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Demokratie
Kapitalismus

Ein Gespenst geht um: Eine Wirtschaft, die sich an den Bedürfnissen von Menschen orientiert

Ein Gespenst geht um: Eine Wirtschaft, die sich an den Bedürfnissen von Menschen orientiert
Markus Marterbauer (Foto: BKA/Schroetter - CC BY-NC 4.0)
Markus Marterbauer ist Finanzminister und designierter Vizekanzler. Ein Glücksfall für Österreich, ist er doch, zur Abwechslung, ein ausgewiesener Experte seines Fachs. Die konservative Presse geht trotzdem, oder gerade deswegen, die Wände hoch. Natascha Strobl kommentiert.

Es gab Zeiten, da war der Finanzminister in Österreich ein studierter Philosoph mit einem MBA. Aber das war vor Markus Marterbauer. Der heutige Finanzminister ist zuerst Wirtschaftswissenschaftler. In seiner langen akademischen Karriere hat er zahlreiche Bücher und andere Forschungstexte veröffentlicht. Er war Chefökonom der Arbeiterkammer. Und er ist spezialisiert auf Budgetentwicklung und Fiskalpolitik. Kurz gesagt: Kaum jemand wäre qualifizierter, um über das österreichische Budget zu wachen. 

Die Attacken auf Marterbauer beginnen

Die konservative Presse versucht trotzdem, an seiner Eignung zu rütteln - besonders jetzt, wo er auch Vize-Kanzler werden soll und möglicherweise einmal SPÖ-Chef werden könnte. Sie gesteht Marterbauer zwar Pragmatismus zu. Das bedeutet: Er erkenne und respektiere, welche Maßnahmen durch die Mehrheiten in der Koalition möglich seien und würde konstruktiv danach handeln, statt auf seiner “Ideologie” zu beharren. 

Aber gleichzeitig wertet die Presse ihn und seine “Ideologie” damit auch ab. Er wird damit "zu links". Ja, linker als Marterbauer gehe es fast gar nicht, sagt sie sogar.

Keynesianismus war einmal Normalität

Dabei ist Marterbauer ein sogenannter “Keynesianer”. Diese wirtschaftspolitische Denkart ist benannt nach dem bahnbrechenden Wirtschaftswissenschafter John Maynard Keynes. Grob gesagt hat Keynes herausgefunden, dass der Staat besonders in Zeiten wirtschaftlicher Schwächen mit Investitionen für Nachfrage sorgen muss, damit die Volkswirtschaft nicht komplett zusammenbricht, weil alle sparen.

Das ist nicht radikal links, das ist eine Denkweise, für die ihm vom Magazin “TIME” einmal nachgesagt wurde, dass er vermutlich den Kapitalismus gerettet und den Marxismus in Zaum gehalten hat. Und diese und darauf aufbauende Forschung war lange Zeit der Mainstream der europäischen Wirtschaftswissenschaften. Auf dieser Schule beruht das Fundament des so erfolgreichen europäischen Sozialstaats. Unsere Lebensqualität verdanken wir Wirtschaftswissenschafter:innen, die wie Marterbauer dachten und denken.

Die Presse sieht das anders. Sie ist ein “bürgerliches” Medium - konservativ und wirtschaftsliberal. Wenn sie im Text schreibt, “Einige Wirtschaftsliberale sahen [Marterbauer] als eine Art Gottseibeiuns und seine Angelobung [als Finanzminister] als ersten Schritt Österreichs in Richtung Planwirtschaft und bedingungsloser Umverteilung”, dann könnte sie damit ebenso gut die eigene Blattlinie meinen. Und so brandmarkt sie nun Marterbauers vernünftiges Mainstream-Denken als "weiter links geht nicht" zu brandmarken. 

In drei Schritten zum Radikalen

Erstens erklärt sie eine Position links von Marterbauer für unmöglich. Das ist auf banale Weise falsch. Eine soziale Marktwirtschaft, in die der Staat ausgleichend eingreift, ist sehr offensichtlich nicht die linkeste Wirtschaftspolitik, die man sich überhaupt vorstellen kann. Positionen links davon gibt es im Überfluss.

Zweites bezeichnet die Presse Marterbauer als “ideologischen” Wirtschaftswissenschafter und versucht ihn damit zu diskreditieren. Weil sie das hervorhebt, vermittelt sie, das wäre etwas Besonderes. Als hätte nicht jede Wirtschaftswissenschaft einen weltanschaulichen Hintergrund. Populär und koalitionstauglich wird Marterbauer in der Presse-Darstellung nur, weil er seine “Ideologie” angeblich nicht umsetze.

Drittens: Die Presse normalisiert so den Neoliberalismus und andere rechte Spielarten der Wirtschaft. Wenn man aus einem Bild den linken Teil wegschneidet, rückt der rechte Teil optisch weiter in die Mitte. Wer so an den linken Rand gedrängt wird, rutscht scheinbar aus der Mitte ins Extrem.

Zwei Modelle im Vergleich

Marterbauers Keynesianismus fordert eine Wirtschaft im Dienst der Menschen, eine staatliche Daseinsvorsorge und die Idee, dass niemand zurückbleibt. Die Allgemeinheit finanziert einen Staat, der dafür Sicherheit schafft.

Der extreme Neoliberalismus ist als konkurrierende Ideologie in Ländern wie den USA gut zu beobachten, wo Menschen bankrottgehen, wenn sie schwer an Krebs erkranken und trotz Versicherung die Kosten nicht stemmen können. Es gibt keine Freistellung im Wochenbett oder gar der Karenz, Urlaubstage gibt es nur mit Glück und selbst die Krankentage werden limitiert. Das bedeutet weniger Lebensqualität, höhere Sterblichkeit bei Müttern und Kindern und generell eine geringere Lebenserwartung.

Das europäische Modell des Sozialstaats ist in allen Belangen überlegen. Die Presse versucht, schon das als unsagbar linke Position darzustellen. Schon beim Amtsantritt wurde Marterbauer dort als “eine Provokation für Neos und ÖVP” verortet (“freilich”). “So war das mit dem Wählerwillen vermutlich nicht gemeint”, schrieb der Presse-Innenpolitik-Ressortleiter im Februar 2025 in seinem Leitartikel über den bald beliebtesten Minister des Landes. Wenige Worte später referierte er über Andreas Babler und eine “extrem linke Strömung der Sozialistischen Jugend” und sorgte sich, “ob ein linker Denker wie [Marterbauer] überhaupt für die Mühen der Ebene geeignet“ wäre.

Allein ist die Presse mit dieser Diskursverschiebung nicht, Marterbauer wird auch im Kurier als “ideologischer Linksausleger” bezeichnet. Und sogar der Falter fragte sich, ob ein “prononcierter Linker als Finanzminister” denn wirklich “gut gehen” kann. Auch wenn die Antwort nicht “Nein” war, muss eine Selbstverständlichkeit offensichtlich erst einmal erklärt werden.

Wissenschaft unter Druck

Das ist kein Zufall. Denn was Marterbauer hier widerfährt, ist ziemlich durchschaubar, aber es ist nicht neu. Intellektuelle, Wissenschaftler:innen und Politiker:innen links der Mitte und ihre Ideen machen in der liberalen und konservativen Presse seit langem ähnliche Erfahrungen. 

Ähnlich ergeht es auch der renommierten Wirtschaftswissenschaftlerin Isabella Weber. Sie weist in ihrem neuen Buch auf den Zusammenhang von radikalem Neoliberalismus und Aufstieg des Faschismus hin. Als Antwort spricht sie sich für eine Wirtschaftspolitik aus, die Faschismus verhindern soll, will und kann. 

Seit Jahren wird sie massiv angegriffen, weil sie mit Marterbauer vergleichbare Positionen vertritt. Das Denken der beiden ähnelt sich - in seiner jüngsten Budgetrede hat der Finanzminister sich sogar direkt auf Weber und ihre Forschung über die Inflation bezogen. Dieses Denken ist nicht radikal und war sogar einmal Konsens. Heute müssen sie sich dafür angreifen und als Radikale darstellen lassen. 

Diese Debattenverschiebung reiht sich in eine Reihe wissenschaftsfeindlicher Exzesse der Gegenwart ein. Geistes- und andere Sozialwissenschaften sowie Pädagogik waren die ersten Opfer, es folgten Naturwissenschaften wie die Klimaforschung oder Medizin. Als Sozialwissenschaften sind nun die Wirtschaftswissenschaften dran.

Meinung

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    Kommentare 2 Kommentare
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  • frizzdog
    07.10.2026
    dem "industriellenvertreter" macht sich die präpotente unmenschlichkeit schon im gesichtsausdruck bemerkbar
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  • frizzdog
    07.10.2026
    der EIGENTLICHE hintergrund für die BABLER mobbing-ablöse ist, dass er als verantwortlicher medienminister die HAUSZUSTELLER nicht mehr vom steuerzahler bezahlen lassen wollte. das genügt im "bürgerlichen" Ösiland, um sämtliche sumpfwappler in den medien zum messer greifen zu lassen. wie sagte der VdB: "wir sind nicht so"? doch, wir sind!
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