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Kapitalismus
Demokratie

„Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“ – wer soll mit „wir“ gemeint sein?

„Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“ – wer soll mit „wir“ gemeint sein?
Johannes Kopf bei einem Auftritt in der ZiB (Bild: Screenshot von on.ORF.at)
In schlechten Zeiten wird gerne das „Wir“ benutzt. Das betrifft nicht nur die Anstrengung, die nötig ist, sondern auch die Analyse, wie „wir“ überhaupt in die Krise gekommen sind. Auch der AMS-Chef Johannes Kopf hat ein seltsames „Wir“ entdeckt.

Johannes Kopf vom Arbeitsmarktservice war in der ZIB 2 zu Gast, um das Krisenbudget der Regierung in seinem Bereich zu verteidigen. Solche Auftritte sind nicht einfach. Da muss man unterbringen, dass es einem Bauchweh bereitet und man abwarten muss, und man muss den Verweis platzieren, dass es nun mal so sein muss. Kopf ließ da mit einem Satz aufhorchen. In einer harschen Abrechnung mit der Vorgängerregierung sagte er, dass „wir“ nunmal über unsere Verhältnisse gelebt hätten. 

Dieses „Wir“ ist interessant. Es stimmt, dass die ÖVP (die Partei, der Kopf nahesteht) in der vorherigen Regierung mit den Grünen ein unseriöses Budget erstellt hat. Sie hat unverantwortlich Geld ausgegeben, ohne sich um Gegenfinanzierung zu kümmern. Es stimmt auch, dass dieser Scherbenhaufen nun zusammengekehrt werden muss. 

Es stimmt allerdings nicht, dass „wir“ – also die Bevölkerung insgesamt, so wie Kopf das meint – davon profitiert hätten. Vielmehr hat ein kleines Klientel von diesem budgetären Amoklauf profitiert. Der große Rest von „uns“ ist im Vergleich abgefallen und fällt nun weiter ab. 

Wer profitiert hat

So floss jeder zweite Euro der Covid-Hilfen in Gewinne. Hier wurde einfach Steuergeld in Profit für Vorständ:innen, Aktionär:innen und Unternehmensbesitzer:innen umverteilt. Dies waren zum Beispiel riesige Handelskonzerne und Hotels, die überproportional viel Geld bekommen haben.

Zum Dank sorgen jetzt genau jene Unternehmen durch Monopole und Verhinderung von Wettbewerb für viel höhere Preise für Lebensmittel als in unseren Nachbarländern. Diese Politik führte dann auch noch zur höchsten Inflationsrate der EU, die erst langsam zu sinken beginnt.

Wer nicht profitiert hat

Das führte nicht nur zu höheren Preisen, sondern ganz real dazu, dass Menschen sich weniger leisten konnten und aktiv ihren Konsum zurückgenommen haben. In der Folge wurden etwa Lehrer:innen und Polizist:innen mit einem Gehaltsabschluss unter der Inflationsrate „belohnt“, real wurde also ihr Gehalt gekürzt.

Anhand klarer Zahlen kann jede Person selbst überprüfen, ob sie etwa von einer Erbschaftssteuer betroffen wäre. Die Meisten wären es nicht. Hier würde das „Wir“ jener, die über die Verhältnisse gelebt haben, mit dem „Wir“ zusammenkommen, das einen größeren Beitrag leisten soll.

Die meisten haben aber eben nicht über die eigenen Verhältnisse gelebt, sondern wollen einfach normale Verhältnisse für ein normales Leben ohne Existenzängste. Das ist nicht zu viel verlangt. Diesen Standard durch ein Krisen-Wir senken zu wollen, zerstört den Stoff, aus dem unsere Demokratie gemacht ist. 

Allein diese Zusammenschau zeigt, dass nicht „wir“ über „unsere“ Verhältnisse gelebt haben. Eine Regierung hat Geld von uns allen nach oben verteilt und als Draufgabe ein toxisches wirtschaftliches Klima geschaffen. „Wir“ werden ärmer und müssen die Suppe auslöffeln, während jene, die profitiert haben, keinen Finger zur Bekämpfung der Krise rühren und nichts beisteuern – auch unter der heutigen Regierung nicht. 

Wer „Wir“ ist, ist nicht egal

Deswegen tut auch das aktuelle Budget nicht „allen“ weh. Es tut einigen, die schon vorher zu den Verlierer:innen gehörten, sehr weh, und jenen, die bevorteilt wurden, gar nicht. In der Krise gibt es ein „Wir“, aber wenn es Geld zu verteilen gibt, dann geht es nur an die selbst ernannten Leistungsträger.

Dabei wäre es so einfach: Die, die über unsere Verhältnisse gelebt haben, sollen einen fairen Beitrag leisten, etwa indem leistungsloses Einkommen besteuert wird. Um das abzuwehren, beschwören dieselben Kräfte dann wieder das „Wir“ – weil sie uns einreden wollen, dass diese Beiträge dann angeblich „uns alle“ betreffen.

Meinung

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    Kommentare 6 Kommentare
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  • AGR GERHARD MIKO
    30.05.2026
    Ganz einfach: WIR ALLE geradezu haben über unsere Verhältnisse gelebt - seit Jahrzehnten.. Nur 2 Beispiele: Kein normaler Mensch braucht ein Kfz mit uber 100 PS ! Und z.B.viele Junge glauben, sie hätten einen 'Rechtsanspruch' auf einen Urlaubsflug mindestes bis Jesolo.. UND in kaum einer Schule lernt man geplantes "Einkaufen gehen", was wirklich gebraucht wird, Erst kürzlich in den Medien: Um über tausend EURO jeder Haushalt Waren in den MIST.. Das waren vor und auch nach der Jahrtausendwende ein Monatseinkommen Vieler!
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  • ET
    30.05.2026
    Bravourös die Tatsache, koste es was es wolle.... Der der diese Worte in das Land und deren Bewohner hinaus Posaunt hat, hat sich als der Schwindel aufgeflogen ist schnell aus dem Staub gemacht. Jetzt wäre es an der Zeit, nicht Pensionisten, sondern Politiker Pensionen zu kürzen. Banken die kein Service mehr ihren Kunden bieten, Warteschlangen an Bankschalter mangels Beratern.... Krankenhäuser - schließen, umstrukturieren - Staub aufwirbeln, Gesundheitsleistungen verringern..... Mit einem Wort wir sind am arbeiten, leider auf der falschen Fährte, das Volk ist doch nicht dumm!!!! Wie lange glaubt ihr geht das Gut???? Das sind doch keine EHRLICHEN Verbindenden Aktionen!!! Wir sind Spendenkeiser zu Weihnachten , Wo ist LID. für die Bevölkerung, wo sind die großzügigen Groß- Spender die sich so gerne im Fernsehen und auf Plakaten sehen??? Also bitte vor den Vorhang und dann ist auch gleich ein großer Schritt zur Budget - Krise Sanierung getan!!!
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  • Fritz Wagner
    22.05.2026
    Herr Kopf hat immer irgend welch super Weisheiten auf Lager, Er hat auch gemeint, wer keine Ausländer will müsse halt länger arbeiten, keine Ahnung wo er da einen Zusammenhang sieht.
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  • Ricardo
    18.05.2026
    Perfekte Analyse. Nur nützen wird sie nichts, weil die "Schwarzen" wie bisher alles abblocken.
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  • Mo
    13.05.2026
    Auf den Punkt gebracht ! Danke, dass es euch gibt, jeder Spendeneuro ist hier gut angelegt !
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    • Rudolf Rauhofer
      19.05.2026
      Das Wort "Wir" trifft nicht auf alle zu - wohl aber auf sehr viele von uns.