Zu sehen ist das Profil einer Person als Silhouette. Ihr Gesicht ist ganz vom Schatten bedeckt. Im Artikel geht es um sexuelle Belästigung in der Evangelischen Kirche.

Sabine will endlich gehört werden. Aber: Die Evangelische Kirche wolle sich nicht mit sexueller Belästigung auseinandersetzen.

Foto: Molly Blackbird für Unsplash

/ 10. November 2021

„Er hat gesagt, er versteht, dass andere Männer mich attraktiv finden. Dass er mich auch attraktiv fände. Und wenn ich mit ihm schlafe, dann würde es mir vielleicht besser gehen. Seine Hand lag dabei auf meinem Oberschenkel.“

Sabine* ist Mitte 20, als ihr Seelsorger, Pfarrer in einer evangelischen Gemeinde, sie sexuell belästigt. Ihr zieht es den Boden unter den Füßen weg. Sabine hat sexualisierte Gewalt in der Familie und von Fremden überlebt, Belästigung an der Universität – und jetzt von ihrem Pfarrer. Mit dem verbalen Übergriff verliert sie die Person, die ihr am meisten Halt gegeben hat, der sie vertraut hat. Der Pfarrer war für sie eine Vaterfigur, er ist rund 30 Jahre älter als sie.

„Er hat mir vermittelt, er hätte das Gefühl, ich sei verklemmt. Ich hätte kein gutes Körpergefühl. Er hätte einen Film gesehen, in dem eine Therapeutin mit Sex einen Klienten heilt, der als Kind missbraucht wurde. Er hat damit wohl sagen wollen, dass mich Sex mit ihm von meinem Trauma heilen könnte.“

Das war 2005. Die folgenden 16 Jahre wird Sabine in der Evangelischen Kirche darum kämpfen, endlich gehört zu werden.

Missbrauch in der Kirche

Im Jahr 2010 gehen Opfer von sexualisiertem Missbrauch in der Katholischen Kirche an die Öffentlichkeit. Die Kirche gibt zu, dass in der Vergangenheit Täter eher geschützt wurden als Opfer. Hunderte Betroffene melden sich in den folgenden Jahren bei der eigens eingerichteten Opferkommission. Sie ist für Hilfszahlungen zuständig. Und die Evangelische Kirche? Über Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt oder Belästigung in der Evangelischen Kirche finden sich bis heute kaum Medienberichte. Die Evangelische Kirche hat keine eigene unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von möglichem Missbrauch.

In Deutschland ist die Situation ähnlich. Heiner Keupp ist Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland. „Die Evangelische Kirche hat sich lange hinter der Katholischen versteckt und gesagt, das könne man nicht vergleichen. Bei ihnen gebe es so etwas nicht, denn es gäbe ja kein Zölibat“, sagt er.

Das Ausmaß und der Kontext der Gewalt mag unterschiedlich sein. Auch, weil die Evangelische Kirche in Österreich mit rund 280.000 Mitgliedern viel kleiner ist als die Katholische Kirche mit fast 5 Millionen. Sexualisierte Gewalt und vor allem Belästigung kann aber überall stattfinden: am Arbeitsplatz, in der Familie, im Turnverein oder eben in der Kirchengemeinde. Die Frage ist, wie mit solchen Vorfällen umgegangen wird.

Sabine nimmt die Berichte über Missbrauch in der Katholischen Kirche zum Anlass, sich an die offiziellen Stellen der Evangelischen Kirche zu wenden. Zu diesem Zeitpunkt ist die Belästigung fünf Jahre her. Ihre Geschichte zeigt, wie viel im Umgang mit Übergriffen noch zu tun ist. Auf persönlicher Ebene, im Umfeld von Kirchengemeinden und auch in der Kirche als Institution selbst.

#1 Der Pfarrer

„Als ich ihn beim nächsten Treffen konfrontiert habe, hat er erst gesagt, ich hätte ihm Signale gesendet und wollte es ja auch. Dann hat er plötzlich alles umgedreht und gesagt, er werde niemals mit mir ins Bett gehen. So als ob ich je etwas von ihm gewollt hätte.“
 
Es dauert fünf Jahre, bis Sabine eine schriftliche Entschuldigung vom Pfarrer per E-Mail von einem Dritten weitergeleitet bekommt. „Ich möchte mich von ganzem Herzen bei dir entschuldigen“, schreibt ihr ehemaliger Seelsorger. Wofür genau, das lässt er offen. In der E-Mail steht nichts von einer sexuellen Belästigung. Auch dafür, dass er erst Sabine die Schuld für den Übergriff gibt, entschuldigt sich der Pfarrer in der Nachricht nicht.

„Für mich war die Entschuldigung nicht aufrichtig“, sagt Sabine heute. Dabei wäre eine ehrliche Entschuldigung für Betroffene oft am wichtigsten, sagt Gabriele Rothuber. Sie ist Sexual- und Traumapädagogin. „Die Einsicht, etwas falsch gemacht zu haben. Die Empathie, wahrzunehmen, was man ausgelöst hat. Eine ehrliche Entschuldigung. Das können viele Täter:innen nicht.“
 
 „Jahre später hat er mir auf einem Fest gesagt, ich habe jetzt eine gute Figur und er hätte sich gewundert, dass meine Kinder so gut entwickelt sind.“ Eine Anspielung auf Sabines Essstörung, die in stressigen Phasen Überhand gewinnt. Das reißt alte Wunden wieder auf. Sabine bemüht sich um eine Mediation, die 2018 auch stattfindet. Vor Abschluss bricht sie diese aber ab. Denn der Pfarrer habe zwar zugegeben, dass er als Seelsorger eine Grenze überschritten hat. Dann habe er aber wiederum behauptet, mit Sabine stimme etwas nicht, er hätte andere vor ihr schützen müssen. Sabines ehemaliger Seelsorger soll ihr sogar vorgeworfen haben, dass sie sexualisierte Gewalt in ihrer Vergangenheit erfunden hat, um wichtig zu sein.

Der Pfarrer wurde strafrechtlich nie verurteilt. Ohnehin ist es fraglich, ob die verbale Belästigung vor dem Gesetz relevant gewesen wäre. Die Grenzüberschreitung muss die Kirche trotzdem ernst nehmen. „Besonders schlimm ist es, wenn so ein Übergriff in eine seelsorgerliche Beziehung eingebettet ist“, sagt Keupp von der deutschen Aufarbeitungskommission. „Das ist eine Situation, in der jemand ein tiefes Vertrauen aufbauen möchte. Erzählen, was belastet und beunruhigt. Betroffene sind in dieser Situation ausgesprochen vulnerabel.“
 
Es ist unklar, wie die Kirche intern mit dem Übergriff umgegangen ist. Es habe Konsequenzen gegeben, schreibt Oberkirchenrätin Ingrid Bachler auf Anfrage von MOMENT. Sie könne aber keine genaueren Angaben dazu machen.

#2 Das Umfeld

In den fünf Jahren nach dem verbalen Übergriff erzählt Sabine mindestens fünf Mitgliedern der Kirchengemeinde davon. Die Reaktionen bestürzen sie.
 
„Eine Kollegin in der Jugendarbeit hat zu mir gesagt, ich werde dazu schon etwas beigetragen haben. Ein anderer Pfarrer hat gemeint, ich könne das wohl schwer beweisen. Ich war verzweifelt und hilflos. Niemand hat mir geholfen, niemand hat Disziplinaranzeige erstattet. Ich war damit völlig allein.“
 
Ihr ehemaliger Seelsorger ist beliebt. Er ist charmant und charismatisch, ist mit vielen Menschen in der Kirche befreundet. Als Pfarrer genießt er hohes Ansehen. Manche wollen nicht glauben, dass er einen groben Fehler gemacht hat. Sabine wird vermittelt, sie wäre das eigentliche Problem. Sie zieht sich zwischenzeitlich aus der Gemeinde zurück, tritt sogar aus der Evangelischen Kirche aus.
 
„Die berufliche Position des Täters macht einen großen Unterschied“, sagt Karoline Kehrer. Sie ist Projektleiterin von Act4Respect und berät zum Thema sexuelle Belästigung. „Eine Person ist nie das ‚reine Böse‘. Jemand kann sozial engagiert und gleichzeitig übergriffig sein. Das kann für das Umfeld schwer zu akzeptieren sein.“
 
„Salopp gesagt: Die Täter sind nur selten unsympathische Kotzbrocken, unabhängig vom Kontext der Tat. Viel eher sind es charismatische Typen, die bewundert werden und große Nähe zu Menschen herstellen können“, sagt Keupp. Das kann in Kirchengemeinden zu tiefen Konflikten führen. „Für einige Menschen ist es unvorstellbar, dass der in der Kirche so wichtige und geliebte Pfarrer auch ein Täter sein kann.“

#3 Die Kirche als Institution

„Vonseiten der Kirche wurde ich blockiert, meine Anliegen ignoriert. Ich habe bis heute den Eindruck, dass sich niemand wirklich damit beschäftigen will“, sagt Sabine. Ihre Geschichte ist über die Grenzen ihrer ursprünglichen Gemeinde bekannt. Sie will endlich gehört werden. Die Evangelische Kirche möchte den Fall abschließen.
 
„Im konkreten Fall wurden alle Möglichkeiten der Wiedergutmachung ausgeschöpft“, schreibt Oberkirchenrätin Ingrid Bachler in einem Statement an MOMENT. „Dass hier keine der zahlreichen Bemühungen als ausreichend empfunden wurden, war unerwartet und ist auch für uns sehr bedauerlich.“
 
In den vergangenen 16 Jahren seit dem verbalen Übergriff gab es durchaus Versuche, die Wogen zu glätten. Sabine hat Therapiestunden bekommen, es gab den Versuch einer Mediation und zumindest zwei wichtige Funktionäre haben sich bei Sabine im Namen der Kirche entschuldigt – wenn auch rund 15 Jahre nach der Belästigung.
 
„Aber es gab nie eine Aufarbeitung“, sagt Sabine. „Es wurde nie untersucht, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass mir damals niemand geholfen hat. Ich wollte mit allen Beteiligten an einem Tisch sitzen und darüber sprechen. Das wurde mir verwehrt.“
 
Oberkirchenrätin Bachler betont die Bedeutung von Prävention in der Kirche. In der Ausbildung zur Pfarrerin oder zum Pfarrer gebe es schon eine verpflichtende Fortbildung im Bereich Opferschutz und Prävention. Die Opferschutzrichtlinien werden aktuell vereinheitlicht. Seit 2012 werden alle Beschwerden in diesem Zusammenhang an die Opferschutzorganisation Weisser Ring übergeben.
 
Eine zentrale Frage ist weiterhin offen: Gibt es noch weitere Betroffene, die vom Pfarrer belästigt wurden? Oder hat er mit Mitte 50 das erste und letzte Mal eine Grenze überschritten? Laut Oberkirchenrätin Ingrid Bachler wurde im Umfeld des Pfarrers nachgefragt, ob es weitere Vorfälle gab: „Es lagen und liegen keine weiteren Meldungen vor.“
 
„Ich kenne keinen einzigen Fall, bei dem die Kirche von sich aus aktiv geworden ist. Es reicht aber nicht, immer nur das zuzugeben und aufzuarbeiten, was Betroffene selbst aufdecken“, sagt Keupp von der deutschen Aufarbeitungskommission. „Die Institutionen haben die Verantwortung, von sich aus auf mögliche Betroffene zuzugehen. In Deutschland ruft die Evangelische Kirche gerade Betroffene öffentlich dazu auf, sich zu melden. Das ist ein wichtiger Schritt.“
 
In Österreich gab es so einen öffentlichen Aufruf nicht. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass die Anzahl der gemeldeten Fälle so niedrig ist. In den vergangenen 30 Jahren habe es nur vier Beschwerden im Zusammenhang mit sexualisierten Übergriffen durch Pfarrer der Evangelischen Kirche gegeben, schreibt Bachler. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand.

Das Ende

Sabines Fall geht 2020 an den Weißen Ring. Nach der Beratung entscheidet sie, ein Disziplinarverfahren gegen den Pfarrer zu beantragen. Im Verfahren soll geklärt werden, ob der Pfarrer zu Sabine im Zuge der Mediation gesagt hat, sie habe ihm Signale gesendet und mit ihr stimme etwas nicht. Das Urteil steht zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch aus. Für Sabine ist es damit vorbei. Sie ist mittlerweile Anfang 40, verheiratet, hat Kinder und arbeitet an ihrer Dissertation. „Ich habe alles gemacht, was ich tun konnte. Ich habe alles versucht.“

 

 

*Sabine heißt in Wirklichkeit anders

 

Du bist betroffen oder kennst jemanden? Hier findest du Unterstützung:

    •    Frauennotruf: 01 71719
    •    Rat auf Draht (für Jugendliche): 147
    •    Opfer-Notruf von Weisser Ring: 0800 112 112
    •    Act4Respect bei sexueller Belästigung: 0670 600 70 80

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