Österreich fehlen Grundwehrdiener. Über eine naheliegende Lösung spricht kaum jemand.

Österreich gehen die Grundwehrdiener aus. Nur noch 16 Prozent eines gesamten Jahrgangs (also Frauen und Männer) leisten laut einem aktuellen ORF-Bericht Grundwehrdienst, Tendenz sinkend. Das ist ein Problem für das Bundesheer: Es braucht junge Menschen, um seinen Betrieb aufrechtzuerhalten und ausreichend Soldaten auszubilden. Die Politik sucht jetzt nach Lösungen und diskutiert verschiedenste Möglichkeiten. So schlägt die Wehrdienstkommission vor, das Höchstalter für den Antritt des Grundwehrdienstes von 35 auf 40 Jahre anzuheben. Damit sollen sich Männer ihrer Wehrpflicht nicht durch langes Warten entziehen können. Auch ein freiwilliger Grundwehrdienst für Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft kommt für die Kommission in Frage. Gleichzeitig überlegt sie, durch den Wehrdienst jungen Männern das Erlangen der Staatsbürgerschaft zu erleichtern.
Eine naheliegende Frage wird dabei bisher gar nicht diskutiert: Warum erleichtert Österreich Menschen, die längst hier leben, nicht grundsätzlich den Zugang zur Staatsbürgerschaft?
Österreich hat eines der strengsten Einbürgerungssysteme Europas. Wer die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen möchte, muss in der Regel mindestens zehn Jahre rechtmäßig hier leben. Dazu kommen strenge Voraussetzungen in Bezug auf Einkommen und Sprachkenntnisse sowie Prüfungen und hohe Kosten. Zwar gibt es Ausnahmen, die eine Einbürgerung bereits nach sechs Jahren ermöglichen. Für viele Menschen bleibt die Staatsbürgerschaft aber trotzdem unerreichbar.
Das betrifft auch junge Männer, die in Österreich aufgewachsen, vielleicht sogar geboren sind. Sie haben ihren Lebensmittelpunkt immer schon hier, sind Teil dieser Gesellschaft, haben aber keinen österreichischen Pass. Damit unterliegen sie auch nicht der österreichischen Wehrpflicht.
Natürlich würde eine erleichterte Einbürgerung den Personalmangel beim Bundesheer nicht über Nacht beheben. Und eine Reform der Staatsbürgerschaft sollte ohnehin nicht in erster Linie danach beurteilt werden, ob sie dem Militär zusätzliche Rekruten bringt.
Aber genau deshalb ist die Debatte so bemerkenswert: Wenn es darum geht, mehr Menschen für den Wehrdienst zu gewinnen, diskutieren Politik und Heeresministerium längeren Grundwehrdienst und höhere Altersgrenzen. Gleichzeitig bleibt die Möglichkeit, Menschen früher als vollwertige Staatsbürger anzuerkennen, weitgehend außen vor. Im Gegenteil die ÖVP äußert sich sogar positiv zu weiteren Verschärfungen und noch schwierigeren Zugang.
Dabei könnte Österreich beispielsweise die reguläre Mindestaufenthaltsdauer für eine Einbürgerung verkürzen oder den Zugang für Menschen erleichtern, die hier geboren oder aufgewachsen sind. Oder es könnte in Österreich geborenen Kindern, deren Eltern schon lange legal hier leben, automatisch die Staatsbürgerschaft geben, wie es eine Initiative gerade fordert.
Das wäre nicht nur für die Personalplanung des Bundesheeres hilfreich, sondern auch für die gesellschaftliche Teilhabe. Wer dauerhaft in Österreich lebt, sollte nicht erst nach vielen Jahren und unter hohen Hürden die Möglichkeit bekommen, auch rechtlich vollständig dazuzugehören.
Wenn Österreich also darüber diskutiert, wie es mehr junge Menschen für den Dienst an der Republik gewinnen kann, sollte es auch darüber sprechen, wen die Republik Österreich überhaupt als zugehörig anerkennt und akzeptiert.
Wer mehr Menschen in die Pflicht nehmen will, sollte auch bereit sein, mehr Menschen die vollen Rechte zu geben.








