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Gesundheit
Ungleichheit

Unter dem Mikroskop: Wie schwierig die Geschlechtsanpassung für trans Personen wirklich ist

Unter dem Mikroskop: Wie schwierig die Geschlechtsanpassung für trans Personen wirklich ist
Foto: Christine Pichler
Rechte Polit-Kampagnen und hetzerische Medien-Berichterstattung, wie die über Walter P., vermitteln das Bild, dass es für trans Personen extrem einfach wäre, ihr Geschlecht anzupassen. Dabei ist der Prozess für wirklich Betroffene sehr komplex. Der Wiener Kabarettist Kian, bekannt als "Der Kuseng", erzählt von den bürokratischen Hürden und psychischen Zumutungen, um als Mann anerkannt zu werden.

Kian ist bei einer Psychologin. Er braucht ein Gutachten von ihr, denn er will seinen Geschlechtseintrag anpassen. Er fragt die Psychologin, warum er eigentlich psychologisch getestet werden muss. Sie antwortet, dass sie testen müsse, ob er schizophren sei. Kian fragt, ob das schon mal bei einer trans Person der Fall war. Nein – entgegnet sie – aber sie müsse es dennoch überprüfen. Die Psychologin führt mit Kian Konzentrationstests, IQ-Tests und einen Rorschachtest durch. Kian fühlt sich wie eine Laborratte in den 1970er-Jahren. 

Für Österreich gibt es keine offiziellen Zahlen, wie viele Personen jährlich ihr Geschlecht im Personenstandsregister ändern. Den Personenstand kann laut der trans peer group “Cha(i)nge” eine Person nur in dem Land ändern, in dem sie Staatsbürger:in ist. Dafür geht sie zum Standesamt des eigenen Wohnortes und dieses führt dann die Änderung des Geschlechts im Geburtenbuch durch. So weit, so klar. 

Damit das geht, muss eine psychosoziale Fachkraft (aus Psychiatrie, Psychotherapie oder Psychologie) in einer Stellungnahme feststellen und erklären, dass sich die Person einem anderen Geschlecht zugeordnet fühlt und sich das voraussichtlich auch nicht mehr ändert und dass sich die Person deutlich an das äußere Erscheinungsbild des anderen Geschlechts annähert. Auch eine medizinische Diagnose ist nötig: Transsexualismus. Nur in Wien braucht es diese nicht.

Ist dieser Prozess erfolgreich, bringt das die offizielle Anerkennung des Geschlechts. Tauchen im Zusammenhang damit später Fragen wie zur Wehrpflicht oder dem Pensionsantrittsalter auf, warten weitere Hürden. Dann wird auch von den jeweiligen Behörden überprüft, ob jemand dieses Geschlecht nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich im Alltag lebt.

Keine Rolle mehr spielen

Kian ist Mitte dreißig, als er sich als trans Mann outet. “Ich habe mich nicht für oder gegen etwas entschieden, indem ich zu mir stehe. Ich habe lediglich aufgehört, eine Rolle zu spielen, die nie für mich gemacht war, aber die für jemanden nützlich war”, erzählt Kian in seinem Artikel “Geschlecht als Werkzeug, nicht als Waffe” für die Zeitschrift “Tagebuch”. 

Kian entscheidet sich 2022 dafür, eine Hormontherapie und anschließend eine Mastektomie zu machen. Erst 2024 änderte er auch seinen Geschlechtseintrag im Personenstandsregister. 

Für die Geschlechts-anpassenden Maßnahmen braucht er nicht eines, sondern gleich drei Gutachten. Jeweils Fachleute aus klinischer Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie müssen ihm bescheinigen, dass er ist, was er ist.

Vom Wohlwollen einer fremden Person abhängig

Kian konnte sich erst mit 33 Jahren eingestehen, dass er trans ist: “Und dann kommt jemand und sagt dann, ob das stimmt oder nicht. Ärzt:innen machen Testungen, die überhaupt nicht belegen können, ob du trans bist.” 

Je nach Fachpersonal kann die Bewertung anders ausfallen. “Ich kenne trans Personen, denen ihre Existenz abgesprochen wurde. Sie leiden extrem darunter, nicht einfach sein zu können, wer sie sind. Ob du eine Hormontherapie oder geschlechtsangleichende Operationen machen kannst, ist vom Wohlwollen einer fremden Person abhängig”, erzählt Kian. Diese Auseinandersetzungen können für viele retraumatisierend sein – schließlich war es allein schon bis zum Outing oft ein schmerzhafter, langwieriger Prozess.

Schablonen und Leid

Nach der Diagnostik bei einer Psychologin geht es für Kian weiter zu mehreren Gesprächen bei einem Psychiater. Nach jedem Gespräch bekommt er ein Protokoll. Auf einem steht zum Beispiel: “Der Patient kleidet sich männlich”. Das gilt als ein Beweis dafür, dass “Gender Dysphorie” vorliegt. Das bedeutet, dass die falsche Geschlechtszuschreibung tatsächlich psychisches Leid verursacht. “Als würde man eine Schablone auf einen drauflegen, um zu schauen, ob sie auf einen drauf passt”, sagt Kian. 

Als Drittes geht Kian auch noch zu einer Psychotherapeutin. Hier macht er eine gute Erfahrung. Sie wurde ihm von einem Bekannten empfohlen. Die Psychotherapeutin fragt ihn, wie es ihm in der aktuellen Situation geht und nach seinen Sorgen. “Es war für mich überraschend, ernst genommen zu werden – was ja auch schon arg ist”, erzählt er rückblickend. Cha(i)nge hat auf ihrer Homepage Listen von queerfreundlichen Ärzt:innen angefertigt – denn eine gute Erfahrung ist bei solchen Terminen nicht selbstverständlich.

Kostenfrage 

Die Gutachten sind bereits organisatorisch und mental eine große Hürde. Doch trans Personen müssen nicht nur emotional einen hohen Preis zahlen, um ihr Leben so zu führen, wie sie es möchten. 

All diese Gutachten kosten nämlich auch Geld. Laut Cha(i)nge kostet eine Diagnostik bei klinischen Psycholog:innen bis zu 300 Euro, ein Psychiatertermin um die 150 Euro und eine Stunde Psychotherapie auch 100 Euro. 

Der Fall Walter P.

Moment.at berichtete bereits über die mediale Darstellung von Walter P.. Österreichische Zeitungen berichteten jüngst über einen Mann, der seinen Geschlechtseintrag ändern ließ, um seine Haft in einem Frauengefängnis abzusitzen. Das wird ziemlich sicher nicht passieren, was die sensationsgierigen Medienberichte aber nicht bremste. In denen provozierte der Wiener mit Aussagen wie, dass er sich auf das gemeinsame Duschen mit den Damen freue. Mittlerweile hat Walter P. mehrere Strafverfahren am Hals. Dass er seit Jahrzehnten eine Schlüsselfigur in der rechtsextremen Szene ist, erwähnen die Krone Zeitung und die Heute auch jetzt nach mehreren Medienberichten nicht. Gerade aus diesen politischen Gesinnungskreisen gibt es aber weltweit Kampagnen gegen Rechte von trans Personen.

Für Kian ist es nichts Neues, dass rechte Personengruppen versuchen, einen Keil in die Gesellschaft zu treiben. Der Wiener appelliert an alle, solidarisch mit diskriminierten Personengruppen zu sein: “Wenn schon nicht für die andere Person, dann wenigstens aus egoistischen Gründen. Wenn die Grundrechte einer anderen Personengruppe angegriffen werden, dann bist du nicht gefeit davor, dass es dich auch treffen kann.”

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    Kommentare 3 Kommentare
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  • frizzdog
    14.10.2025
    sollte also durch erleichterungen und wegfall von prüfungsumständen auch der missbrauch einfacher gemacht werden? wollen wir wirklich mehr Waltrauden haben?
    Antworten
    • twocent
      21.10.2025
      Der Fall Waltraud ist jetzt passiert, mit einen erschlichtenen Gutachten, Falschaussagen und dazu aus der rechtsextremen Szene die genau das wollen, Verschlechterungen für Transpersonen. Und du willst das jetzt belohnen ? in dem man genau das macht was sie wollten ? Noch mehr prüfungen, noch mehr Atests noch mehr eindringen in die Privatsphäre? Ausserdem für alle die "Angst haben" das diese Person in ein Frauengefängnis kommt. Ja, das wäre möglich nur bitte auch mit bedenken das es bereits Erfahrungen von Transpersonen in diesem System gibt und die Behandlung ist nicht freundlich. Die Personen werden in Einzelhaft gehalten, die Duschen werden nur unter Bewachung und außerhalb der Regelzeit (alleine Duschen) zur Verfügung gestellt, etc. Also wenn Waltraud ins Gefängnis muss wird Waltraud vorraussichtlich in Einzelhaft kommen, wie andere Transpersonen. Es wird meistens "als Schutz" der Transperson dargestellt, " man weiß ja nie was andere Häftlinge vorhaben"-Erklärung. wo auch immer Waltraud seine/ihre Haft antritt, es wird nicht einfach werden für Waltraud.
    • justadude
      20.10.2025
      Nein und nein. Das aktuelle System funktioniert in beide Richtungen nicht - für uns Betroffenen ist es ein entwürdigender Spießrutenlauf (mich hat z.b. eine Psychiaterin beschimpft) um die Behandlungen zu bekommen die wir benötigen und um in Ruhe unser Leben als wir selbst leben zu können, trotzdem scheint es nicht gegen solche Leute zu helfen, die das System ausnutzen wollen - auf Kosten mehrerer Teile der Gesellschaft Dementsprechend braucht es ein solides Konzept um in beide Richtungen nachzubessern, anstatt in einer Kurzschlussreaktion auf Kosten einer sowieso schon vulnerablen Minderheit (und mich würde es traurigerweise nicht wundern, wenn zweiteres ein willkommener Nebeneffekt für die Beteiligten an dieser Aktion wäre) Und nur um es wirklich klarzustellen: übergriffiges Verhalten ist in keinem Fall zu tolerieren. Man kann die Identität einer Person respektieren und gleichzeitig ihre Taten verurteilen, und Lösungen finden (z.b. Fußfessel, duschen nur alleine, ...) um andere vor so einer Person zu schützen