Todesstrafe im Livestream: Öffentliche Hinrichtung als faschistisches Spektakel
2009 verübte Nidal Hasan ein Massaker auf einem Miltärstützpunkt. Der ehemalige Militärpsychater erschoss am 5. November 2009 dreizehn unbewaffnete US-Soldat:innen in einer Medizinstation. 32 weitere wurden, teils schwer, verletzt. Seine Motive waren klar islamistisch geprägt. Er gab selbst an, den Anschlag für die Taliban zu verüben.
Es besteht also keine Frage über die Schuld oder die Abscheulichkeit der Tat. Es gibt wohl niemanden bei Verstand, der Sympathie mit Hasan empfindet. Genau das macht ihn zum perfekten Akteur für das Todes-Spektakel, das der selbsternannte US-Kriegsminister Pete Hegseth im Sinn hat. Er will einen Livestream der Erschießung des Verurteilten im Internet.
Die Todesstrafe ist in Europa durch die höchsten Gesetze verboten, die es gibt. Hier gilt: Der Staat darf Menschen einsperren, aber nicht töten. In den USA ist die Todesstrafe noch immer grundsätzlich Teil des amerikanischen Strafvollzugs. Letztgültig vollzogen wird sie in den Gefängnissen selbst, meistens via Giftspritze. Die USA sind das demokratische Land mit den meisten Hinrichtungen. Mehr Hinrichtungen gibt es sonst nur in China, dem Iran, Saudi-Arabien und Jemen. Minderheiten werden öfter verurteilt. Bei zahlreichen Getöteten bestehen bis über den Tod hinaus Zweifel an ihrer tatsächlichen Schuld.
Schon damit, dass es die Todesstrafe noch gibt, sind die USA also bestenfalls in fragwürdiger Gesellschaft. Sie in öffentliche Hinrichtungen zu vollstrecken, ist darüber hinaus aber noch einmal eine eigene Dimension. So etwas wurde auch in den USA zum bisher letzten Mal 1936 im Südstaaten-Bundesstaat Kentucky gemacht. Heute sind solche Hinrichtungen im Iran und Afghanistan üblich. Das illustriert, wo sich die USA unter US-Präsident Donald Trump und seinem Minister Hegseth befinden.
Das könnte dir auch interessieren
Die Wiederaufnahme des Vollzugs der Todesstrafe als öffentliches Spektakel ist kein Zufall. In einer demokratischen Gesellschaft ist der Respekt vor dem Sterben sehr hoch, auch dem unbekannter und moralisch schlechter Menschen. Pietät und Anstand gebieten Zurückhaltung und das Gewähren von Privatsphäre. Deswegen werden nicht laufend tote Menschen in den Abendnachrichten gezeigt und verbietet es sich, Unfallopfer zu fotografieren und Bilder davon zu teilen.
Das hat etwas mit der Achtung der grundsätzlichen Menschenwürde zu tun. Unsere Gemeinschaft und unser Rechtsstaat baut darauf auf, dass man diese nie verlieren kann und der Staat sie einem nicht aberkennen darf. Aber es hat auch damit zu tun, dass der Tod in unseren Gesellschaften keine nebensächliche Banalität ist. Schon gar nicht ist er Spektakel und Belustigung.
Todesstrafe: Faschismus ist ein Todeskult
Es sind genau diese Mechanismen und Emotionen, die dem Faschismus zuwiderlaufen. Faschismus ist ein Todeskult, der sich besessen mit der eigenen Vergänglichkeit und dem Sterben (und Morden sowie Vernichten) der Anderen beschäftigt.
Der eigene Märtyrertod ist dabei nur die andere Seite der Medaille, die andere ist die öffentliche Hinrichtung der anderen. Der eigene Tod wird verherrlicht und verheiligt, der Tod der anderen abgewertet und banal gemacht.
Spaß an der Grausamkeit
Das geplante Spektakel der Hinrichtung von Hasan erfüllt auch den Zweck der Desensibilisierung von Tod und Mord. Umso mehr sich eine Gesellschaft ans öffentliche Hinrichten gewöhnt, desto massenhafter wird das in Zukunft stattfinden - und umso weniger scheint das Leben (das eigene, wie das der anderen) überhaupt wert. Die Trump-USA haben mit der Entwertung von Rechtsstaat und Leben längst begonnen - etwa damit, dass man regelmäßig Boote und Menschen im Meer versenkt, die man ohne Prozess nur des Drogenschmuggels verdächtigt.
Nun droht das Land, einen weiteren Kipppunkt zu erreichen, der eine demokratische Gesellschaft immer mehr verroht und zur Barbarei verführt. Hegseth möchte das Urteil nicht nur vollstreckt sehen, er möchte sich daran belustigen. Die Ergötzungsgemeinschaft ist notwendiger Bestandteil von Faschismus. Es genügt nicht, Gewalt auszuüben, es muss auch Spaß machen. Die lustvolle Gewalt als gemeinschaftsstiftendes Merkmal droht das neue Normal in den USA zu werden.
Das könnte dir auch gefallen
- Ein Gespenst geht um: Eine Wirtschaft, die sich an den Bedürfnissen von Menschen orientiert
- Wie sich die FPÖ international aufstellt
- Menschliche Dummheit ist gefährlicher als Künstliche Intelligenz
- Nationalbank-Chef verirrt sich in die Tagespolitik: Was erlaube Kocher?
- Propagandamaschine Innenministerium: Der Holler mit der "Minuszuwanderung"
- Nein, die Linke und die AfD sind nicht gleich
- Was die Gießkanne in der Wirtschaftspolitik verloren hat
- Nicht viel los beim Identitären-Treffen: Doch die Ideologie sitzt längst im Parlament