kunden, ihrem Umfeld und der Polizei. Wenn sie bestohlen oder sogar vergewaltigt wird, kann sie sich nicht an die Polizei wenden, ohne sich zu outen. Das sind unfassbar harte Arbeitsbedingungen.
 

Hausbesuche sind nur in manchen österreichischen Bundesländern erlaubt. Wieso?

Hausbesuche sind in den Köpfen der PolizistInnen gefährlicher als die Arbeit im Bordell. Wenn Sexarbeit ausschließlich in genehmigten Betrieben stattfinden darf, – wie das in den österreichischen Bundesländern mehrheitlich der Fall ist – ist sie natürlich für die Polizei einfacher kontrollierbar. Der damit verbundene Glaube, damit Gewalt und Ausbeutung unterbinden zu können, entspringt der Fantasie der absoluten Regulier- und Kontrollierbarkeit. Dieses Denken lässt zudem die strukturelle Gewalt, die von gesetzlichen Bestimmungen und behördlichem Vorgehen ausgehen, außer Acht.
 

Vielen Frauen bleibt also nur die legale Arbeit in Bordellen und Laufhäusern, also dort, wo Dritte beim Einkommen mitschneiden.

Genau. Straßenprostitution ist meist auch verboten. Der Ruf dieser Arbeit ist schlecht, weil dort die Dienstleistungen billiger sind und sie angeblich gefährlicher ist. Viele Sexarbeiterinnen können sich nicht vorstellen, auf der Straße sexuelle Dienstleistungen anzubahnen, für andere ist sie aber der passendere Arbeitsplatz. Einige meiner Interviewpartnerinnen haben sich nach dem Rumprobieren in Bordellen oder anderen Betrieben für diese Form der Arbeit entschieden, weil sie sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen können und keine hohen Mieten oder Abgaben an die Bordelle zahlen müssen. In Wien wird der Strich aber immer weiter an den Rand gedrängt. Die Sexarbeiterinnen stehen im 21. und 23. Bezirk, dort, wo es keine Infrastruktur wie Stundenhotels oder Toiletten gibt. Die Dienstleistung erbringen sie dann im Busch oder im Auto des Kunden. Das macht ihre Arbeit nicht nur um einiges schwieriger, sie verstoßen dann auch gegen gesetzliche Bestimmungen.
 

In der Corona-Krise haben wir über Pflichtuntersuchung für Sexarbeiterinnen berichtet. Die Frauen, mit denen ich gesprochen habe, empfinden diese Untersuchung als Schikane.

Der Mythos, dass die Gesundheitsgefahr von Sexarbeiterinnen ausgeht, hält sich hartnäckig. Früher mussten sie sogar jede Woche zur Untersuchung, mittlerweile nur noch alle sechs Wochen. Ich halte die Pflichtuntersuchung für Unsinn. Eine Frau kann um 8:00 Uhr negativ getestet werden und sich beim ersten Termin mit einer sexuell übertragbaren Krankheit anstecken. Dazu kommt, dass die Umstände der Untersuchung teils entwürdigend sind. Sie können sich nicht aussuchen, von wem sie untersucht werden und sollte doch etwas entdeckt werden, müssen sie zur Behandlung wieder woanders hin. Es gibt keine einzige Studie dazu, ob die Untersuchung überhaupt etwas bringt. Dabei gibt es sie in Wien schon seit dem 19. Jahrhundert.
 

Seit über hundert Jahren gibt es die Pflichtuntersuchung für Sexarbeiterinnen, obwohl es keinen wissenschaftliche Beweis dafür gibt, dass sie die Verbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten eindämmt?

Genau. Ich war bis vor kurzem Mitglied der Arbeitsgruppe Prostitution im Bundeskanzleramt. Es war spannend zu sehen, wie stark Verwaltung und Polizei in der Runde auf diese Untersuchungen beharren. Ich kann mir das nicht erklären. In fast allen anderen europäischen Ländern wurde sie längst abgeschafft und es ist trotzdem zu keinem Anstieg bei sexuell übertragbaren Krankheiten gekommen.
 

Wieso ist Sexarbeit so ein schwieriges und emotionales Thema?

Die Allgemeinheit vermischt Menschenhandel, Zwang, Kriminalität und eben Sexarbeit, der viele Frauen nachgehen, weil es sich für sie so ergeben hat. Es gibt nicht den einen Grund, warum Frauen ins Geschäft mit sexuellen Dienstleistungen einsteigen. In den meisten Fällen ist es die ökonomische Notwendigkeit, um für sich - und die eigenen Kinder - sorgen zu können. Wie das Thema medial meist aufbereitet wird, hat mit der Realität nur wenig zu tun. Sexarbeit ist nicht gleich Sexarbeit. Und Sexarbeiterinnen sind nicht per se Opfer männlicher Gewalt. Es gibt eine große Bandbreite, der sich die Öffentlichkeit nicht bewusst ist.

Hierzulande gibt es nur ganz wenige empirische Arbeiten zum Thema, es gehört viel mehr geforscht. Wenn wir die Situation von Sexarbeiterinnen verbessern wollen, müssen wir wertfrei auf die Dienstleistungen blicken, nicht darüber urteilen, sondern zuhören, was die größten Probleme im Arbeitsalltag sind. Aber die Frauen haben keine Stimme, keine politische Macht, um ihre Interessen durchzusetzen. Gesetze werden über ihren Kopf hinweg gemacht, als ob sie nicht selber wüssten, was für sie am besten ist. Genau diese moralische Diskussion verhindert bessere Arbeitsbedingungen.

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