Die Unsichtbaren: Wohnungslose, von denen niemand weiß
Eine Wohnungstür hinter sich zu schließen, kommt Ioanna auch heute noch „surreal“ vor. Jahrelang hatte sie das nicht: einen Raum für sich. Denn mit 18 Jahren lebte sie mehrere Jahre auf der Straße. Schon mit 16 Jahren schlief sie kaum mehr im eigenen Bett.
Damals wohnte sie eigentlich bei ihrer Mutter, verbrachte aber mehr Zeit mit Drogen und Freund:innen im Wiener Stadtpark oder Museumsquartier als im eigenen Zimmer. Sie schlief meist auf der Couch bei Freunden oder zog nächtelang um die Häuser. „Ich bin irgendwann nicht mehr heim, weil ich nicht wollte, dass meine Mutter mitkriegt, was ich so treibe“, erzählt Ioanna, die ihren Nachnamen anonym halten will. Was sie damit vor allem meint, ist ihr Drogenkonsum. Irgendwann wusste ihre Mutter nicht mehr weiter und warf sie raus. „Sie dachte wohl, dass mich das endlich wachrüttelt.“
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Ioanna verbrachte die Nacht im Stadtpark. „Ich bin zusammengebrochen, habe nur noch geweint“, erinnert sich die heute 27-Jährige. Ihr wurde klar: Selbst wenn sie drinnen schlafen wollte, sie konnte es jetzt nicht mehr.
Erst viel später meldete sich Ioanna selbst als obdachlos – nachdem sie bei der MA40 nachgefragt hatte, wie das geht. Sie organisierte sich ein Postfach und ging damit zum Magistrat. Die Jahre zuvor kam sie in der offiziellen Statistik gar nicht vor. Ihre damalige Situation nennen Fachleute „verdeckte Wohnungslosigkeit“. Dazu gehören Jugendliche, die nicht nach Hause können oder wollen und von Couch zu Couch ziehen. Frauen, die in einer gewalttätigen Beziehung bleiben, um nicht auf der Straße zu landen. Menschen, die keinen Mietvertrag haben.
Verdeckte Wohnungslosigkeit: Viel mehr Menschen betroffen als in der Statistik
Laut Statistik Austria waren 2024 in Österreich 21.073 Personen als wohnungslos oder obdachlos registriert – ein Anstieg von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr und das dritte Jahr in Folge mit steigenden Zahlen. Doch die offizielle Statistik basiert auf dem Zentralen Melderegister und erfasst nur jene, die in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe gemeldet sind oder sich bei der Meldebehörde als ‚ohne festen Wohnsitz' melden.
„Die offiziellen Zahlen sind als Untergrenze zu verstehen", sagt Elisabeth Hammer, Geschäftsführerin von neunerhaus. Die Organisation hilft wohnungslosen und nichtversicherten Menschen zum Beispiel mit medizinischer Versorgung, Beratung und Wohnraum. Hammer verweist auf eine Schätzung des Dachverbandes BAWO. Dieser geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl doppelt so hoch ist.
„Wir brauchen besseres Datenmaterial, das ganz spezifisch erhoben werden muss", sagt Hammer. Aktuell läuft eine europäische Initiative zur Verbesserung der Datenerfassung, an der auch Salzburg und Innsbruck teilnehmen. Dabei wird etwa bei Beratungsstellen und Jugendzentren gezielt nach verdeckter Wohnungslosigkeit gefragt. „Dadurch erhält man deutlich belastbarere Zahlen", so Hammer.
Frauen sind besonders oft unsichtbar
Besonders betroffen von dieser versteckten Form sind Frauen. 6.629 Frauen – 31 Prozent aller registrierten Personen in Österreich – waren 2024 offiziell als wohnungslos gemeldet. „Aufgrund der Struktur der registrierten Wohnungslosen nehme ich an, dass Frauen die größte Gruppe jener sind, die versteckt obdachlos sind", sagt Hammer. Ein Grund dafür ist Scham.
„Frauen schämen sich oft dafür, wenn sie zum Beispiel nach dem Ausbruch aus einer gewalttätigen Beziehung ohne Wohnung dastehen. Sie wollen den Anschein von Normalität bewahren“, sagt Hammer. Viele Frauen wagen den Ausbruch erst gar nicht. Sie bleiben in der Beziehung, um nicht auf der Straße zu landen. Laut den Autonomen Frauenhäusern erlebt jede dritte Frau in Österreich körperliche und/oder sexualisierte Gewalt. „Eine Frau, die aus Angst vor Obdachlosigkeit in einer Gewaltbeziehung bleibt, hat kein sicheres Zuhause“, sagt Hammer. Es dauert oft Jahre, bis Frauen Hilfe in Anspruch nehmen. Bis dahin bleibt ihre Not unsichtbar.
Eine ehemalige Mitarbeiterin von neunerhaus, die selbst einmal wohnungslos war, formulierte es so: „Ihr alle geht sicher zehn bis 20 mal am Tag an einer obdachlosen Person vorbei und merkt es nicht, weil wir Frauen so darauf bedacht sind, uns nichts anmerken zu lassen."
Auch Ioanna habe man ihre Situation oft nicht angesehen. Von Mitarbeiter:innen der Suchthilfe, die normalerweise gezielt auf obdachlose Menschen zugehen, wurde sie nie angesprochen. „Anscheinend habe ich nach außen nicht so gewirkt, als ob ich Hilfe brauche.“ Dabei war ihr Alkohol- und Drogenkonsum irgendwann so exzessiv, dass sie regelmäßig epileptische Anfälle hatte.
Der Hund als Hindernis und Retter
Warum hat sie sich jahrelang keine Hilfe geholt? „Ich glaube, ich wollte ganz lange gar keine Hilfe“, sagt Ioanna. Notschlafstellen mied sie, weil sie viel Schlechtes gehört hatte – „dass sich die Leute dort schlafen legen und am nächsten Morgen ihre Schuhe weg sind.“ Außerdem durfte sie in die meisten Unterkünfte ihren Hund nicht mitnehmen. Da schlief sie lieber im Park. „Sweeney bellt viel und klingt oft bedrohlicher, als er wirklich ist“, sagt Ioanna. „Er ist meine Alarmanlage.“ Ohne ihn wäre sie als junge Frau sicher öfter in gefährliche Situationen gekommen, meint sie. „Da hatte ich oft mehr Glück als Verstand.“
In den kalten Monaten versuchte Ioanna, in Wohnungen von Freund:innen und Bekannten unterzukommen. In einem Winter, als es ihr besonders schlecht ging, schlief sie auf der Couch eines Bekannten. Sie trank viel, trauerte um ihre große Liebe. Aus einem Grund, an den sie sich heute nicht mehr erinnert, habe ihr Bekannter sie plötzlich vor die Tür gesetzt. „Es hatte gerade angefangen zu schneien und ich wusste nicht, wohin“, erinnert sie sich. Sie stürzte auf der vereisten Straße, landete im Krankenhaus. „Das hat mir gezeigt, dass man in so einer Situation keine Sicherheit hat, auch wenn dir gesagt wird, dass du dich wie zuhause fühlen kannst.“
Wenn Menschen zeitweise bei Bekannten unterkommen, um nicht auf der Straße zu schlafen, können wie bei Ioanna neue Abhängigkeiten entstehen. „Es ist eine Frage der Optionen", sagt Elisabeth Hammer. Das heißt: Hat jemand, der nach einer Trennung bei einer Freundin unterkommt, auch die Option, im Hotel zu schlafen – oder eben nicht?
Besonderes Problem bei jungen Menschen
Auch junge Erwachsene sind zunehmend betroffen. Mittlerweile sind knapp 20 Prozent aller Nutzer:innen der Wohnungslosenhilfe unter 30 Jahre alt. Der angespannte Wohnungsmarkt trifft sie besonders hart: Sie haben kein Geld für Kautionen, keine finanziellen Rücklagen, oft kein stabiles Einkommen. Vorgeschriebene Meldedauern für geförderte Wohnungen werden zum Problem, wenn junge Menschen wegen Konflikten zwischen verschiedenen Adressen wechseln mussten. „Dann haben sie eine Meldelücke und der Zugang scheitert", sagt Hammer. Die Zugangsvoraussetzungen zu geförderten Wohnungen sollte deshalb für diese Gruppe angepasst werden, fordert Hammer.
Um Menschen wie Ioanna zu erreichen, braucht es vor allem niederschwellige Angebote. Das neunerhaus Café im Fünften Bezirk etwa bietet einen Ort, an dem man ohne spezifisches Problem einfach auf einen Kaffee vorbeikommen kann. Auch die Tierarztpraxis von neunerhaus war für Ioanna wichtig – dort konnte sie Sweeney behandeln lassen, ohne Fragen beantworten zu müssen. Solche Angebote können der erste Schritt zu intensiverer Beratung sein. Doch für Hammer gilt: „Wohnungslosigkeit beendet man nicht durch Beratung, sondern durch eine eigene Wohnung."
Housing First als wichtiger Teil der Lösung
Housing First heißt daher die nachhaltigste Lösung: die direkte Vermittlung in eine eigene Wohnung mit eigenem Mietvertrag. Beim neunerhaus sind über 50 Prozent der so vermittelten Personen Frauen – deutlich mehr als ihr Anteil an den registrierten Wohnungslosen. „Dieser Unterschied zeigt, dass Housing First besser auf die Nöte von Frauen in verdeckter Wohnungslosigkeit antwortet als viele andere Hilfsangebote", sagt Hammer. Es biete einen sicheren Ort, an dem man die Tür zumachen und für sich sein kann. Dafür brauche es generell mehr leistbaren Wohnraum, sagt Hammer.
Auch die aktuellen Diskussionen darum, Sozialleistungen zu kürzen, sieht sie kritisch: „Das trifft Menschen, die bereits strukturell benachteiligt sind, etwa Frauen.“
Durchbrochener Teufelskreis
Für Ioanna war die eigene Wohnung der Wendepunkt. Nach einer Therapie bekam sie eine betreute Wohnung, später eine Gemeindewohnung. Heute lebt sie auf 25 Quadratmetern und ist glücklich darüber. „Bei mir hat sich sehr viel ins Positive verändert, nur dadurch, dass ich eine Wohnung hatte", sagt sie. „Das war der Grundstein für alles. Ich konnte wieder ins Leben zurückfinden.“ Der Teufelskreis – ohne Geld keine Wohnung, ohne Wohnung kein Job, ohne Job kein Geld – war durchbrochen.
Heute arbeitet sie bei der Heilsarmee. Sie ist die Brücke zwischen Sozialarbeit und Wohnungslosen, jemand, der die Situation versteht. Damit kann sie ihr Leben bestreiten, den Kühlschrank mit Essen füllen, die Miete bezahlen. Der eigene Wohnungsschlüssel ist noch immer wie ein Wunder für sie. Und dass es eine Tür gibt, die sie – und nur sie – damit aufsperren und zusperren kann.
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