Viele bunte Pillen

Fast 60 Prozent der ÖsterreicherInnen nehmen laut einer Umfrage Nahrungsergänzungsmittel. Wer sich ausgewogen ernährt, braucht aber keine zusätzlichen Vitamine und Co. Vorsicht daher, wenn Ärzte und Ärztinnen teure Produkte empfehlen.

 

Pexels/freestocks.org

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/ 13. April 2021

Biogena, OrthoTherapia, Promedico und Co: In Apotheken oder sogar eigenen Shops finden sich  zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel. Das Geschäft damit boomt. Dabei sollten Mikronährstoffe und Vitamine nur dann eingenommen werden, wenn tatsächlich ein Mangel nachgewiesen wird. Eine Überdosierung kann nämlich durchaus schaden. Doch sogar ÄrztInnen empfehlen ohne ersichtlichen Grund solche Präparate - und dürften daran nicht schlecht verdienen. 

 

Frühjahr 2019. Im Zuge einer Vorsorgeuntersuchung besuche ich ein privates Institut. Während dem ärztlichen Gespräch fragt mich die Ärztin, ob ich schlecht schlafe, sehr viel Stress habe - sie kenne viele JournalistInnen und wüsste über die Belastungen in dieser Branche Bescheid. Nein, ich schlafe gut, aber ich fühle mich tatsächlich manchmal am Abend ausgelaugt, antworte ich. “Da habe ich genau das richtige für Sie! Ich schreibe Ihnen hier Vitamine von Biogena auf, die helfen dem Gehirn dabei, richtig zu funktionieren. Sie werden sehen, Sie haben dann gleich viel mehr Energie! Biogena ist ein tolles österreichisches Produkt und ist in der Qualität sehr gut”, rattert die Ärztin eine Art Werbeslogan herunter. Neben ihrem Rezeptblock liegen gelbe Zettel mit Biogena-Logo, sie druckt mir ihre Empfehlungen darauf aus. 

Teure Nahrungsergänzungsmittel: Der Schock kam beim Zahlen

Das Gespräch kam mir zwar etwas eigenartig vor, doch ich ahne noch nichts Böses. Vitamine in den Drogeriemärkten kosten meines Wissens nach ein paar Euro. Wie teuer können denn diese Präparate schon sein? Und schließlich sollen sie mir ja helfen. In meiner Apotheke gibt es Biogena jedoch nicht. Ich google und finde einen Shop im ersten Bezirk, in bester Lage fast direkt am Graben. Das Geschäft ist aufwendig und schön gestaltet und wirkt wie ein Wellness-Tempel. Ich gebe der Verkäuferin meinen gelben Zettel. Als es ans Zahlen geht, entgleiten mir die Gesichtszüge: Fast 100 Euro muss ich für zwei Packungen Vitamine bezahlen.  

Außerdem steht auf einer Packung, die Kapseln würden ein “besseres Durchschlafen” unterstützen. Dabei habe ich der Ärztin doch ausführlich geschildert, dass ich keinerlei Schlafprobleme habe. Ich bin ziemlich verärgert. Ich nehme die Kapseln trotzdem brav laut Empfehlung - schließlich haben sie ja auch eine Stange Geld gekostet. Mein Fazit, nachdem alle aufgebraucht sind: Ich fühle mich wie vorher. Keine zusätzliche Energie. Außer Spesen nichts gewesen.

Dürfen ÄrztInnen Nahrungsergänzungsmittel empfehlen?

März 2021. Im Zuge einer erneuten Vorsorgeuntersuchung besuche ich einen Kardiologen, diesmal einen Kassenarzt. Kaum betrete ich die Ordination, fallen mir sofort die Biogena-Packungen auf, die überall herumstehen. Meine Werte sind allesamt gut und laut Arzt wohl “die besten, die er an diesem Tag sehen” würde -  trotzdem empfiehlt er mir Magnesium: “In so belastenden Zeiten hat der Körper einfach einen höheren Bedarf an Magensium. Wir haben hier die Produkte von Biogena sehr gerne, die Qualität ist sehr gut und es gibt hier sogar ein Produkt mit vier verschiedenen Magensium-Verbindungen!” Diesmal weiß ich es besser. Ich lehne dankend ab. 

Nun bin ich allerdings mehr als stutzig: Eine kleine Umfrage in meinem Freundes- und Bekanntenkreis ergibt, dass einige davon ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Aber warum empfehlen ÄrztInnen diese Marke, die vor allem durch ihren hohen Preis heraussticht? Profitieren sie davon?

ÄrztInnen dürfen Nahrungsergänzungsmittel und Marken empfehlen - aber nicht profitieren

Vitamine und Mikronährstoffe sind Nahrungsergänzungsmittel und zählen zu Lebensmitteln. Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres erklärt, dass hier trotzdem dieselben Regeln gelten wie bei Arzneimitteln: “ÄrztInnen dürfen Produkte empfehlen, auch von bestimmten Marken. Sie dürfen nur nicht dabei profitieren. Da würde es Abmahnungen und empfindliche Strafen geben.” PatientInnen können sich direkt bei den Ärztekammern beschweren, dann wird ein unabhängiges Disziplinarverfahren eingeleitet, dass die Vorwürfe überprüft. Eine aktive Überprüfung seitens der Ärztekammer gibt es jedoch nicht. Erst in einem konkreten Verdachtsfall, etwa bei einer Anzeige, würden die Kontrollorgane tätig werden. 

Am Schreibtisch des Ärztekammerpräsidenten Szekeres ist in den vergangenen Jahren kein einziger Fall von unerlaubtem Profit eines Arztes oder einer Ärztin durch Nahrungsergänzungsmitteln gelandet. Empfehlen all die ÄrztInnen Produkte wie Biogena also aus reiner Überzeugung?

Konsument: Ärztinnen verdienen bei Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat zuletzt im Jahr 2012 in Erfahrung gebracht, was Herstellerfirmen ÄrztInnen anbieten, die ihre Produkte vertreiben. Neben Biogena wurde auch bei OrthoTherapia und Promedico nachgefragt. Ergebnis: Die ÄrztInnen, die diese Produkte direkt verkauften, konnten einen gewissen Betrag als Provision einbehalten. Im Falle von Biogena 30 Prozent. Wenn PatientInnen selbst bei Biogena bestellten, wurde hingegen nachgefragt, wer der Verordner sei - und die ÄrztInnen bekamen dann 15 Prozent des Produktpreises als Provision. Die übrigen Herstellerfirmen gingen ähnlich vor. Bei OrthoTherapia wurde zusätzlich erklärt, dass die Provision an ÄrztInnen monatlich aus “steuerlichen Gründen” als “Studienbeitrag” überwiesen würde. 

Was bieten Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln ÄrztInnen?

MOMENT hat alle drei Firmen mit dem Ergebnis des VKI konfrontiert und nachgefragt, ob heute noch genauso vorgegangen wird. Das Ergebnis:

  • OrthoTherapia antwortete, dass gewerbetreibende ÄrztInnen einen gewissen Betrag zwischen Selbstkostenpreis und Verkaufspreis einbehalten dürften. Medizinische Dienstleister, die ergänzend zu Therapien ihre Nahrungsergänzungsmittel einsetzen würden, bekämen den Aufwand honoriert. Der VKI hätte jedoch Beziehungen zwischen Studien und steuerlichen Gründen hergestellt, zwischen denen kein Zusammenhang bestünde.
  • Promedico erklärte, dass ihr Fokus auf der Zusammenarbeit mit Apotheken liegen würde. ÄrztInnen seien dennoch wichtige Partner und würden die Produkte “gerne aufgrund der hohen Qualität” empfehlen. Zudem können sie für den Eigenbedarf zu vergünstigten Konditionen einkaufen. Kostenlose Produktmuster würden den PatientInnen zur Verfügung gestellt werden - dies sei in der Branche üblich.
  • Biogena hat trotz mehrmaliger Nachfrage bis Redaktionsschluss nicht auf unsere Anfrage reagiert.

 

Sind teure Produkte wirklich besser?

Auch die Arbeiterkammer hat das boomende Geschäft mit Nahrungsergänzungsmittel am Radar. Hohe Preise sind jedenfalls kein Qualitätshinweis. Konsumentenschutz-Expertin Petra Lehner erklärt: “Die Inhaltsstoffe der Nahrungsergänzungsmittel, in der Regel Vitamine, Mineralien oder Aminosäuren, sind eigentlich alle ziemlich gleichpreisig. In der Regel sogar für die, die in Medikamenten zum Einsatz kommen, wobei da im Labor strengere Regeln gelten und auch die Zulassung von Medikamenten etwas kostet. Dafür kann der Hersteller dann dafür offensiver werben. Bei Nahrungsergänzungsmitteln ist krankheitsbezogene Werbung verboten und gesundheitsbezogene Aussagen müssen zugelassen werden." Der Hinweis, dass das Produkt keine gesunde Ernährung ersetzt, ist Pflicht.

„Aber es passiert vieles im gesetzlichen Graubereich“, bedauert die Expertin, „denn letztlich ist es die Werbung oder das Image, das man da zahlt.” Und noch ein Thema sieht Lehner bei Biogena. Der Name suggeriert, dass es sich um Bioprodukte handelt. Verstärkt wird das auch noch durch das EU-Bio-Logo auf der Homepage. „Das gilt für die Öle, nicht aber für die Tabletten. Und das sieht man nur in der detaillierten Produktinformation“, sagt Lehner.

Was die Provisionen für ÄrztInnen betrifft, so würden die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln wie Pharmakonzerne vorgehen und juristisch Grauzonen abwägen. Geschäfte mit Nahrungsergänzungsmitteln sind jedenfalls in Österreich – im Unterschied zu Deutschland – den ÄrztInnen nicht verboten. Es muss aber ein Gewerbeschein vorhanden sein und steuerrechtlich hat das auch Auswirkungen. “Ich habe etwa einmal gehört, dass OrdinationsgehilfInnen einen Gewerbeschein haben. Das ist steuerschonend für ÄrztInnen und rechtlich sowohl vom Ärztegesetz als auch von den Verhaltensregeln der Ärztekammer nicht umfasst”, so Lehner.

 

Wer braucht Nahrungsergänzungsmittel?

Jeden Herbst zur “Erkältungszeit” und nun während der Pandemie sind oft Empfehlungen zu vernehmen, laut denen das Immunsystem mit Vitamin C, Zink oder anderen Vitaminen unterstützt werden sollte. Für die gesunde Durchschnittsbevölkerung ist der Verzehr von Nahrungsergänzungsmitteln nicht notwendig, wie Ernährungswissenschaftlerin Ingrid Kiefer von der österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit erklärt: “Wer sich ausgewogen ernährt, braucht keine Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine oder ähnliches.” Aufpassen sollten nur einige Gruppen, dazu gehören: Schwangere, HochleistungssportlerInnen, Frauen mit Kinderwunsch und VeganerInnen oder Personen mit einseitigen Ernährungsempfehlungen.

 

Eine lange und hochdosierte Überversorgung mit Vitamin C kann etwa zu Verdauungsproblemen und Nierensteinen führen. Und dieses Vitamin ist ausgerechnet jenes, das am häufigsten als Nahrungsergänzungsmittel eingeworfen wird.

Im Winter haben viele Menschen einen Mangel an Vitamin D, da oftmals das Sonnenlicht fehlt, das über die Haut aufgenommen wird und zur körpereigenen Produktion benötigt wird. Aber selbst hier empfehlt die Österreichische Gesellschaft für Ernährung, in der kalten Jahreszeit nicht einfach zu Nahrungsergänzungsmitteln zu greifen. Ob ein Mangel besteht, sollte vorher mittels Bluttest erhoben werden.

Die AGES warnt übrigens, dass viele der käuflichen Präparate mangelhaft seien. Von 450 Produkten, von denen in den letzten Jahren Proben gezogen wurden, musste rund ein Drittel beanstandet werden. 

 

Der große Profit mit den Nahrungsergänzungsmitteln

Schon vor der Covid-19-Pandemie nahmen rund 40% aller Österreicher und Österreicherinnen Nahrungsergänzungsmittel ein. Bei einer Umfrage zu Beginn der Pandemie im Frühjahr waren es bereits 57%. Im ersten Halbjahr 2020 wurden 5,5 Millionen Packungen im Bereich der Nahrungsergänzung verkauft. Das Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln boomt also. Biogena etwa hat diesen Februar sogar ein Flagship-Store Mitten auf der Mariahilfer Straße in Wien eröffnet.

Natürlich gibt es Mangelerscheinungen, auf die man auch reagieren muss. Wer sich ständig schlapp, krank und müde fühlt, sollte unbedingt den oder die behandelnde Ärztin aufsuchen. Er oder sie fordert dann für gewöhnlich ein Blutbild an, an dem sich ein Mangel einfach nachweisen lässt. Spätestens wenn als Gegenmittel Nahrungsergänzungsmittel von konkreten, teuren Marken empfohlen werden, sollte man zumindest die Gründe erfragen, die für genau dieses Produkt sprechen. 

 

Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln in Arztpraxen: Mehr unabhängige Kontrollen

Unabhängige Tests, wie sie der VKI durchführt, werden von der Ärztekammer scharf kritisiert, da sie “einen Vertrauensbruch in der Beziehung zwischen ÄrztInnen und PatientInnen” bedeuten würden.

Die Ärztekammer kontrolliert zwar die Qualität der Praxen ganz allgemein über ein Tochterunternehmen. Dabei achtet sie aber in der Regel nicht konkret auf derartige Empfehlungen, sondern eher auf die Ausstattung der Ordinationen, Hygienestandards und ähnliches. Und der Berufsstand kontrolliert sich damit selbst - stets ein schwieriges Unterfangen.

Damit PatientInnen wie mir keine Zweifel an den Empfehlungen von Ärztinnen und Ärzten kommen, bräuchte es wohl sogar mehr unabhängige Kontrollen.

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