Eine Person sitzt am Rand eines Gebäudes, man sieht sie nur schräg von hinten, sie scheint in die Ferne zu sehen. In dem Artikel geht es ums Leben mit HIV in Österreich.

Wie ist das Leben mit HIV in Österreich?

Foto: Hannah Busing für Unsplash

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/ 3. August 2021

Die Diagnose HIV ist immer noch ein Schock, darüber zu sprechen Tabu. Dabei ist das Leben dank wirksamer Therapien in Österreich fast normal.


Im Jahr 2013 ist der Dezember ungewöhnlich warm. Es sind nur noch wenige Tage bis Weihnachten, die Stadt ist lichtergeschmückt. Auf Schnee wartet man vergeblich. Memo Mokhles ist 34 Jahre alt und sitzt auf der Couch in seiner Wohngemeinschaft. Sein Hals fühlt sich trocken an. “Wasser”, denkt er und macht Anstalten aufzustehen. Ihm wird schwindelig, dann schwarz vor den Augen, dann liegt er auf dem Boden. “Ich bin ohnmächtig geworden”, erzählt er.

Ein paar Tage lang überlegt Memo, was die Ursache seines Ohnmachtsanfalls sein könnte. Er versucht eins und eins zusammenzuzählen, die eine oder andere Ursache auszuschließen und entscheidet sich schließlich, sich auf HIV testen zu lassen. Die Aids Hilfe Wien hat eine gratis Testaktion. Memo geht hin. Sein Ergebnis ist positiv.

Rund 38 Mio. Menschen hatten laut Studien von UNAIDS im Jahr 2018 weltweit HIV oder AIDS. 9.000 HIV-infizierte Personen gibt es laut der Österreichischen AIDS Gesellschaft in Österreich. Wer die Krankheit rechtzeitig erkennt, kann dank moderner Therapien heute ein ganz gewöhnliches Leben führen. Doch weil über HIV kaum gesprochen wird, halten sich Vorurteile hartnäckig. Betroffene werden oft diskriminiert.

Was ist HIV?

HIV ist ein Virus, das vor allem über ungeschützten Geschlechtsverkehr oder durch die gemeinsame Verwendung von Spritzen etwa beim Drogenkonsum weitergegeben wird. HIV („Human Immunodeficiency Virus“ oder "Humanes Immunschwäche-Virus") schwächt das Abwehrsystem des Körpers. Wenn die Infektion weit fortgeschritten ist und das Immunsystem schon sehr schwach ist, wird die erkrankte Person anfälliger für weitere Krankheiten, wie Gehirn- oder Lungenentzündungen. Dann spricht man von AIDS („Acquired Immune Deficiency Syndrome“ oder "Erworbenes Immunschwäche-Syndrom“).

Erste Merkmale einer HIV-Infektion können Kopfschmerzen, Fieber, Ausschläge oder Durchfall sein, sagt Alexander Zoufaly. Er leitet in der Klinik Favoriten unter anderem die HIV-Ambulanz, ist niedergelassener Arzt und Präsident der Österreichischen AIDS Gesellschaft. “Das verläuft dann ähnlich wie eine Sommergrippe. Die Symptome klingen nach wenigen Tagen oder Wochen auch wieder ab.” Eine Weile spürt man die Infektion dann überhaupt nicht, bevor das Virus beginnt, das Immunsystem abzubauen.

Alexander Zoufaly ist auf dem Foto zu sehen, er lächelt in die Kamera und trägt ein blaues T-Shirt.

Alexander Zoufaly leitet eine HIV-Klinik

Foto: Alexander Zoufaly

Schock nach der Diagnose

“Ich war schockiert”, erinnert sich Memo Mokhles an den Moment, in dem er von seiner Infektion erfahren hat, zurück. Memo heißt eigentlich Mohamed. Vor zehn Jahren ist er von Kairo nach Wien gezogen. Hier arbeitet er im Personalmanagement. Als er vor acht Jahren von seiner Erkrankung erfährt, rasen ihm unzählige Gedanken durch den Kopf. Er überlegt, wie er seinem Umfeld davon erzählen wird, wie die Leute auf die Information reagieren werden und wie das Dating für ihn in Zukunft sein wird. Memo bekommt Angst, verlassen zu werden. Er ruft seine engste Freundin an, kauft eine Flasche Wein und macht sich auf den Weg zu ihr. Die nächsten Tage ist er angespannt. Bevor weitere Schritte folgen, soll Memo noch einen Test machen, um ein falsches Ergebnis auszuschließen. Bis zum Ergebnis dauert es eine Woche. Memo hofft, dass das erste Ergebnis falsch war. Doch eigentlich weiß er schon, dass es nicht so ist.

Wie leben Menschen mit HIV?

“Ich wusste schon damals, dass man mit HIV gut leben kann”, erzählt Memo. “Trotzdem ist es nicht leicht, so etwas zu erfahren.” Memo ist traurig. Er beschließt, eine Therapie zu machen.

“Die HIV-Infektion ist heute eine gut behandelbare Erkrankung, weil es Medikamente gibt, von denen die meisten Menschen überhaupt keine Nebenwirkungen haben”, sagt Alexander Zoufaly. In den allermeisten Fällen müssen Patient:innen nur eine Tablette am Tag schlucken.

Wie behandelt man HIV?

So sieht auch Memo Mokhles’ Therapie aus. Neben der täglichen Tablette lässt er alle paar Monate sein Blut testen, um zu sehen, ob das Virus nach wie vor unter der Nachweisgrenze ist. Solange es unter dieser Grenze ist, bringt das Virus keinen Schaden und Memo kann keine anderen Menschen anstecken. Abgesehen davon hat sich in seinem Alltag nicht viel verändert. “Es passiert nicht besonders viel”, fasst Memo zusammen. “Eigentlich ist alles ziemlich fad”, lacht er.

“Die Tablette führt dazu, dass das Virus nachhaltig in seiner Vermehrung gehemmt wird und alle Folgen der HIV-Infektion angehalten werden”, sagt Zoufaly. Je früher Patient:innen mit der Behandlung anfangen, desto eher kann die Beschädigung des Immunsystems gestoppt werden. HIV-Infizierte sind dann nicht mehr ansteckend. Sie können Sex haben, wie jede:r andere und auch gesunde Kinder bekommen, erklärt Zoufaly. “Heutzutage kann man ein ganz normales, wunderbares Leben haben, wenn man HIV-positiv und in wirksamer Therapie ist”, sagt auch Andrea Brunner, die Geschäftsführerin der Aids Hilfe Wien.

Andrea Brunner lacht und sieht direkt in die Kamera. Sie trägt eine Brille und eine Jeans-Jacke.

Andrea Brunner ist Geschäftsführerin der Aids Hilfe Wien.

Foto: Aids Hilfe Wien/Gabrielli

HIV kennt kein Geschlecht oder sexuelle Orientierung

Trotzdem halten sich falsche Vorurteile über HIV hartnäckig. “Das stammt wahrscheinlich noch aus Anfängen von HIV”, sagt Andrea Brunner. Heuer ist es genau 40 Jahre her, dass der erste wissenschaftliche Artikel über die Erkrankung erschienen ist. Damals dachte man, die Infektion könne ausschließlich schwule Männer betreffen. Dabei kann jede Person betroffen sein, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung. 

“HIV wurde damals als ‘das Andere’ definiert und wird bis heute als etwas ‘Verruchtes’ gesehen”, sagt Brunner. Folglich besteht nicht nur seitens der Gesellschaft ein negatives Bild von HIV. “Auch erkrankte Personen schämen sich leider oft und erzählen nur ungern von ihrer Infektion.”

Nicht so Memo Mokhles. “Nachdem ich eine Weile traurig war, habe ich beschlossen, dass ich mich nicht verstecken möchte”, erzählt er. In seinem Freundeskreis gab es keine negativen Reaktionen auf seine Erkrankung. “Manchmal gibt es Fragen, die nicht passend sind”, erzählt Memo. Dazu gehört etwa die Frage, wo und wie die Ansteckung passiert ist, denn die ist zu intim. “Eine bessere Frage ist: Wie gehts dir damit?”, sagt Memo.

Diskriminierung im Alltag

Ablehnung hat Memo vor allem in der Datingwelt erfahren. Manchmal wollen Menschen lieber nichts mit ihm zu tun haben, denn viele fürchten sich immer noch vor einer Ansteckung. Auch sein Zahnarzt hat einmal eine Behandlung verschoben, damit Memo nicht in Kontakt mit anderen Patient:innen kommt. Das ist medizinisch ungerechtfertigt und schmerzt die betroffenen Personen.

Diskriminierung im gesundheitlichen Bereich kommt jedoch immer wieder vor, erzählt Andrea Brunner. Selbst Ärzt:innen sind sich oft nicht bewusst, dass HIV gar nicht ansteckend ist, sofern jene Hygienemaßnahmen beachtet werden, die in Spitälern und Arztpraxen sowieso beachtet werden müssen. Behandlungen in körpernahen Dienstleistungen, wie Fußpflege und Massagen werden oft abgelehnt und auch auf dem Arbeitsmarkt erfahren HIV-positive Menschen Benachteiligung. Solche Geschichten erreichen die Antidiskriminierungsstelle der Aids Hilfe regelmäßig. Auch Freunde von Memo, die ebenfalls HIV-positiv sind, mussten solche Erfahrungen schon machen.

HIV früh erkennen

Diskriminierung von HIV-infizierten Menschen ist aber verboten, betont Andrea Brunner. Deshalb gibt es in den sechs Aids Hilfen, die es österreichweit gibt, eine Antidiskriminierungsstelle, an die sich Betroffene persönlich oder auch online und anonym wenden können. “Wir unterstützen Klient:innen so weit, wie sie das möchten”, erklärt Brunner. “Wenn die Person sagt, sie möchte die Erfahrung einfach nur anonym loswerden, dann ist das genauso gut, wie wenn wir sie auf dem Rechtsweg begleiten können.”

Auch in medizinischer Hinsicht unterstützt die Aids Hilfe. Sie bietet kostenlose und anonyme HIV-Testungen an, die sie generell allen Menschen empfiehlt. Über 40% der HIV-Infektionen werden nämlich immer noch erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt. “Wir empfehlen daher bei den Aids Hilfen als Vorsorgeuntersuchung gratis und anonym zu testen”, sagt Andrea Brunner.

Je früher eine HIV-Infektion entdeckt wird, desto besser, sagt auch Zoufaly, denn je früher eine HIV-Therapie gestartet werden kann, desto unbeschädigter bleibt das Immunsystem. Damit es gar nicht erst zu einer Infektion kommt, sind neben der Verwendung von Kondomen mittlerweile auch Tabletten erhältlich, die vorsorglich die Ansteckung auch beim Sex ausschließt: Die sogenannte PrEP (Präexpositionsprophylaxe) wird weltweit bereits sehr erfolgreich eingesetzt.

Memo Mokhles hat sich kurz nach der Infektion testen und behandeln lassen. Deshalb ist sein Abwehrsystem intakt. Sein Leben hat sich durch die Erkrankung kaum geändert. Wenn es nach ihm ginge, müssen nur noch die negativen Vorurteile beseitigt werden. “Wir müssen Zeichen setzen, damit es zur Aufklärung kommt”, sagt er. “Je mehr man über HIV spricht, desto sichtbarer wird das Thema. Dann verschwindet auch die Angst, sich einfach testen zu gehen und wir können langsam gegen die Krankheit steuern.”

 

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