Warum das höhere Frauenpensionsalter bisher ein Misserfolg ist

Der Chef des Arbeitsmarktservice war am Sonntag in der Pressestunde zu Gast. Grundsätzlich hat er viel Kluges gesagt, womit ich übereinstimmen kann. Aber bei der Erhöhung des Pensionsantrittsalters sieht er die Sache viel zu rosig.
„Mathematik schlägt Ideologie“, tönt er selbstgewiss. Und führt einen „Beweis“ an, dass man das Pensionsantrittsalter auf 67 Jahre erhöhen könne, ganz ohne negative Konsequenzen. Sein Argument: Auch bei den Frauen erhöht Österreich das Pensionsantrittsalter gerade schrittweise auf 65 Jahre, und es laufe doch super! Doch „Super“ sieht wahrlich anders aus.
Nun ist er mit seiner Darstellung der Fakten nicht allein. Auch Eco Austria und das WIFO haben diese Zahlen bereits abgefeiert. Beide Institute stehen doch an der Spitze der Kampagne zur Erhöhung des Pensionsantrittsalters auf 67 Jahre.
Die Erhöhung des Pensionsantrittsalters der Frauen läuft schon seit drei Jahren. Es lag einst bei 60 Jahren, mittlerweile hat es 61,5 Jahre erreicht. Bis 2033 werden es 65 Jahre sein.
Von den Frauen, die nun bereits länger arbeiten müssten, sind "nur" 12 Prozent arbeitslos geworden. 88 Prozent verbleiben im Job. Kopf verkauft uns das als vollen Erfolg. Doch das ist eine sehr hohe Arbeitslosenquote und überhaupt kein Grund zur Freude.
Die völlig unzufriedenstellende Situation bei den Männern – in den Jahren vor der Pension haben die eine doppelt so hohe Arbeitslosenquote wie ihre zehn Jahre jüngeren Kollegen – wiederholt sich nun bei den Frauen.
Arbeitslosigkeit steigt bei anderen Gruppen
Was sie mit dieser Darstellung außerdem vergessen: Für jede beschäftigte Frau, die später in Pension geht, gibt es derzeit eine arbeitslose Person mehr, die auf ihren Job sehnsüchtig wartet und ihn nicht bekommt.
Im Vergleich: Vor drei Jahren gingen Frauen noch mit 60 in Pension.
Seitdem haben wir 54.000 beschäftigte Frauen über 60 Jahre mehr, die sonst in Pension wären.
Aber wir haben auch fast eins zu eins so viele Arbeitslose mehr, nämlich 53.000.
Statistik ist etwas anderes als pure Mathematik
Doch der AMS-Chef vergleicht nur zusätzlich beschäftigte Frauen über 60 Jahre mit arbeitslosen Frauen über 60 Jahren. Da sehen die Zahlen selbstverständlich besser aus. Natürlich werden Betriebe nicht alle Frauen schlagartig mit deren 60. Geburtstag vor die Tür setzen. Aber wenn die Älteren in ihren Jobs stehen und sitzen bleiben müssen, kriegen andere keinen Fuß in die Tür.
Die Erhöhung des Frauenpensionsalters bekommen vordringlich Junge zu spüren, die den Berufseinstieg nicht schaffen. Oder Arbeitslose, die vom AMS nicht wegkommen. Oder Wiedereinsteigerinnen, die nach der Kinderbetreuung wieder ein Einkommen brauchen. Das sehen wir nur zu deutlich in den Zahlen. Wer derzeit als Frau beim AMS verweilt, hat so geringe Chancen wie noch nie in den letzten zwanzig Jahren, von dort wieder wegzukommen. Der Jobmarkt ist eingefroren. Für Berufseinsteiger sieht es ähnlich schlecht aus. Über drei Jahre steigende Arbeitslosigkeit hinterlassen Spuren.
Sicherlich: Wenn wir einen Wirtschaftsaufschwung hätten und Arbeitskräfte benötigt würden, könnten theoretisch alle einen Job finden. Aber davon sind wir meilenweit entfernt. Ein Konjunkturpaket, das mehr Arbeitsplätze schafft, lehnt Kopf ab. Das wäre die einzige Lösung, die tatsächlich die Lage am Arbeitsmarkt entspannen könnte. Letztlich baden die zusätzlichen Arbeitslosen das höhere Frauenpensionsalter aus.
Auch der Arbeitskräftemangel ist nicht ausgemacht
Da hilft auch Kopfs Verweis auf einen vorhergesagten Arbeitskräftemangel ab 2050 nicht. Die Bevölkerungsentwicklung – weniger Geburten in Österreich und weltweit – wird wohl die Zahl arbeitsfähiger Menschen in Österreich schrittweise zurückgehen lassen, doch frühestens ab 2040.
Was dann in 24 Jahren im Jahr 2050 ist, weiß keiner. Vielleicht viel Klimamigration aus Afrika nach Europa, vielleicht weitere Kriegsflüchtlinge. Das könnte lokal in Österreich das Arbeitskräfteangebot erhöhen, obwohl es global sinkt.
Sinkende Geburtenraten bringen nicht automatisch Vollbeschäftigung zurück
Die Demografie bewirkt, dass mehr Menschen in Pension gehen als Junge neu in den Arbeitsmarkt eintreten und einen Job suchen. Doch dass mit einer sinkenden Zahl potenziell Erwerbstätiger die Vollbeschäftigung der Siebziger Jahre zurückkehrt, ist keine ausgemachte Sache. Bevölkerungsmäßig gleich "alte" Länder können unterschiedliche Arbeitslosenquoten haben. Bulgarien und Griechenland hatten 2024 ein nahezu gleiches Medianalter (47 Jahre).
Die Arbeitslosenquote in Griechenland war mit 10,1 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die Bulgariens (4,2 Prozent). Wollen oder können die Firmen die Arbeitskräfte nicht einstellen, herrscht trotzdem Arbeitslosigkeit. Und Wirtschaftskrisen mit steigender Arbeitslosigkeit wird es künftig auch geben.
Alleine schon die Inflationspolitik der Europäischen Zentralbank sorgt dafür, dass es künftig Arbeitslosigkeit geben wird. Wenn Kopfs Arbeitskräftemangel eintritt und die Löhne steigen (und die Inflation nachzieht), dann erhöht die EZB die Zinsen und erzeugt damit wieder künstlich Arbeitslosigkeit. Gerade jetzt sieht man im von Abwanderung und Überalterung bedrohten Kärnten, wie es laufen kann. Das „Arbeitskräftepotenzial“ sinkt. Und trotzdem steigt die Arbeitslosigkeit.
Zurück in die Zukunft mit Margaret Thatcher
Dazu bringt die Zukunft weitere Unwägbarkeiten. In einem Vierteljahrhundert werden wir wahrscheinlich KI-gestützte Roboter haben, die viele Tätigkeiten übernehmen können, für die es bisher Menschen braucht. Das kann für einen höheren Lebensstandard sorgen, wenn die Wohlstandsgewinne daraus gerecht verteilt werden und nicht nur im Silicon Valley und China anfallen. Aber es kann auch gut bezahlte Jobs eliminieren und die Löhne für eine breite Masse nach unten drücken. Was KI und Roboter wirklich für den Arbeitsmarkt heißen, kann noch niemand genau sagen. Es ist müßig, darüber zu spekulieren.
Vorhersagen für 2050 sind deshalb mit äußerster Vorsicht zu genießen. Vor allem, wenn sie im Mantel des Unvermeidlichen daherkommen, wie Kopf sie präsentiert („Mathematik schlägt Ideologie“). „There is no alternative“, wollte uns schon Margaret Thatcher weismachen, die berüchtigte neoliberale Premierministerin Großbritanniens. Aber meistens gibt es doch eine.
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