Demokratie

Was ist das Fediverse?

Die Welt der Social-Media-Angebote von Konzernen ist politisch hoch problematisch. Benutzer:innen sind das verkaufte Produkt. Das Fediverse verspricht eine Alternative. Was ist das Fediverse? Was sind seine Vor- und Nachteile? Und welche Angebote gibt es?

"Fediverse" ist ein Kunstwort und bedeutet so viel wie "zusammengeschlossenes Universum". Es bezeichnet unterschiedliche Dienste und soziale Netzwerke, die aber trotzdem miteinander reden können (welche es gibt, dazu weiter unten mehr). Stell dir das so vor, als könntest du mit deinem Instagram-Account auch Leuten auf Tiktok oder Bluesky oder Youtube folgen - und umgekehrt. 

Die Computer ("Server"), auf denen all diese Angebote ("Instanzen") laufen, kann außerdem theoretisch jede:r betreiben. Die Software dafür ist "Open Source". Wer sich damit auskennt, kann also nachsehen, wie alles funktioniert und den Dienst auf dem eigenen Server verändern und weiterentwickeln. Das alles macht diese Angebote von einzelnen Unternehmen unabhängig.  (Wenn du mehr über das Fediverse wissen willst, hat Leonhard Dobusch, der wissenschaftliche Leiter des Momentum Instituts, das im Podcast "Erklär mir die Welt" kürzlich erklärt.)


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Die wichtigsten technischen Begriffe rund um das Fediverse musst du als normale Nutzer:in wirklich nicht kennen, aber falls du sie einmal gehört haben oder dazu etwas nachlesen willst: "Dezentralisierung", "Föderierung", "Interoperabilität", "Datensouveränität", "Open Source" bzw. "Freie Software" und die technische Basis ist das "ActivityPub"-Protokoll.

Welche Dienste gibt es im Fediverse?

Im Fediverse gibt es praktisch zu jedem Kommerz-Netzwerk eine Alternative. Manche sind populärer und bestehen schon länger, andere sind neu und noch klein. Wir erklären dir hier die wichtigsten Dienste und was du dir ungefähr darunter vorstellen kannst. Durch die offene Gestaltung der Software sind die Grenzen bei allen aber viel weniger streng, als bei den kommerziellen Alternativen, die du vermutlich kennst. Du brauchst nicht bei jedem Dienst unbedingt ein Konto.

  • Mastodon: Das ist der wahrscheinlich einfachste Einstieg in das Fediverse. Was ist Mastodon? Mastodon ist ein Microblogging-Tool nach dem Vorbild des früheren Twitter. Hier werden vor allem kurze Text-Updates gepostet und mit Links und allen möglichen Medienformen kombiniert. Es ist auch der größte Dienst mit den meisten Server-Anbietern - und der, der am besten dazu geeignet ist, um die meisten Inhalte anderer Plattformen einfach nur passiv zu konsumieren. Es gibt auch andere Twitter-ähnliche Dienste im Fediverse (Misskey, Pleroma).
  • Pixelfed: Das ist das Instagram des Fediverse. Hier kannst du Fotos, Videos und kurzlebige Storys mit anderen teilen.
  • Loops: Das ist das Tiktok des Fediverse. Es ist der jüngste Dienst und bietet vor allem Videos in unter drei Minuten an.
  • Peertube: Das ist das Youtube des Fediverse.
  • Friendica: Das ist das Facebook des Fediverse.
  • Lemmy: Das ist ein Foren-Dienst - das Reddit des Fediverse.
  • WordPress & Ghost: WordPress ist die vielleicht wichtigste Webseiten-Software der Welt. Man vermutet, das rund die Hälfte aller Webseiten damit betrieben wird - und jede davon kann theoretisch mittlerweile auch einfach an das Fediverse angeschlossen und dort abonniert und kommentiert werden. Das gilt auch für die WordPress-Alternative Ghost.

Manchmal wird auch der Microblogging-Dienst "Bluesky" dem Fediverse zugerechnet, weil es technisch ähnlichen Prinzipien folgt. Es nutzt aber eine andere Technologie ("AT-Protokoll"). Mit den obenstehenden Diensten ist es deshalb zwar theoretisch schon kompatibel, aber zumindest bisher ist das technisch nicht umgesetzt. Bluesky wird zudem anders als die meisten der anderen Fediverse-Dienste von einem grundsätzlich gewinnorientierten Unternehmen aus den USA  entwickelt, das sich mit viel Geld aus US-amerikanischem Venture Capital finanziert. Es gibt aber Initiativen wie das niederländische "Eurosky", die es strukturell nach Europa zu holen versuchen.

Auch "Threads" von Meta (Facebook, Instagram) ist theoretisch mit dem Protokoll des Fediverse kompatibel. Aufgrund des fragwürdigen Betreibers und wegen der eingeschränkten Funktionen wird es dem Fediverse aber in der Regel nicht zugeschrieben. In Europa funktioniert die Anbindung auch noch überhaupt nicht.

Wie finde ich euch im Fediverse?

Wir sind auf Mastodon mit eigenen Accounts für unser Magazin und Institut (und einige einzelne Mitarbeiter:innen). Und wir betreiben eine eigene Instanz, auf der du auch ein Konto anlegen und damit an Mastodon teilnehmen kannst. Außerdem betreiben wir einen eigenen Peertube-Server, auf dem du all unsere Video-Inhalte findest und unsere Kanäle (MOMENT.at, Barbara Blaha und Momentum Institut) abonnieren kannst.

Wie beginne ich am einfachsten im Fediverse?

Je nachdem, welchen Dienst du besonders interessant findest und was du selbst am liebsten posten würdest, kannst du einfach dort starten. Mit einem Mastodon-Konto kannst du aber sehr gut allen anderen Diensten folgen. Unser Tipp wäre, dir dort ein Konto einzurichten. Zum Beispiel am offiziellen Server der Entwickler:innen - oder auf unserer MOMENT.at-Instanz. Mach dir über diese Auswahl nicht zu viele Gedanken. Du kannst später problemlos mit deinem Konto umziehen, falls du auf eine spannendere Gemeisnchaft stößt.

Was ist der Vorteil des Fediverse?

Das Fediverse hat viele Vorteile - neben den strukturellen und politischen, auf die wir gleich noch eingehen, hat es auch auch ganz praktische Vorteile.

Ein Beispiel: Wenn dir irgendetwas nicht gefällt, was der Betreiber eines Servers (einer "Instanz") im Fediverse tut, kannst du diesen  jederzeit verlassen und einem anderen Server beitreten (oder selbst einen starten). In den klassischen Sozialen Medien würde das bedeuten: du verlierst all deine Freund:innen und Kontakte. Im Fediverse hältst du den Kontakt und behältst deine Reichweite - auch wenn alle anderen nicht den Server wechseln. So musst du nicht immer von vorne beginnen.

Das schützt dich in diesen Netzwerke auch vor einigen der schlimmsten Auswüchse, die profitorientierte "Social Media"-Plattformen haben, weil sie es sich erlauben können. 

Ein anderer, großer Vorteil: Du musst nicht in jedem Netzwerk einen eigenen Account haben, wenn du eigentlich nur mitlesen/schauen oder kommentieren willst. Du kannst mit einem einzigen Konto ganz unterschiedlichen Diensten folgen.

Was sind Nachteile des Fediverse?

Die Entwicklerteams im Fediverse sind kleiner und es ist viel weniger Geld im Spiel. Natürlich hat das nicht nur positive Auswirkungen. Auch weil die Entwickler:innen nicht immer gleich die Ressourcen haben, um neue Technik auch gleich besonders einsteigerfreundlich zu gestalten. Mit mehr Möglichkeiten und Freiheiten kommt auch etwas mehr Komplexität. Die Hürden sind meist harmloser, als sie im ersten Augenblick aussehen. Aber manche können für Einsteiger:innen zu Beginn abschreckend wirken. 

Man muss sich deshalb an das Fediverse auch ein bisschen gewöhnen. Seit Jahrzehnten werden wir von großen Konzernen darauf trainiert werden, wie ein "soziale Netzwerk" aussehen muss - auch wenn das mit etwas Distanz betrachtet völlig absurd ist und es besser wäre, es anders zu gestalten. Ein Beispiel: Warum muss ich eigentlich bei Instagram ständig Inhalte sehen, die ich überhaupt nie abonniert habe? Wieso kann ich das nicht ausschalten?

Oder: Warum muss ich einen Tiktok-Account haben, um dort Videos zu kommentieren - auch wenn ich selbst gar keine Videos mache? Warum kann ich den Facebook-Posts von Freund:innen nicht auch auf Mastodon oder Bluesky verfolgen? Technisch ist diese Abgrenzung überhaupt nicht notwendig. Die Konzerne dahinter wollen das aber so, um Geld zu machen und Kontrolle zu behalten. Im Fediverse ist das anders. 

Natürlich haben diese Dienste auch nicht das Marketing-Budget von Facebook & Co. Solange weniger Menschen und Organisationen das Fediverse nutzen, findest du dort natürlich auch weniger Inhalte. In den vergangenen Jahren ist es zwar (besonders in Europa) stark gewachsen, es ist aber schon noch ein weiter Weg um die Größe anderer Plattformen zu erreichen.

Wir würden dir empfehlen, dich einfach zu trauen, das Fediverse auszuprobieren und ihm eine Chance zu geben. Du hast nichts zu verlieren - aber wir alle haben viel zu gewinnen.

Wie viele Menschen verwenden das Fediverse?

Das Fediverse ist bewusst schwieriger zu kontrollieren und steuern, als kommerzielle Netzwerke. Dadurch ist es aber auch nicht so leicht zu messen. Viele Server klinken sich aus den Messungen aus. Schätzungen varieren von 14 bis 36 Millionen Accounts über alle Dienste, von denen derzeit vermutlich bis zu 5 Millionen aktiv betrieben werden. Von den Marketing-Zahlen großer Netzwerke ist das natürlich weit entfernt - obwohl man auch die nicht immer glauben sollte.

Seit der Anbindung von WordPress und Threads an das Fediverse ist diese Schätzung noch einmal schwieriger geworden und reicht nun manchmal auch bis zu 200 Millionen Nutzer:innen.

Wieso haltet ihr diese Plattformen für so wichtig?

Die bekanntesten Social-Media-Plattformen werden für viele negative Trends in unserer Gesellschaft verantwortlich gemacht. Ein paar Beispiele? Sie fördern Suchtverhalten, verursachen soziale Ängste, Depressionen und andere psychische Probleme. Sie drängen uns Werbung und Produkte auf, verkaufen und missbrauchen unsere Daten, steuern über Algorithmen, welche Inhalte sich verbeiten dürfen und welche nicht, und tragen auch zu einer politischen Radikalisierung unserer Gesellschaft bei. 

Unter dem Strich hat das einfach gesagt alles einen gemeinsamen Grund: Die "Sozialen Medien", die heute hauptsächlich genutzt werden, sind zuallererst keine nützlichen Werkzeuge. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, Geld für profitorientierte Konzerne und deren Eigentümer:innen und Aktionär:innen zu machen. Und du bist als Nutzer:in das Produkt, aus dem sich Geld machen lässt. Dazu musst du möglichst viel Zeit dort verbringen. (Diese Plattformen werden auch als Machtinstrument von Überreichen für deren politische und wirtschaftliche Interessen eingesetzt.)

Das Fediverse ist anders. Dahinter stecken oft gemeinnützige Vereine, freie Entwickler:innen und ehrenamtliche Betreiber:innen. Diese Projekte sind in der Regel aus Europa, haben einen offenen Quellcode und sind spendenfinanziert. Ihr Ziel ist es, uns möglichst gute Werkzeuge zur Kommunikation mit spannenden und lieben Menschen zur Verfügung zu stellen - nicht möglichst viel Verweildauer und Profit aus uns heraus zu holen. 

Und all das ist kein bloßes Versprechen. Es wird stark dadurch begünstigt bis erzwungen, wie diese Software grundlegend funktioniert. Für Betreiber:innen sind die Möglichkeiten stark begrenzt, dich mit Werbung, Algoritmen oder anderen Entscheidungen zu nerven. Sogar dann, wenn sie eines Tages ihren Idealismus verlieren. Denn du kannst jederzeit den Server oder sogar den Dienst wechseln. Das Fediverse verunmöglicht oder erschwert also jene Bedingungen, die der Autor Cory Doctorow für die "Enshittification" (ungefähr: "Verschlimmscheißerung") des Internets verantwortlich macht.

Das Fediverse ist nicht perfekt, aber es kann ein Weg in ein deutlich freieres, freundlicheres und demokratischeres Internet sein.


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