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Arbeitswelt
Klimakrise

100.000 Klimajobs: Neue Arbeitsplätze als Weg aus der Klimakrise?

100.000 Klimajobs: Neue Arbeitsplätze als Weg aus der Klimakrise?
Mit 100.000 neuen Klimajobs will Umweltministerin Leonore Gewessler aus der Wirtschaftskrise und Klimakrise kommen. Kann das für das Klima funktionieren? Und löst es die Probleme am Arbeitsmarkt?

Österreich durchlebt derzeit die schwerste Wirtschaftskrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Gleichzeitig gibt es in der ökologischen Krise Handlungsbedarf in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen. Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) will daher in den nächsten Jahren 100.000 sogenannte „Klimajobs“ schaffen. 

„Wir sichern regionale Arbeitsplätze und schützen dabei das Klima – das ist gerade jetzt die richtige Lösung zur richtigen Zeit“, betonte Gewessler bei der Vorstellung des Programms. Das klingt einfach und wirksam, ist in der Realität aber etwas komplizierter.

Ein langer Weg bis zur Klimaneutralität

Die österreichische Wirtschaft ist in Folge der Corona-Pandemie deutlich mehr als in anderen EU-Ländern eingebrochen. Das bekommen auch ArbeitnehmerInnen zu spüren: Ende Februar waren knapp 509.000 Menschen arbeitslos gemeldet oder in Schulungen. Weitere knapp 500.000 Beschäftigte befinden sich in Kurzarbeit.

Gleichzeitig soll Österreich laut Koalitionsprogramm bis 2040 klimaneutral werden; das heißt, es soll nicht mehr CO2 ausgestoßen werden, als andernorts gebunden wird. In den verbleibenden 19 Jahren steht uns ein weiter Weg bevor. 

Im jährlich veröffentlichten globalen „Klima-Index“, der die klimapolitischen Fortschritte einzelner Staaten dokumentiert, liegt Österreich derzeit sogar 19 Plätze hinter dem EU-Durchschnitt.  

Die Krise als Chance?

Der Vorschlag von Umweltministerin Gewessler soll zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: neue Klimajobs sollen die Wirtschaft wieder ankurbeln und die Umwelt schützen. Die Krise soll zur Chance werden. 

Kann das funktionieren?

Klimajobs sollen laut Bundesumweltministerium durch eine „Qualifizierungsoffensive“ geschaffen werden. Dazu werden gegen die Coronakrise 700 Millionen Euro für Umschulungen bereitstellt. Nicht alles fließt in Klimajobs. Der Bereich Umwelt ist im Budget neben Digitalisierung, Pflege- und Sozialberufen nur ein Teilbereich.
 

Der Markt alleine wird die Klimakrise nicht lösen

Oliver Picek, Arbeitsmarktexperte beim Momentum Institut, hält den Weg der Umweltministerin prinzipiell für gangbar. Aber Schulungen alleine reichen nicht. Die neuen Fähigkeiten müssen am Arbeitsmarkt auch nachgefragt werden: „Der Staat muss dafür sorgen, dass es diese Jobs dann auch gibt“, erklärt Picek. 

Beispielsweise, indem die Regierung den Tausch von Ölheizungen oder die Häuserdämmung fördert. Außerdem müssten diese Investitionen von Gesetzen und Regelungen begleitet werden – „denn der Markt wird diesen Transformationsprozess nicht von alleine lösen“, betont Picek.
Dementsprechend will die Regierung Geld in die Hand nehmen. Sie will den Ausbau erneuerbarer Energien und des öffentlichen Verkehrs und eine E-Mobilitätsoffensive. 

Im Umweltministerium geht man davon aus, dass staatliche Investitionen in Klima- und Umweltschutz „wiederum 4,5 Milliarden Euro Investitionen jährlich durch Private oder Unternehmen auslösen“, heißt es auf Nachfrage. Dadurch erwarte man sich einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 9,8 Milliarden Euro jährlich – und eben 100.000 Klimajobs.

Staat und Unternehmen gefordert

Angesichts der in Aussicht gestellten 100.000 Klimajobs warnt Picek vor zu viel Euphorie. Das alleine werde die Arbeitsmarktkrise nicht lösen, denn 100.000 Klimajobs bedeuten nicht automatisch 100.000 Arbeitslose weniger.

Aus der Erfahrung vergangener Wirtschaftserholungen wisse man, dass lediglich ein Viertel bis zu einem Drittel geschaffener Jobs wirklich von Arbeitslosen bzw. Langzeitarbeitslosen aufgefüllt werden. Der Rest entfalle auf Schul- oder UniversitätsabsolventInnen und MigrantInnen, die neu am Arbeitsmarkt sind. Außerdem können bereits Beschäftigte im Zuge von Umschulungen auf Klimajobs umsatteln.

„Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen“, erklärt Angela Köppl vom Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), „kommen wir um eine Transformation der Wirtschaft nicht herum“. Eine kluge Investitionspolitik sei hierbei ein wichtiger Hebel, sowohl der Staat als auch Unternehmen seien gefordert. „Aber zusätzlich“, so Köppl, „braucht es den nötigen regulatorischen Rahmen“.

Darunter versteht Köppl etwa die Besteuerung klimaschädlichen Verhaltens und Wirtschaftens, den Abbau klimaschädlicher Subventionen oder das Setzen von Standards, zum Beispiel im Gebäudebereich oder beim Energieverbrauch von Geräten.

Bisher kaum Investitionen in Umweltschutz

Das seit einem Jahr grüne Umweltministerium will einiges davon bereits auf den Weg gebracht haben oder gerade ausarbeiten. So sollen rund eine Milliarde Euro jährlich in die Förderung von Ökostrom fließen, im Bereich Wärmeerzeugung sollen 2021 und 2022 rund 750 Millionen den Umstieg auf klimafreundlichere Lösungen anschieben. Rund 17,5 Milliarden sollen in den nächsten fünf Jahren in den Ausbau der Bahn investiert werden. 

Gerne betont man in den Reihen der Grünen, dass es für den Klimaschutz hierzulande noch nie zuvor ein größeres Budget gab.  Ob das am Ende reicht, um die Klimaziele zu erreichen, hängt davon ab, wie konsequent die angekündigten Schritte weiterverfolgt werden. Der Anteil öffentlicher Investitionen und Investitionen in den Umweltschutz aus den Corona-Hilfen liegt derzeit im unteren einstelligen Prozentbereich, wie das Momentum Institut Anfang des Jahres recherchierte

Auf einer allgemeineren Ebene bleibt zu fragen, inwiefern Vollbeschäftigung, konstantes Wirtschaftswachstum und Umweltschutz überhaupt vereinbar sind. Eine groß angelegte Studie der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) stellte das im vergangenen Jahr in Frage

Um aus der Coronakrise eine Chance gegen die Klimakrise zu machen, wird es wohl deutlich mehr brauchen als 100.000 Klimajobs. Aber die staatliche Investitionen in erneuerbare Energien und entsprechende Förderungen, sind ein wichtiger Schritt in diese Richtung – vor allem dann, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen stimmen.
 

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