Ein junger Schwarzer Mann mit Kappe, er hält einen roten Plastikbecher vors Gesicht.

Vincent ist trans. Er erzählt, was sich seit seinem Outing für ihn geändert hat. Das Foto ist ein Symbolbild.

Foto: Chris Benson für Unsplash

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Iris Poltsch
/ 22. Oktober 2021

transgender zu sein, bedeutet, dass die Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig mit dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht übereinstimmt. Viele transgender Personen, aber nicht alle, entscheiden sich dann für eine Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operationen. Vincent (Name geändert) erzählt für die Serie "Was ich wirklich denke" von seinem Weg.

 
Seit ich denken kann, habe ich mich nie weiblich gefühlt. Ich weiß noch, als meine ältere Schwester das erste Mal ihre Periode bekam, und sie gejammert hat, dass ihr Bauch zwickt. Als ich nachgefragt habe, was los ist, hat sie mir erzählt, was bei Mädchen und Burschen in der Pubertät passiert. Ich habe sie daraufhin gefragt: „Und wann wächst mir der Penis?“

Ich durfte immer ich sein

Meine Familie hat mich immer so sein lassen, wie ich bin. In der Schule habe ich mich aber unter Druck gesetzt gefühlt. Meine Freundinnen haben mich gefragt, ob ich mich nicht wie ein „Mädchen“ anziehen möchte. Zwei Tage lang habe ich es wirklich probiert. In den zwei Tagen habe ich mich so unwohl gefühlt, und wie in einer Verkleidung.

„In der Pubertät beginnst du dich für Körper zu interessieren, nicht nur für das andere Geschlecht, sondern auch für das eigene“, hat es geheißen. Ich wollte aber nicht wissen, was sich da bei meinem Körper tut.

Die Pubertät war eine schlimme Zeit für mich. Kaum jemand wusste, was in mir vorgeht. Ich war ständig frustriert, aggressiv und sehr verschlossen. Sobald jemand versucht hat, auf mich zuzugehen, habe ich zugemacht. Ich wollte immer wegziehen und in der Anonymität untergehen, um mein Leben so leben zu können, wie ich es wollte. Mich wirklich jemandem gegenüber geöffnet habe ich mich erst Jahre später, mit 22 Jahren. Meine große Schwester kam auf mich zu und wollte sich mit mir an eine Beratungsstelle für trans Menschen wenden. Meine erste Reaktion war Abwehrhaltung, weil sie so einen großen Schritt auf mich zugemacht hat. Sie hat mit allem recht behalten, heute bin ich ihr sehr dankbar. Danach ging es sehr schnell.

Transition ist nicht gleich Transition

Die Geschlechtsangleichung, auch Transition genannt, ist bei jeder Person unterschiedlich und individuell. Transition heißt nicht, dass man geschlechtsangleichende Operationen durchführen muss oder Hormone nehmen muss. Vielen reicht es auch schon, den Namen und den Personenstand zu ändern, anderen reicht es, nur die Mastektomie zu machen. Für mich war von Anfang an klar: All in.

Um eine Hormontherapie, also in meinem Fall mit Testosteron, beginnen zu können, habe ich drei Gutachten gebraucht.

Das Testosteron bewirkte bei mir vor allem eine äußerliche Veränderung. Als Erstes kam der Stimmbruch, dann Bartwuchs und insgesamt mehr Körperbehaarung, und die Fettverteilung verändert sich ins Männliche. Das bedeutet, ich habe mehr Fett am Bauch zugelegt und weniger an den Oberschenkeln und Hüften oder im Gesicht. So wirkt mein Gesicht mittlerweile markanter, maskuliner. Wie sehr der Bart wächst, hängt ganz von der Genetik ab. Wenn die Männer in der Familie starken Bartwuchs haben, ist die Chance darauf gleich um vieles höher. Außerdem erhöht sich die Libido. Ich denke so viel mehr an Sex als früher, es ist absurd.

Meine Persönlichkeit hat sich weiterentwickelt

Man sagt trans Männern oft nach, sie werden mit den Hormonen weniger einfühlsam. Aber so stimmt das gar nicht, ich wurde einfach lösungsorientierter, zerdenke Probleme weniger. Ich bin nicht kalt geworden, aber weine weniger leicht. Man könnte denken, dass das ist ein gesellschaftliches Problem sei, aber es ist für mich wirklich ein Phänomen des Testosterons. Statt dass ich mir den ganzen Tag darüber Gedanken mache, denke ich schon eher an den nächsten Schritt, an die Lösung des Problems. Und das ist vielleicht das, was auf andere uneinfühlsam wirken mag. Es kann auch sein, dass ich heute einfach mehr von mir selbst und meinen Entscheidungen überzeugt bin. Auch, weil ich den Schritt zur Transition gewagt habe. Davor habe ich Jahre damit verbracht, alle Möglichkeiten zu zerdenken.

Für mich war der nächste Schritt die Mastektomie, also die operative Entfernung der Brust. Auch dafür habe ich zwei Gutachten gebraucht. Der letzte Schritt wäre der Penisaufbau. Dabei wird aus eigenem Gewebe, Sehnen sowie Blutgefäßen ein Penis geformt. Das ist der operative Schritt, der mit am meisten Komplikationen und Risiken verbunden ist. 

Ich werde eher ernst genommen als Mann

Neben all den körperlichen Angleichungen verändert sich natürlich auch die eigene Wahrnehmung und die der anderen. Ich habe so lange damit gewartet, mich mit meinem neuen Namen vorzustellen, bis ich das Gefühl hatte, die Hormone haben ihre Arbeit getan. Nach ein paar Malen hat sich das auch ganz normal angefühlt. Das war schon schön, aber nicht so schön, wie im Supermarkt ganz selbstverständlich mit „Herr“ angeredet zu werden, oder beim Warten im Amt. In der Vergangenheit gab es manchmal, wenn ich mit „Frau“ aufgerufen wurde, fragende Blicke, und jetzt passt für diese Menschen das „Herr“ zur Stimme, zum äußeren Erscheinungsbild, sodass der Gesamteindruck passt und ich nichts erklären muss. Das hat auf jeden Fall zu einem großen Schub im Selbstbewusstsein beigetragen.

Als Mann durch die Welt zu gehen, lässt auch mich die Welt anders erleben. Ich wurde vor meiner Transition anders behandelt, weil ich als Frau gelesen wurde. Das sind teilweise Kleinigkeiten: Als Herr am Telefon werde ich ernster genommen. Natürlich hängt das auch davon ab wie fordernd oder unsicher ich klinge, aber grundsätzlich werde ich ernster genommen. Es werden mir auch teilweise Dinge eher zugeschrieben, zum Beispiel ein höheres Auffassungsvermögen.

Mein Umfeld hat mich unterstützt

Mein persönliches Umfeld war immer sehr offen. Das ist wichtig: transgender zu sein, hat nichts damit zu tun, zu wem man sich hingezogen fühlt. Ich war schon vor Beginn meiner Transition mit meiner Partnerin zusammen. In meiner Beziehung hat sich fast gar nichts verändert, außer dass unsere Kommunikation sich verbessert hat, weil jetzt ein größeres Verständnis für gewisse Themen da ist. Ich hatte da von Anfang an große Unterstützung, was echt nicht selbstverständlich ist. Weder in unserer Zeit, noch in Österreich.

Zwei der bisher schönsten Momente in meiner Transition haben mir meine Eltern beschert: Sie haben sich da gar nicht abgesprochen, aber beide haben mir separat voneinander Geschenke gemacht, die für mich von großem symbolischen Wert waren. Mein Vater hat mir zu meinem letzten Geburtstag eine Box zusammengestellt mit einem Aftershave, Herren-Parfum und einer Creme für Männer. Und meine Mama hat mir einen Rasierpinsel geschenkt. Ich weiß gar nicht, ob die zwei wissen, was sie mir damit vermittelt haben, aber das war für mich ein Zeichen tiefster Akzeptanz.

Heute empfinde ich den Begriff trans Mann für mich nicht als passend. transgender sein ist nur ein Teil von mir, es ist nicht das, was als Mensch mich ausmacht. Es ist vor allem jetzt ein sehr großer Teil meines Lebens, und es wird auch immer ein Teil auf dem Weg zu mir selbst sein, und bleiben aber nicht der einzige. Ich bin ich, ein Mann, ein Mensch.

Anderen trans Personen kann ich nur raten sich an Anlaufstellen wie trans Team Austria oder Courage, im 6. Wiener Gemeindebezirk zu wenden, da vor allem zu Beginn unzählige Fragen im Kopf herumschwirren. Lasst euch nicht entmutigen, denn manchmal heißt es auf diesem Weg einfach: Zähne zusammenbeißen! Und vielleicht, auch wenn ich diesen Rat nie befolgt hätte, alles in einem Tempo zu machen, das für einen selbst passt, auch wenn sich jeder Tag warten wie eine Ewigkeit anfühlen kann. Das wichtigste ist, sich ein Support-System aufzubauen, auf das man zurückkommen kann: Menschen, auf die man sich verlassen kann.

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