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Zara Larsson's neuer Look ist politisch

Zara Larsson ist zurück im Mainstream. Zehn Jahre nach “Lush Life” erlebt sie ein sichtbares Comeback. Ausgelöst durch ein virales Video, in dem ein Fan sie mit ihrer perfekt einstudierten Choreografie auf der Bühne überrascht. Kurz darauf folgen neue Fanmomente, neue Aufmerksamkeit und vor allem: ihr neuer Look.

Viel Farbe, Glitzer, Steine, auffälliges Augen-Make-up. Vogue Scandinavia schreibt, Zara Larsson bringe den „Vollgas-Popstar-Glamour“ zurück. Andere Magazine sprechen vom Comeback “maximalistischen” Make-ups. Die Berichterstattung rund um Larsson's Make-up scheint harmlos zu sein, ist jedoch politischer als man denkt. 

@moment_magazin

Zara Larsson ist zurück und mit ihr die Rede vom „Comeback“ des maximalistischen Make-ups. Dabei war es nie weg.   Buntes, auffälliges Make-up hat seine Wurzeln in Schwarzen, queeren und migrantischen Communities: in Drag, Ballroom und Hip-Hop.   Der aktuelle Hype lässt sich auch als Gegenbewegung zur Clean-Girl-Ästhetik lesen: einem Look, der Natürlichkeit verspricht, dabei aber bestimmte Körper, Ressourcen und Lebensrealitäten voraussetzt.   Maximalistisches Make-up ist kein kurzfristiger Trend. Es ist eine jahrzehntealte Ausdrucksform und widersetzt sich Regeln von Anpassung und Vereinheitlichung. #zaralarsson #lushlife #makeup

♬ Originalton - Moment Magazin

War maximalistisches Make-up jemals weg?

Ein Comeback setzt voraus, dass etwas weg war. Aber war diese Art von Make-up denn wirklich jemals verschwunden? Genau das fragt sich Make-up-Künstlerin und Creatorin Rowi Singh auf Social Media. 

Die Antwort ist ziemlich klar: nein. Buntes, schrilles Make-up ist seit Jahrzehnten Teil von Drag-Kultur, Ballroom, queeren Szenen, Hip-Hop und migrantischen Communitys. Spätestens seit der Ära der TV-Serie Euphoria der frühen 2020er ist diese Ästhetik auch auf Social Media allgegenwärtig.

Der Unterschied ist nicht das Make-up selbst, sondern wer gerade dafür gefeiert wird. Viele der Creator:innen, die seit Jahren mit Glitzer, Farbe und maximalistischen Looks arbeiten, sind nicht weiß, dafür rassismusbetroffen und marginalisiert. Ihre Arbeit war nie weg, sie wurde nur selten als Trend gelesen. 

Zara Larssons slayed 

Zara Larssons aktueller Look ist stark. Er ist verspielt, bunt, laut. Und ja: schrill. Schrill ist das, was nicht ruhig bleibt, nicht ordentlich, nicht angepasst. Und deshalb immer auch politisch. Das Problem daran ist nicht Zara Larsson. Das Problem ist der Ausgangspunkt dieser Erzählung.

Wenn etwas erst dann existiert, wenn weiße Medien es entdecken

Denn wenn Medien das „Comeback“ maximalistischen Make-ups mit Larsson verknüpfen, ist das nicht nur ungenau. Es zeigt vor allem eines: wie weiß viele westliche Kultur- und Modemedien noch immer sind. Denn Fakt ist: POCs did it first. Wie so oft.

Diese Techniken, diese Ästhetiken, diese Formen von Glamour stammen aus Schwarzen, queeren, migrantischen Kulturen. Sie sind Ergebnis jahrzehntelanger kultureller Praxis, Professionalität und Innovation.

Wenn Medien das nicht benennen, wirkt es auf den ersten Blick vielleicht wie harmloses und entschuldbares Unwissen. Wie ein Versehen. In Wahrheit ist es ein Ausdruck von politischen Machtverhältnissenen. Welche Geschichte wird erzählt? Welche Expertise dabei unsichtbar gemacht. Welche vorreitende Kultur auf Hintergrundrauschen reduziert?

Sichtbarkeit entscheidet darüber, wessen Kreativität als Trend gilt und wessen als selbstverständlich oder austauschbar.

An dieser Stelle kommt meist ein altbekanntes Argument: "Wir können uns doch alle so schminken. Ist doch egal, wer damit angefangen hat." Das könnte es sein, aber das Beispiel zeigt sehr gut, warum Aneignung ohne Anerkennung kein bloßes Teilen ist. Es ist Ausradieren und macht Leistungen unsichtbar. Wenn die Ursprünge verschwiegen werden, profitieren am Ende jene, die ohnehin Zugang zu Reichweite, Geld und medialer Legitimität haben. Und jene, die die Ästhetiken geprägt haben, bleiben unsichtbar.

Maximalistisches Make-up ist politisch

Um zu verstehen, warum das alles relevant ist, müssen wir über das Gegenstück sprechen: die Clean-Girl-Ästhetik. Clean Girl steht für angeblich „natürliche“ Schönheit. Makellose Haut. Kaum Make-up. Neutrale Farben. Schlanker Körper. Poliertes Styling. Dutt, Goldkette, weiße Bluse. Pilates. Grüne Smoothies. Der Look suggeriert Mühelosigkeit, erfordert aber Zeit, Geld, Disziplin und massiven Konsum. Kritiker:innen beschreiben Clean Girl deshalb als Illusion natürlicher Schönheit. Und diese Illusion ist vor allem eines: weiß.

Clean Girl braucht die Existenz des Dirty Girl's

Essays und Kulturanalysen benennen die Clean-Girl-Ästhetik klar als klassistisch, fettfeindlich, rassistisch und ageistisch. Warum? Weil sie ein extrem enges Bild von „Sauberkeit“, „Ordnung“ und „Kontrolle“ idealisiert. Alles, was davon abweicht, gilt als ungepflegt, messy oder „dirty“. 

Historisch ist das kein Zufall. Sauberkeit ist tief verknüpft mit Weißsein, Moral, Disziplin und Reinheit. Geprägt schon durch viktorianische Moralvorstellungen und koloniale Ordnungslogiken. Nicht-weiße Haut. Dicke Körper. Sichtbare Arbeit am Körper. Alter. Farbe. Glitzer. Chaos. All das passt nicht in dieses Ideal.

Besonders perfide: Auch viele der minimalistischen, „glowy“ Beauty-Praktiken stammen ursprünglich aus Black- und POC-Communities. Aber erst wenn sie weiß, dünn, teuer und kontrolliert gefiltert werden, gelten sie als elegant und erstrebenswert.

Clean Girl verkauft also nicht nur Minimalismus. Es erzeugt aktiv Ausschluss.

Maximalismus als Kampfansage gegen den Faschismus

Deshalb sprechen Kulturanalysen sogar von faschistoiden Zügen - weil Weiblichkeit hier kontrolliert, vereinheitlicht und diszipliniert wird. Farbe, Übertreibung und Chaos werden als Bedrohung gelesen. Und genau deshalb braucht es eine Gegenbewegung.

Messy Girl. Glitzer. Farbe. Lautstärke. Übertreibung. Individuelle Ausdrucksformen. Maximalistisches Make-up ist in diesem Sinne keine Spielerei, sondern antifaschistische Praxis.

Was Medien jetzt tun müssten

Zara Larssons Tour-Look steht genau dafür. Für Freiheit. Für Spaß. Für Überzeichnung. Für unbequeme Ausdrucksformen. Medien sollten über diese Kunstform schreiben. Aber sie sollten auch benennen, was dahinter steckt und vor allem, wer dahinter steckt.

Nicht als Fußnote. Nicht als Trend-Disclaimer. Sondern als Teil der Geschichte.

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