Ein Kind beim Zahnarzt, welcher im Mund des kleinen Patienten eine Kontrolle durchführt.

Die zahnmedizinische Versorgung in Österreich ist sogar laut Rechnungshof "suboptimal". Die Gesundheitspolitik müsste dringend reagieren - denn aufgrund der Corona-Krise werden sich bald noch mehr Menschen nötige Behandlungen nicht leisten können.

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/ 3. September 2020

Die Zahnärztekammer fordert seit Jahrzehnten von der Gesundheitspolitik Reformen im Bereich Zahngesundheit - vergeblich. Für viele Behandlungen bezahlt die Krankenkasse gar nichts und wenn ist auch dann oft der Selbsthalt sehr hoch, weshalb sich viele PatientInnen nötige Behandlungen nicht leisten können. Vor allem Kinder müssten besser versorgt werden. Durch die Finanzkrise 2008 wurde der Zahnarzt oft unleistbar - in der Corona-Krise droht dasselbe.



Bei der 36-jährigen Karin B. (Name von der Redaktion geändert) traten die Zahnprobleme in der ersten Schwangerschaft auf. Damals mussten ihr zwei Zähne gezogen werden. “Ich glaub, da wurden meine Zähne einfach porös. Ich hatte dann immer wieder Wurzelbehandlungen, in der zweiten Schwangerschaft musste dann wieder ein Zahn gezogen werden,” so die zweifache Mutter.

Mittlerweile hat sie vier Zahnlücken. “Leider fehlt mir oben links der vierte Zahn, weshalb ich mich kaum lachen traue, da ich mich für die Lücke schäme.” Und nun ist vor zwei Wochen auch bei einem Zahn neben der Lücke ein Eck ausgebrochen, als sie in ein Stück Brot biss. Dieser muss wohl bald gezogen werden - dann hat Karin insgesamt fünf Zahnlücken.

 

“Ich verstehe nicht, warum die Krankenkasse die Behandlung eines gebrochenen Beines bezahlt, aber nicht einen kaputten Zahn”

“Ich würde mir gerne Implantate machen lassen, aber ich schiebe es immer wieder hinaus, da ich einfach das Geld nicht habe,” meint Karin. Mittlerweile lebt sie vom Vater ihrer Kinder getrennt. Monatlich bleiben ihr nach Abzug der Fixkosten wie Miete und Strom gerade einmal 380 Euro für Lebensmittel und anderes übrig - für sich und die Kinder. Geld zur Seite legen ist da schwer.

“Ich habe bereits erhebliche Probleme und es wird schlimmer, weil ich es immer aufschiebe,” so Karin. Sie bekommt leicht Zahnfleischentzündungen, vor allem wenn sie härtere Sachen isst, wie eine Brotkruste oder Nüsse. Die unteren Zahnlücken hat sie schon so lange, dass die Zähne darüber schon nach unten wachsen. Da liegt der Zahnhals frei und ist auch sehr empfindlich. 

Karin weiß nicht, wie sie das Geld für die Behandlung aufbringen soll: Die Krankenkasse bezahlt in der Regel in diesem Fall eine Teilprothese, die 100 bis 1000 Euro kosten kann. Ein Drittel der Kosten sind jedoch als Selbstbehalt zu tragen. Bei fünf Zahnlücken kann das allerdings auch bis zu 1.500 Euro ausmachen, die aus der privaten Tasche zu bezahlen sind. Die fixen Implantate, die Karin gerne hätte, kosten aber in der Regel 1.700 bis 2.000 Euro pro Zahn. Diese Preise gelten allerdings für nicht sichtbare Backenzähne. Für Frontzähne können die Preise auch schnell mal über 3.000 Euro betragen. “Ich verstehe nicht, warum die Krankenkasse anstandslos die Behandlung eines gebrochenen Beines bezahlt, aber nicht für einen kaputten Zahn,” meint die zweifache Mutter verzweifelt.

 

Zahngesundheit der ÖsterreicherInnen schlecht

Die hohen Kosten, die bei Zahnbehandlungen entstehen können, sind mit ein Grund, weshalb die Zahngesundheit der Bevölkerung allgemein schlecht ist. Bei einem aktuellen, europaweiten Ranking liegt Österreich nur auf Rang 20 und wird von Ländern wie Polen und Rumänien geschlagen.

Viele ÖsterreicherInnen gehen oft für eine günstigere Behandlung ins Nachbarland Ungarn. Die Zahnärztekammer rät davon jedoch ab: Oft werden aufwendige Vorbehandlungen weggelassen oder vernachlässigt und so können dann Probleme wie Entzündungen auftauchen.

 

Kassenvertrag der ZahnärztInnen ist über sechzig Jahre alt

Die Zahnärztekammer fordert seit Jahrzehnten, dass der Vertrag zwischen Krankenkassen und ZahnärztInnen reformiert wird: Der derzeit gültige stammt nämlich in seinen Grundzügen aus dem Jahr 1957. 

Der Wiener Kammerpräsident Claudius Ratschew findet das skandalös: “Wir wünschen uns für unsere Patienten eine moderne und zeitgemäße Behandlung. Das, was die Krankenkassen heute großteils bezahlen, war aus wissenschaftlicher Sicht adäquat, als die meisten von uns noch gar nicht geboren waren.” 

Übrigens stuft sogar der Rechnungshof die Rahmenbedingungen für die zahnmedizinische Versorgung als “suboptimal” ein. Kein Wunder: Bei einer Wurzelbehandlung muss sogar die Narkose privat bezahlt werden.

 

Die Zahnärztekammer sieht vor allem bei zwei Punkten dringenden Handlungsbedarf:

  • Eine verpflichtende zahnärztliche Untersuchung muss im Mutter-Kind-Pass verankert werden: Denn so können Probleme schon früh erkannt und präventiv vorgesorgt werden. Auch die Untersuchung der Mütter ist wichtig - wie das Beispiel von Karin zeigt. Wären ihre Zahnprobleme frühzeitig erkannt worden, hätte sie vielleicht nicht so viele Zähne verloren.
  • Kassentarife bei besser Behandlung abziehen: Alle Behandlungen, die nicht im Leistungskatalog der Krankenkasse stehen, werden in der Regel nicht einmal bezuschusst. Ein Beispiel: Wer eine Zahnlücke hat und sich für ein Implantat entscheidet, muss diese Leistung vollkommen aus privater Tasche bezahlen. Von der Krankenkasse gibt es dann keinen Cent. Dabei würde sie eine halb so teure Brücke bezahlen. Die Zahnärztekammer fordert, dass die Krankenkasse zumindest den Betrag zuschießt, den sie für die Behandlung bezahlt hätte, die im Leistungskatalog steht. So würde ein Implantat in der Regel nur noch die Hälfte kosten.


Zahnarzt für Kinder muss kostenlos sein

Immerhin gab es im Bereich der Zahngesundheit bei Kindern in den vergangenen Jahren kleine Vorstöße. Die Mundhygiene bei Kindern bezahlt die Krankenkasse zur Gänze. Groß gefeiert wurde aber die kostenlose Zahnspange für alle unter 18 Jahren im Jahr 2015. Doch diese wird nur bei einer schweren Zahnfehlstellung bezahlt. 

Der Zahnärztepräsident fordert, dass auch teilweise herausnehmbare Zahnspangen bei Kindern und Jugendlichen bezahlt werden sollten: “Sie helfen sehr viel, da werden präventiv viele zukünftigen Probleme abgefangen. Früher wurden diese Zahnspangen manchmal von der Krankenkasse bezahlt, doch mittlerweile auch nicht mehr.”

 

Corona-Krise: Für viele werden Zahnbehandlungen unleistbar

Gerade angesichts der Corona-Krise müsste die Reform in der Zahngesundheit aber sofort umgesetzt werden. Denn eine Untersuchung des Instituts für Höhere Studien zeigt: Nach der Finanzkrise 2008 leisteten sich Menschen mit niedrigeren Gehältern noch seltener als davor nötige zahnärztliche Behandlungen. 2010, als die Auswirkungen der Krise am deutlichsten zuschlugen, waren es sogar fast 5 Prozent der Bevölkerung in der unteren Einkommensschicht:

Nachdem die Auswirkungen der Finanzkrise abgefedert wurden, verbesserte sich die Versorgungslage wieder. Die Corona-Krise wäre also ein Anlass, den längst überholten Kassenvertrag der Zahnärzte zu überarbeiten. Sonst rückt Österreich in die Nähe des europäischen Schlusslichts in puncto Zahngesundheit.

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