Symbolbild zu Schulschließungen: Durch eine geöffnete Tür sieht man verschwommen einen Pausengang eines Schulgebäudes
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/ 11. November 2020

Die Diskussion um den Beitrag von Schulen zur Corona-Pandemie ist schon früh nach deren Ausbruch entbrannt. Sichere wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es noch nicht. Aber internationale Erfahrungen zeigen: Man kann Schulen offen lassen - wenn man vorbereitet ist.

Es sind dramatische Worte, die aufrütteln: Wenn nicht bald alle Schulen schließen, dann würden die Spitäler schon binnen einer Woche vor dem Kollaps stehen. Dann würden PatientInnen, die dringend Behandlung brauchen, wieder nachhause geschickt und sich selbst überlassen. Anders gesagt: Bleiben die Schulen offen, gibt es Tote. (Zur aktuellen Situation weiterlesen: Wie die aktuellen Corona-Zahlen in Österreich die Krankenhäuser belasten)

Diese Botschaft kam am Montag von renommierten Wittgenstein-PreisträgerInnen, ProfessorInnen für Mathematik, Physik und Informatik, die ihren Appell an die Regierung in einem offenen Brief kundmachten. Dass Schulen Infektionstreiber sind, sei “eine bewiesene Tatsache”, erklärten sie. 

Die Regierung hingegen will Kinder bis 14 Jahre so lange wie möglich vorm Homeschooling bewahren. Den WissenschafterInnen zufolge spielen sie mit dem Feuer. Aber ist das wirklich so?

 

Die Erfahrungen mit Schulschließungen

Internationale Erfahrungen deuten darauf hin, dass Kinder trotz  Epidemie in die Schule gehen können, solange die Erwachsenen ihre Hausaufgaben machen und das Umfeld passt. 

Eine britische Studie, die Anfang August im Lancet veröffentlicht wurde, kommt zum Schluss, dass Schulöffnungen machbar sind, wenn es ausreichend Tests und systematische epidemiologische Untersuchungen gibt – und wenn Verdachtsfälle brav zu Hause bleiben.

Wer aus Fehlern lernt, kann Schulen öffnen

In Europa gibt es unterschiedliche Strategien. Einige Länder haben Schulen generell geöffnet, andere – wie etwa Tschechien – halten sie ausnahmslos geschlossen. Italien, Griechenland und die Slowakei machen es wie Österreich und Israel und schicken die jüngeren Kinder weiter in die Schulen, während die älteren zu Hause lernen.

Ein Land, das sich zumindest in puncto Bevölkerungsgröße und dem Niveau des Gesundheitssystems gut mit Österreich vergleichen lässt, ist Israel. Das Land hat die erste Welle glimpflich überstanden, die Sterberate lag hier deutlich unter jener der meisten europäischen Länder. Die zweite Welle schlug umso heftiger zu. Und manche sagten, es lag an den Schulen.

Eine Gruppe israelischer Forscher, die ihren Fokus auf das Infektionsgeschehen in Schulen richtete, widerspricht dem heftig. “Der große Fehler war, alles auf einmal zu öffnen”, sagt Ora Paltiel, Professorin für Public Health an der Hebräischen Universität Jerusalem. Aus diesem Fehler hat Israel gelernt: Nach einem mehrwöchigen Lockdown sperrten am 1. November nur die Kindergärten und Volksschulen auf. Die höheren Stufen müssen weiter warten – womöglich bis Jänner. 

 

Corona wird bei Kindern oft nicht erkannt

Die Frage, inwieweit Kinder stille “Superspreader” sind, weil ihre Infektionen mangels Symptomen unentdeckt bleiben, wird seit Beginn der Pandemie hitzig diskutiert. “Das Ausmaß einer Übertragung innerhalb der Schulen und von den Schulen in die Familien/Haushalte ist weitgehend unklar und Gegenstand der Forschung”, heißt es in dem aktuellen Empfehlungskatalog, den das deutsche Roland Koch Institut für das Coronamanagement an den Schulen erstellt hat. 

“Was wir jedenfalls sagen können, ist: Es gibt einen großen Unterschied zwischen jüngeren und älteren Kindern”, sagt Public Health-Professorin Ora Paltiel von der Hebrew University in Jerusalem. “Kleinere stecken weniger an als Größere.” Sie infizieren sich nur halb so oft mit dem Virus, wie auch eine aktuelle Studie der Centers for Disease Control and Prevention in den USA belegt.

 

Die Klassen sollten sich nicht zu stark vermischen

Schulöffnung und zweite Welle: Nur scheinbare Zusammenhänge?

Ora Paltiel hat gemeinsam mit anderen israelischen Forschern untersucht, inwieweit die Schulöffnung in Israel der Grund für die Wucht der zweiten Welle war. Das überraschende Ergebnis: Ein Zusammenhang war nicht erkennbar. Die Infektionen schossen bereits in die Höhe, als die Schulen gerade erst aufsperrten. Schuld an dem massiven Anstieg waren laut Paltiel die gehäuften Familienurlaube und Kinderpartys, die in den zwei Wochen vor dem Schulstart stattfanden, wie auch die vielen Hochzeitsfeiern israelischer AraberInnen im August. 

Außerdem muss man auch kulturelle Besonderheiten beachten, bevor man Rückschlüsse aus der Entwicklung  anderen Ländern zieht. Einen großen Einfluss auf das Infektionsgeschehen hat die Wohnsituation der Familien und die Frage, inwieweit unterschiedliche Familien sich vermischen. Und hier spiele in Israel die ungewöhnlich große Gruppe der streng religiösen Familien eine Rolle. Familien ultraorthodoxer Jüdinnen und Juden haben im Durchschnitt sieben Kinder. Die männlichen Familienmitglieder verbringen den Tag in Thoraschulen und Bethäusern, wo ein reges Kommen und Gehen herrscht und der nötige Abstand oft nicht eingehalten werden kann. Die Folge: Die im Ampelsystem rot gefärbten Städte waren überwiegend ultraorthodoxe Gemeinden.

Für offene Schulen muss man vorbereitet sein

Wer Schulen offenhalten will, muss sicherstellen, dass rundherum alles passt, sagt Paltiel: Genügend Tests, gutes Kontakt-Nachverfolgung, und Erwachsene, die Kontakte minimieren. 

Den EntscheidungsträgerInnen müsse klar sein, dass Schulöffnungen nicht unriskant sind. "Nicht, weil Kinder so extrem gefährlich sind, sondern weil Kinder Menschen sind. Sie können sich anstecken und sie können andere anstecken." 

Die eigentliche Frage sei also, wie viel Wert eine Gesellschaft auf den freien Zugang zu Schulbildung lege. Ist Schule Priorität, dann sei es aus epidemiologischer Sicht zulässig, dieses Risiko einzugehen. "Zumal Kinder ja vergleichsweise geschützt sind vor den Auswirkungen der Krankheit. Man erhöht also das Risiko für die Gesamtgesellschaft, aber man tut, das, weil der hohe Wert der Bildung es rechtfertigt." 

Schule anders denken

Mindestens ebenso wichtig wie die Frage, ob Schulen öffnen, ist die Frage, wie sie geöffnet werden. "Klar ist: Wir müssen Schule anders denken als zuvor", sagt Paltiel. In Israel werden Kinder in kleineren Gruppen von maximal 18 SchülerInnen unterrichtet, in der Klasse wird Abstand gehalten und regelmäßig gelüftet, das Essen wird im Freien eingenommen. Andere Maßnahmen könnten Luftfilter und Masken sein.

Um die höhere Anzahl an Klassen zu bewältigen, wurden Tausende neue LehrerInnen engagiert. Manche Volksschulen arbeiten mit einem Mischsystem: So wird Englisch per Video auf die Großleinwand in mehreren Räumen übertragen, wobei der oder die KlassenlehrerIn anwesend bleibt und den Schülern weiterhilft, wenn sie steckenbleiben. Das Ziel ist, allzu viel Rotation der LehrerInnen zu vermeiden – um so gut es geht zu verhindern, dass Viren von Klasse zu Klasse weitergetragen werden. 

"Die Gesellschaft muss sich entscheiden, was sie will", sagt Paltiel. "Wir können nicht zwei Jahre im Lockdown sein, also müssen wir schauen, was uns am wichtigsten ist." Vieles spreche dafür, die Schulen ganz oben auf die Prioritätenliste zu setzen, um zu vermeiden, dass eine ganze Generation in ihrer geistigen Entwicklung eingeschränkt werde. "Denn den Schaden, den diese Generation nimmt, gibt sie an die nächsten Generationen weiter."

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