“Bis 33 dachte ich, dass ich dumm bin”: Wie 2 Eltern mit ADHS über das System denken

Johanna: Ich habe Psychologie studiert. Aber dass meine Tochter ADHS haben könnte, habe ich erst durch ein Video erkannt. Darin hat ein Experte erklärt, dass ADHS bei Mädchen anders aussieht, als man es von Buben kennt. So wenig habe ich darüber in meinem Studium gelernt.
Dass ich selbst betroffen sein könnte, war mir bis dahin nicht klar. Bis zu meinem 33. Lebensjahr habe ich sogar gedacht, dass ich dumm bin. Mir sind ständig dumme Sachen passiert. Lange Zeit habe ich den Mund gehalten und mich in Gruppen zurückgehalten, weil ich nichts Dummes sagen wollte.
Heute weiß ich, dass ich nicht dumm bin - ganz im Gegenteil. Wie hätte ich sonst das Studium ganz ohne unterstützende AHDS-Medikation oder sonstige Hilfe schaffen können?
Jakob: Dass in der Entwicklung unserer Tochter etwas nicht wie bei anderen Kindern verlief, ist uns schon früh aufgefallen. Ich hatte keinen Namen dafür. Aber ich habe natürlich gesehen, dass bei ihr Dinge anders sind, besonders im Umgang mit anderen Kindern.
Es gab Bereiche, da war sie anderen vergleichsweise voraus, in anderen war sie hinten. Sie hat viel früher als andere zu reden begonnen. Aber wir mussten sie oft anziehen, obwohl sie schon selbst in der Lage dazu war. Sie war oft mit Reizen überladen und hat viel Antrieb von Außen gebraucht.
Schule und ADHS vertragen sich nicht
In der Schule wurden die Herausforderungen durch ADHS immer deutlicher. Unsere Tochter hat bei Aufgaben teilweise 20 Minuten gebraucht, bis sie überhaupt den ersten Strich gesetzt hat. Dafür hat sie in relativ kurzer Zeit Sachen geschrieben, mit denen ihre Lehrer:innen gar nicht mehr gerechnet haben. Intellektuell gab es also kein Problem.
Die Diagnose ADHS hat sie dann mit 9 Jahren erhalten. Wir haben dann mit Elterntraining begonnen und uns eine Selbsthilfegruppe gesucht. In der vierten Klasse Volksschule mussten wir gemeinsam für ihren Schulabschluss lernen. Mit Corona haben wir selbst ihre Lernherausforderungen bemerkt, von der uns ihre Schule erzählt hat. Da haben wir dann auch nach Absprache mit Medikation begonnen.
Johanna: Nach ihrer Diagnose hatte ich am Anfang Schuldgefühle meiner Tochter gegenüber. Ich dachte, sie hat das also von mir und muss deswegen Medikamente nehmen! Gerade darüber hat man viele Vorurteile und hört noch dazu viel Blödsinn. Mein Mann war offener und meinte, schauen wir doch mal, ob es hilft.
Mittlerweile erzähle ich gerne darüber, weil ich sehr für die Medikation eintrete. Es ist einfach das wirksamste, was du machen kannst. Viele Menschen mit ADHS greifen später auf Selbstmedikation zurück. Das reicht von Kaffee über Zigaretten hin zu Alkohol und anderen Drogen. Der Vorteile der Medikation ist, dass das Hirn nicht unterversorgt ist und man nicht auf Suchtmittel zur Eigenmedikation zurückgreifen muss. Die Medikamente sind auf jeden Fall nicht dazu da, Kinder ruhigzustellen, was oft behauptet wird.
Oh mein Gott, so ruhig ist es also in einem neurotypischen Hirn
Als ich selbst zum ersten Mal Medikamente für ADHS genommen habe, dachte ich nur: ‘Oh mein Gott, so ruhig ist es also in einem neurotypischen Hirn!’ In meinem Kopf ist es ohne sie so, als würden zwölf Autospuren befahren. Da passiert permanent etwas. Mit Medikamenten kann ich steuern. Ich kann entscheiden, ob ich Autos überhole. Ich kann mich anhupen lassen, weil ich zu langsam fahre - und es ist mir egal.
Mir wurde von Ärzten zu Beginn gesagt, ich könne kein ADHS haben. Ich hatte schließlich ein Studium ohne Medikamente geschafft. Frauen werden häufig fehldiagnostiziert. Als mein Mann die Diagnose bekam, war ich fast etwas froh. Ich habe sogar im Scherz gemeint, dass unsere Tochter es nicht von mir haben kann. Später hat man mich aber auch diagnostiziert.
Jakob: Das Gemeine ist ja, dass die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch ist, dass ein Kind mit ADHS mindestens einen Elternteil damit hat. Und dann muss man als Elternteil doppelt und dreifach an fixen Strukturen dranbleiben, die einem selbst häufig schwerfallen.
Ich hätte mir Lehrkräfte gewünscht, die mich so sehen, wie ich bin.
Im Nachhinein ergibt meine ADHS-Diagnose für mich viel Sinn. Ich war immer anders. Ich habe es daran gesehen, dass ich als Kind oft nicht Teil einer Gruppe war. Ich hatte wenig bis keine Freunde. Bis ins Teenageralter fühlte ich mich wie ein Chamäleon, teilweise nicht sichtbar. Gleichzeitig war ich aber total interessiert an Dingen.
Was ich mir damals und jetzt für meine Tochter auch gewünscht hätte, wären Lehrkräfte, die mich so sehen, wie ich bin. Die mich an meinen Stärken packen. Speziell Kinder mit ADHS tun sich schwer mit stupidem Auswendiglernen.
Johanna: Im Unterschied zu früher ist heute in der Gesellschaft das Bewusstsein über ADHS zumindest größer - aber das mit dem Wissen ist so eine Sache. Soziale Medien haben dazu beigetragen, dass es gesellschaftlich anerkannter wird. ADHS ist präsenter, aber leider sind viele Informationen fragwürdig oder falsch.
Mit ADHS wissen die wenigsten etwas anzufangen
Wenn wir Menschen von ADHS erzählen, können sie meistens wenig damit anfangen. Auch Lehrer wissen meistens sehr wenig davon. Sie verstehen es eher, wenn wir ihnen von den Auswirkungen erklären – etwa, dass sich unsere Tochter sehr schwer mit Pünktlichkeit tut oder damit, sich Hausübungen zu merken. Deswegen haben wir zu Beginn nur der Klassenvorständin davon erzählt.
Manche Lehrkräfte sind dem Thema offen gegenüber, andere verstehen es nach drei Jahren nicht. Wenn etwa ein Lehrer unserer Tochter das Wort “Neurodiversität” hört, denkt er, ich hätte mir das aus Langeweile ausgedacht.
In Wien können Kinder mit ADHS und ihre Eltern an Schulen jetzt einfacher Unterstützung beantragen. Dabei geht es nicht darum, dass sie bevorzugt werden. Sondern dass sie zeigen können, was sie gelernt haben.
Sogar Fachkräfte erkennen ADHS oft erst, wenn es Probleme gibt.
Jakob: Wir haben das Glück, dass wir unser Leben mit ADHS bisher gut auf die Reihe gebracht haben. ADHS wird als Störung bezeichnet, ich möchte es aber nicht missen, weil es mir sehr viel Gutes mitgegeben hat. Natürlich gibt es da ganz unterschiedliche Erfahrungen. Ein zentrales Problem an ADHS ist die Fähigkeit, die eigenen Impulse zu kontrollieren. Sich zurückzuhalten in einer Situation, die vielleicht gar nicht so tragisch ist - aber einen so sehr frustriert, dass man aus der Haut fährt.
Sogar Fachkräfte erkennen ADHS leider oft erst, wenn es echte Probleme gibt. Ich würde mir wünschen, dass Pädagog:innen schon viel früher Anzeichen von ADHS sehen. Die Lehrkraft unserer Tochter hat damals gesagt: "Die braucht schon wirklich lange bei der Schularbeit und spitzt 20 Minuten die Stifte.” Da muss man doch aufmerksam werden.
ADHS an Schulen: Weit weg von Chancengleichheit
Johanna: Wenn es die Möglichkeit gibt, mit der Schule so zusammenzuarbeiten, dass sie selbst Maßnahmen setzen kann und das auch macht, profitieren alle. Dem Kind fällt es leichter, Eltern fällt es leichter, der Schule fällt es leichter - das ganze System wird entlastet. Aber es ist aktuell oft ein Kampf, das einzufordern.
Bildung in Österreich ist zu einem hohen Grad vererbt. Aber Chancengleichheit sollte ja nicht davon abhängig sein, dass man zufällig Eltern hat, die sich reintigern können und die auch die Ressourcen dazu haben. Es geht darum zu erkennen, was die Kinder draufhaben und sie nicht für ihre angeborenen Unterschiede auszugrenzen. Die Gesellschaft hätte so viel davon, wenn wir die Stärken von Kindern mit ADHS fördern.











