„Wir daten keine Männer mehr“: Zwei Frauen erzählen von ihrem Leben mit und ohne Männer
Es ist ein grauer Jännertag. Karen liegt mit Grippe auf der Couch in ihrer Wohnung, die Decke bis zum Kinn gezogen. Vor ihr spielt die einjährige Tochter. Daneben ist ihr Ex-Freund, der Vater des Kindes. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits kein Paar mehr sind, halten sie noch Kontakt: Sie unternehmen an manchen Wochenenden gemeinsame Ausflüge, doch abends und im Alltag ist Karen mit dem Kind auf sich gestellt.
Die Sorgearbeit für die Tochter schultert sie alleine, erzählt die Wienerin. Dabei lebt die heute 44-Jährige mit psychischen Belastungen: ADHS, Depressionen und einer Belastungsstörung.
Als sie ihren Ex-Freund auf der Couch liegend fragt, wie er sich die weitere Zukunft vorstellt, entgegnet er, dass für ihn alles gut ist – gut, wie es ist. In diesem Moment wird ihr klar: „Stopp. Das mache ich nicht mehr mit.”
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An diesem Tag bricht sie nicht nur den Kontakt zu ihrem einstigen Partner ab. Sie will sich grundsätzlich verweigern – der Rolle und den patriarchalen Strukturen, die sie in der Beziehung sowie auch im späteren Kontakt mitgetragen hat. Und damit verliert sie das Bedürfnis nach einer weiteren romantischen Beziehung mit einem Mann.
Männer daten: Der Preis ist zu hoch
Dieser Moment liegt nun über sechs Jahre zurück. Rückblickend beschreibt Karen ihre Entscheidung als eine geöffnete Tür, die sie nicht mehr schließen will. Sie kann sich nicht vorstellen, je wieder eine klassische Beziehung zu führen. Der Preis dafür war einfach zu hoch. Die unsichtbare Arbeit, das fehlende Vertrauen in den Kindsvater, der sich aus der Verantwortung stahl, die ständige mentale Last, alles für zwei Erwachsene zu planen.
Karen würde sich zum Beispiel nie erlauben, zu sagen, dass sie zu müde sei, sich um ihre heute siebenjährige Tochter zu kümmern. Wenn aber ihr Ex-Partner aus beruflichen Gründen keine Zeit hat, um wie vereinbart einen Nachmittag pro Woche mit ihr zu verbringen, sei es für ihn selbstverständlich, dass die Tochter auch an diesem Tag bei Karen bleibt. Diese Geringschätzung ihrer Zeit macht sie wütend. Sie beobachtet das auch bei Müttern in ihrem Umfeld.
Dass die Wienerin den Großteil der Sorgearbeit übernehmen würde, zeigte sich bereits früh: Schon während sie schwanger war, habe der Kindsvater ihr das Gefühl gegeben, ihm etwas angehängt zu haben. Sie erzählt, dass er die Schwangerschaft während einer Paartherapiesitzung mit einer „Krebsdiagnose" verglichen hat. Danach konnte sich Karen nicht mehr auf die Geburt ihres Kindes freuen.
Zwei Jahre nach der Schwangerschaft erkrankte Karen tatsächlich an Brustkrebs. Sie musste operiert werden, überstand 22 Chemotherapien. Sie wollte in diesem Ausnahmezustand Unterstützung für die Tochter. Doch der Vater meinte erst einmal, dass es bei ihm gerade auch beruflich schwer sei.
In der härtesten Phase ihres Lebens waren es ihre Mutter und enge Freundinnen, die ihr den Rücken freihielten. „Ich hätte meine Behandlungen nicht ohne sie machen können.” Heutzutage ist Karens Wahlfamilie die Konstante in ihrem Leben: Nahestehende Menschen, mit denen sie Urlaube macht, aber auch Sorgearbeit und emotionale Unterstützung teilt. „Das ist mein Dorf.”
Die Esel der Nation
Karens Erlebnisse mit ihrem Ex-Freund sind extrem, aber kein Einzelfall im luftleeren Raum. Ungerecht verteilte Sorgearbeit ist „normal“. Eine repräsentative Studie zum Thema Mental Load von BIPA, an der das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) beratend beteiligt war, von Mai 2026 zeigt das deutlich: Während 42 Prozent der Frauen angeben, die Hauptverantwortung für Sauberkeit und Ordnung im Haushalt zu tragen, sehen sich dafür nur 16 Prozent der Männer in der Pflicht.
Diese Ungleichheit sticht besonders stark bei der Kinderbetreuung hervor: Um die emotionalen Bedürfnisse des Nachwuchses kümmern sich 53 Prozent der Frauen, aber nur elf Prozent der Männer. Bei der Organisation von schulischen Terminen ist der Unterschied mit 40 zu 7 Prozent knapp sechsmal so hoch. (MOMENT.at-Tipp: Möchtest du die mentale Verteilung in deiner Beziehung herausfinden? Unser Care-Rechner hilft dir dabei.)
Männer stellen ihre Taten gern besser dar. Wenn sie einmal als Väter präsent sind, werden sie bewundert. Mütter nicht. Sie sind die Esel der Nation.
Die österreichische Politikwissenschaftlerin und Autorin Mariam Irene Tazi-Preve sieht diese Tendenz auch im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Praxis. Sie forscht unter anderem zu Geschlechter- und Familienpolitik und veröffentlichte unter anderem das Sachbuch “Mutterschaft im Patriarchat” (2004, Peter Lang Verlag). Tazi-Preve beschreibt Beziehungsarbeit und die damit verbundene Sorgearbeit als eine zutiefst ungerecht verteilte Last, die Frauen in patriarchalen Systemen oft bis zur Erschöpfung tragen.
Darunter fallen Haushaltstätigkeiten, aber auch das permanente Mitdenken und Management des gesamten Familienlebens: Arztbesuche ausmachen, Kindergeburtstage planen, Skischuhe kaufen. Ein strukturelles Scheitern, wie die Expertin betont: „Frauen glauben aber, es sei individuell.”
Sie sagt: „Männer stellen ihre Taten gern besser dar. Wenn sie einmal als Väter präsent sind, werden sie bewundert. Mütter nicht. Sie sind die Esel der Nation."
Am Rand der Kapazitäten
Körperliche und psychische Belastungen schränken die eigenen Ressourcen ein. In der Folge können Partnerschaftskonflikte oder die ungleiche Verteilung von Aufgaben schneller zu Überforderung führen. Dass ungleicher Mental Load auch unabhängig von gesundheitlichen Vorbelastungen zu Beeinträchtigungen führen kann, zeigt die ÖIF-Studie: Ein Viertel der Befragten erlebt regelmäßig stressbedingte körperliche Beschwerden, zum Beispiel Kopfschmerzen, Verspannung oder Schlafstörungen – bei den Frauen ist es beinahe ein Drittel.
Auch bei Mary traf eine fordernde Beziehung auf bereits verringerte Kapazitäten. Die gebürtige Dresdnerin wohnt seit knapp 20 Jahren in Wien. Sie fühlte sich bei ihrem Freund Jonas* dafür verantwortlich, dass die Beziehung funktioniert. Die beiden lebten nicht zusammen, sie übernahm die Planung der gemeinsamen Zeit. „Ansonsten hätten wir uns wohl kaum gesehen”, sagt die heute 40-Jährige. Hinzu kommt, dass Jonas in Diskussionen oft rechthaberisch gewesen sei. Mary fühlte, dass er sie nicht als Partnerin auf Augenhöhe betrachtete.
All das traf Mary in einer Phase, in der sie kaum Reserven hatte. Ihr wurde vor einigen Jahren eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert. Auch ihre damalige Jobsituation setzte sie unter Druck: 15 Jahre lang arbeitete sie in der Gastronomie und Hotellerie, bis sie 2019 ein Burnout erlebte. Außerdem vermutet sie, ADHS und Autismus zu haben.
Vor einem knappen Jahr war es dann zu viel. Jonas und Mary trennten sich nach etwa zwei Jahren. „Ich habe viel dafür getan, dass diese Beziehung funktioniert”, erklärt Mary. Doch sie erkannte, dass sie nur noch ihren eigenen Teil der Arbeit übernehmen konnte. Der anschließende Trennungswunsch kam von beiden: „Jonas sagte, er habe keine zusätzliche Energie, um an der Beziehung zu arbeiten. Damit war der Drops gelutscht.”
Unsichtbares Stoppschild
Wenn sie heute an die Zeit mit Jonas denkt, drängt sich ihr noch eine andere Erinnerung auf. „Es ist mir unangenehm”, sagt sie. „Aber ich finde es wichtig, darüber zu sprechen.” Es passierte wenige Monate vor der Trennung beim Sex. Mary merkte, dass es ihr nicht mehr gefällt. Sie rang mit sich: Kann ich Jonas sagen, dass ich keine Lust mehr habe? Darf ich das überhaupt? Bis jetzt hatte sie noch nie in Erwägung gezogen, so etwas überhaupt laut auszusprechen.
Trotzdem fasste sie sich ein Herz und bat Jonas darum, aufzuhören. Doch das tat er nicht. Stattdessen fragte er, ob er nicht noch schnell fertig machen könne. Mary ließ sich dazu überreden: „Weil es mich bereits so viel Überwindung gekostet hat, überhaupt etwas zu sagen, stimmte ich zu. Danach ging es mir sehr schlecht.” Als sie mit Jonas nachher darüber sprach, meinte er, dass er nicht garantieren könne, sich in einer ähnlichen Situation zurückzunehmen.
Die Wut darüber, dass Jonas ihr Signal überging und nicht einmal in Betracht zog, sich in Zukunft anders zu verhalten, brodelte erst nach der Trennung so richtig in Mary hoch: „Ich habe das damals noch nicht als so arge Grenzüberschreitung bewertet." Es war für sie zu normal, dass sie auch über ihre körperlichen Grenzen geht, damit die Beziehung funktioniert. Ein Muster, das sie im Nachhinein erkennt.
Nach dieser Beziehung kommt kein weiterer Mann für eine Beziehung infrage, erklärt Mary. Sie ist bisexuell, orientiert sich aber seit der Trennung ausschließlich an Frauen.
“Wem kannst du noch trauen?”
Was Mary mit Jonas erlebte, folgt einer breiteren Logik von männlicher Gewalt gegen Frauen: Mariam Tazi-Preve spricht dabei von einem tief verwurzelten, patriarchalen Grundproblem: „Für Männer bedeutet Männlichkeit oft, dass sie über Frauen sexuell verfügen können. Sie glauben, sie hätten jederzeit ein Anrecht auf Sex.” Das war in Österreich auch lange gesetzlich verankert: Bis 1975 stand die „eheliche Pflicht" zum Sex im Gesetz. Vergewaltigung in der Ehe war noch bis 1989 straffrei.
„Wem kannst du noch trauen?”, fragt sich Mary oft, wenn sie Nachrichten über Morde an Frauen und Gewaltverbrechen hört. Beispielsweise den Fall Gisèle Pelicot, die jahrelang von ihrem Ehemann betäubt und regelmäßig von ihm sowie von anderen Männern vergewaltigt wurde. 51 Männer wurden verurteilt, darunter ein Krankenpfleger, ein Feuerwehrmann, ein LKW-Fahrer, Männer aus verschiedensten Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten. Ein ähnlicher Fall ist – MOMENT.at berichtete – danach auch in Österreich aufgetaucht.
Außer in ihrem engsten privaten Umfeld hat Mary kaum noch Vertrauen zu Männern, wie sie sagt. Viel zu selten würden sich diese mit der Realität von Frauen beschäftigen oder sich ihre Vorteile im Patriarchat bewusst machen. Und sie hat auch keine Lust mehr, ihnen beizubringen, wie man sich nicht frauenfeindlich verhalte. Das gilt auch für Freundschaften: „Ich möchte mit niemandem befreundet sein, der potenziell gefährlich für Frauen ist.” Um das möglichst auszuschließen, stellt sie gerne „unangenehme“ Fragen. Vorzugsweise von Angesicht zu Angesicht, um die Reaktionen der Männer direkt und unverfälscht miterleben zu können. Eine Frage lautet zum Beispiel: Was denkst du über Frauen, die viele Sexualpartner hatten? Oder: Was würdest du tun, wenn dein:e Partner:in beim Sex plötzlich „Nein” sagt?
Nur gewonnen
Auch Frauen haben diese Rollenbilder von klein auf verinnerlicht, betont Mary. Sie selbst auch. Aus Sicht der 40-Jährigen werden Frauen ab Geburt in einer Welt groß, in der es wichtig ist, Männer zu beeindrucken. Dem Papa gefallen wollen, später den Jungs in der Schule. Sich mit anderen Mädchen messen und gegenseitig ausspielen, weil man denkt, das sei der Weg. Mary ist gerade dabei, dieses angelernte Konkurrenzdenken “auszuleiten”, wie sie sagt. Den Schmerz, wenn eine Frau etwas erreicht, das man sich auch selbst wünscht, kennt die Wienerin gut. Aber sie kann inzwischen auch gönnen. „Ich gewinne so viel dadurch, dass ich Frauen unterstütze.” Durch ihre Entscheidung erlebt sie allgemein eine neue Freiheit, beschreibt Mary. Sie fühlt sich nicht mehr auf männlichen Zuspruch angewiesen.
Für viele Männer ist Familie ein Territorium. Frauengemeinschaften sind ihnen ein Dorn im Auge.
Was gewinnen Frauen tatsächlich, wenn sie auf romantische Beziehungen mit Männern verzichten? Die Forschung hat auf diese Frage noch selten Antworten gesucht. Sie zeigt bislang kein eindeutiges Bild eines „messbaren Gewinns“ durch den Verzicht auf heterosexuelle Partnerschaften, sondern betont die Bedeutung der Beziehungsqualität: Während eine stabile Partnerschaft die Lebenszufriedenheit laut einer Bielefelder Langzeitstudie von 2025 zwar messbar und nachhaltig steigert, belegt eine Untersuchung der Universität Toronto aus dem Jahr 2024, dass Single-Frauen signifikant zufriedener mit ihrem Leben sind als Single-Männer. Sie verspüren einen deutlich geringeren Wunsch nach einer neuen Partnerschaft. Ein wesentlicher Faktor dafür dürfte ihr stärkeres Netz aus persönlichen Beziehungen sein.
Populäre Thesen, wie die des Glücksexperten Paul Dolan von der London School of Economics and Political Science, der behauptete, unverheiratete kinderlose Frauen seien am glücklichsten, gelten aufgrund statistischer Interpretationsfehler heute als wissenschaftlich schlecht erarbeitet und begründet. Ein pauschaler Glücksvorteil von Single-Frauen gegenüber Frauen in Beziehungen lässt sich daher nicht belegen. Was sich aber zeigt: Frauen in schlechten oder einseitigen Beziehungen sind messbar unglücklicher als jene, die allein leben.
Karen bezeichnet ihr Leben ohne einen romantischen Partner als Gewinn. Es ist viel ruhiger geworden – emotional ruhiger. „Ich kann mehr bei mir bleiben”, lächelt sie. Je mehr Distanz Karen zu ihrem Ex-Freund gewann, desto deutlicher wurde ihr, wie prägend diese Beziehung für sie war. Und wie sehr sie sich dabei von sich selbst entfremdet hatte.
Wenn ihr Ex-Freund heute die Tochter nach Hause bringt, bleibt er vor ihrer Türschwelle stehen. „Meine Entscheidung bedeutet auch, Grenzen zu setzen", sagt Karen. „Und für ihn liegt sie vor meiner Wohnungstür.”
Frauensolidarität statt Kleinfamilie
Drei Stockwerke über Karen wohnt eine weitere alleinerziehende Mutter mit Kind. Sie sind ein Teil ihrer Wahlfamilie. Am Wochenende stehen die Wohnungstüren offen, die Kinder spielen zusammen und laufen hin und her. Die Frauen kochen füreinander und besprechen, wer die Kinder morgens in die Schule bringt. Wenn es Karen an manchen Tagen nicht gut geht, hilft die Freundin bei der Care-Arbeit.
„Manchmal haben wir unsere feministischen Wutanfälle“, sagt Karen. „Wir brüllen uns an, wir schneiden Grimassen und schimpfen.“ Am Sonntagvormittag wird die Musik laut aufgedreht. Aus dem Lautsprecher ertönt “Lügner” von Ella Stern, das Lieblingslied ihrer Tochter. „Dann tanzen wir zu viert, mit den Kindern”, sagt sie und lacht dabei.
Dass sich Frauen außerhalb von heterosexuellen Beziehungen zusammenschließen, ist gar nicht so ein neues Modell, wie Mariam Tazi-Preve erklärt: „Während Männer im Krieg waren, taten sich Frauen zusammen, kochten, zogen Kinder groß, lebten zusammen.“ Doch dann ging es wieder zurück. „Kaum kehrten die Männer aus dem Krieg heim, gingen die Türen zu. Für viele Männer ist Familie ein Territorium. Frauengemeinschaften sind ihnen ein Dorn im Auge”, sagt sie.
Heute ist Karen an einem Punkt, an dem sie sich und ihr Leben so liebt, wie nie zuvor. „Ich bin keine Superwoman, ich mag den Begriff nicht und lebe diese Illusion meiner Tochter nicht vor. Ich weine vor ihr und ich sage ihr: Wir kriegen das wieder hin. Ich bin eine Frau, die ihr Bestes gibt.” Sie lacht: „Auch wenn ich immer noch jeden Tag aufwache und hoffe, dass ich lesbisch bin.“
Ihre Haltung richtet sich jedoch nicht gegen Männer als Personen, sondern gegen die gelernten Rollenmuster. Karen pflegt Freundschaften zu Männern, einer gehört fest zu ihrer Wahlfamilie. Ob sie ihre Meinung noch einmal ändert und in späterer Zukunft wieder eine romantische Beziehung mit einem Mann möchte, weiß sie nicht. „Ich will niemanden erziehen“, erklärt sie. Das bedeutet, keine emotionale Arbeit mehr zu leisten, um erwachsenen Männern beispielsweise grundlegende Verantwortungen oder Haushaltspflichten beizubringen. „Ein Partner ist kein Kind”, sagt Karen. Vorstellbar wäre für sie allerdings eine “Freizeitbeziehung”, wie sie es nennt. „Man lebt in getrennten Wohnungen und verbringt die Freizeit miteinander. Seine Probleme werden nicht zu meinen und umgekehrt.“
Und der Sex?
Für heterosexuelle Frauen bleibt bei einem Beziehungsboykott die Frage, wie sie ihre Lust ausleben können, wenn das Verlangen nach Männern bleibt, aber das Vertrauen fehlt, sich auf sie einlassen zu wollen. Die Antwort ist sicher individuell und kann sehr verschieden sein. Karen ist aufgrund ihrer Krebserkrankung in Hormontherapie und damit auch im künstlichen Wechsel. Dadurch verspürt sie kein großes Bedürfnis nach Sex. Und wenn doch, greift sie zum Vibrator. Für sie reicht das, sagt sie.
Ob der Verzicht auf eine klassische Paardynamik die Zufriedenheit im Sexleben langfristig beeinträchtigt, ist wissenschaftlich bislang wenig untersucht. Die bereits erwähnte Untersuchung der Universität Toronto belegt zwar, dass Single-Frauen über ein besseres Sexleben als Single-Männer berichten. Vergleicht sie aber nicht mit Frauen in Beziehungen.
Mary hat als bisexuelle Frau die Möglichkeit, ihre romantische Aufmerksamkeit neu auszurichten. Aktuell erforscht sie ihre Sexualität: Dass Penetration für sie kein Thema mehr ist, sagt sie offen. Vielleicht ändert sich das wieder, meint sie: „Aber derzeit kommt es für mich nicht infrage. Ich habe kein Vertrauen darin, dass ein Mann auf meine Bedürfnisse hört oder sich zurücknimmt, wenn ich sage, dass ich nicht mehr möchte.”
Intimität besteht für Mary auch in emotionaler Nähe und Offenheit. Für viele Männer, glaubt sie, ist Penetration aber noch immer das Zentrum von Sexualität. „Das ist schade, weil es so viel mehr gibt." In ihrem Umfeld ist es zum Beispiel völlig normal, miteinander zu kuscheln, ungeachtet des Geschlechts oder des Beziehungsstatus. „Wir sind soziale Wesen. Wenn wir Nähe nur mit einer Person leben, dann bricht vieles weg, wenn diese Person einmal nicht mehr da ist.”
Mary setzt in ihrem Alltag auf ein Netzwerk platonischer Beziehungen. Für die Kinder ihrer besten Freundin ist sie die “Teilzeit-Mama”, wie die beiden Mädchen sie selbst nennen. Gleichzeitig lernt sie gerade, Grenzen zu setzen und besser bei sich zu bleiben. Bei dieser Gelegenheit kann sie sich auch mehr um sich selbst kümmern. Selbstfürsorge steht buchstäblich im Kalender, jeder Tag startet mit einem Rohkakao. Ein Prozess, wie sie sagt: „Ich begleite momentan hauptsächlich mich selbst. Das ist aktuell mein Job.”
*Namen von der Redaktion geändert
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