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Gesundheit

ADHS bei Kindern: “Die Schule legt ein Brennglas darüber”

ADHS bei Kindern: “Die Schule legt ein Brennglas darüber”
Kleine Gruppen, wenig Ablenkung und Möglichkeiten, alleine zu sein: Welche Maßnahmen Kindern mit ADHS in Schulen weiterhelfen kann, ist bekannt. An der Umsetzung scheitert es oft noch. Foto: Cash Macanaya/unsplash
Kinder mit ADHS leiden häufig unter den Anforderungen des Schulsystems. In Österreich gibt es ausgleichende Maßnahmen, die ihnen das Lernen erleichtern sollen - theoretisch. An der Umsetzung scheitert es häufig. Wie geht es Betroffenen und ist mit Besserung zu rechnen?

“Unsere Tochter ist blitzgescheit. Aber wenn sie bei der Schularbeit eine halbe Stunde den Stift spitzt und dann erst beginnt, bringt ihr das nichts”, sagt Johanna*. “Bei ihr sind Dinge anders”, ergänzt ihr Mann Jakob*. “Wenn ich einem Kind Anweisungen gebe, gehe ich davon aus, dass es innerhalb der nächsten 30 Sekunden startet. Zumindest, wenn es sich neurologisch normal entwickelt.” Die Tochter von Johanna und Jakob ist nicht neurotypisch. Lea hat ADHS.

Das österreichische Schulsystem und Kinder mit ADHS sind eine konfliktreiche Kombination. “Die Schule legt über die ADHS-Symptomatik nochmal ein Vergrößerungsglas. Alle Symptome treten besonders stark hervor”, sagt Karin Schmid-Gallistl. Sie ist Obfrau des Vereins ADAPT, unterstützt Eltern und bildet Lehrer:innen zum Thema ADHS weiter.

Ob Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität oder starke Impulsivität: Die Probleme für Kinder mit ADHS im Unterricht seien vielfältig. “Oft können die Kinder wichtige Reize nicht von unwichtigen filtern. Optisches Gewusel, überall Geräusche und unterschiedliche Gerüche überfordern sie. Dann fahren sie innerlich die Rollläden runter. Das Gegenüber sieht das oft als mangelndes Interesse oder fehlende Motivation”, so Schmid-Gallistl. Zwar steige das Bewusstsein für ADHS, doch selbst bei Ärztinnen und Lehrern sei das Wissen darum noch viel zu wenig verbreitet, kritisiert die Expertin.

Grundsätzlich gibt es an Österreichs Schulen die Möglichkeit, auf die Bedürfnisse von Kindern mit Beeinträchtigungen einzugehen: sogenannte “ausgleichende Maßnahmen”, früher als “Nachteilausgleich” bekannt. Sie werden vom Bildungsministerium(PDF) geregelt. Schüler:innen erhalten dadurch etwa mehr Zeit bei Prüfungen, einen eigenen Raum oder eine alternative Form der Leistungsüberprüfung. All das bedeutet nicht, dass Betroffene weniger leisten müssen. Sie erhalten dadurch vielmehr eine faire Möglichkeit, zu zeigen, was sie können und gelernt haben.

Für Lea kann das heißen, manchmal längere Fristen zu kriegen. Ihr ADHS macht es ihr schwer, Strukturen aufrechtzuerhalten. Sie vergisst manchmal Termine oder Unterlagen und kommt dadurch in einen Strudel. “Kürzlich hatte sie einen Fünfer auf den Physik-Test, hat durch den Druck den Chemietest übersehen und da dann auch einen Fünfer. Wir haben die Lehrerin für den nächsten Test um eine Woche Aufschub gebeten. Es war gerade einfach zu viel. Sie ist uns entgegengekommen. Gestern hat Lea einen Einser auf die mündliche Prüfung bekommen”, erzählt Jakob.

An der Intelligenz liege es offensichtlich nicht.

Dass Lea so einen Aufschub bekommen hat, ist aber leider nicht selbstverständlich.

ADHS in der Schule: Mitgemeint ist nicht mitgedacht

ADHS wird bisher in der Regelung von ausgleichenden Maßnahmen nicht konkret erwähnt. Das Bildungsministerium nennt zwar eine “vorliegende Beeinträchtigung im Bereich der psychischen bzw. emotional-sozialen Entwicklung” als Voraussetzung für ausgleichende Maßnahmen. Im Abschnitt zu diesen Beeinträchtigungen wird jedoch nur auf die Autismus-Spektrum-Störung eingegangen. ADHS wird nicht explizit angesprochen.

Das war und ist in der Praxis oft ein Problem, so Karin Schmid-Gallistl: “Es ist ein Gummiparagraph. Es gab Schulen, die keine ausgleichenden Maßnahmen zugelassen haben, weil ADHS nicht explizit angeführt wurde.”

MOMENT.at hat in den Landesbildungsdirektionen nachgefragt, ob es explizite Maßnahmen für Kinder mit ADHS gibt. Die berufen sich auf die Regelungen des Bildungsministeriums sowie möglicher neuer Zusätze. Der Tenor: Eine spezifische Nennung von ADHS sei nicht zwingend notwendig. Die Maßnahmen würden “selbstverständlich” umgesetzt, ausgleichende Maßnahmen würden für alle Beeinträchtigungen mit entsprechender Diagnose umgesetzt. In Niederösterreich soll es eine Neuregelung geben, die Schüler:innen mit ADHS explizit berücksichtigt. Sie befinde sich in “finaler Abstimmung”. 

Ausgleichende Maßnahmen für ADHS nur in Wien festgeschrieben

In Wien wurde das bereits geändert und ADHS bei ausgleichenden Maßnahmen gesondert angeführt. Seit dem Frühjahr 2025 gibt es ein Formular, mit dem ganz konkrete Vereinbarungen zwischen Schüler:innen, Schulen und Eltern getroffen werden können. Darin wird genau definiert, in welchen Bereichen Kinder und Jugendliche mit ADHS Unterstützung benötigen und wer welche Aufgaben übernehmen kann. Es ist eine Checkliste, die für Klarheit sorgen soll.

Die Checkliste ist aktuell wegen Überarbeitung offline - und auch sonst verläuft die Einführung offenbar eher holprig.

Leas Schule habe zwar von den neuen Maßnahmen mitbekommen, aber kaum weitere Informationen dazu gehabt, sagt Jakob. “Es war wohl auch der Eindruck da, dass das jetzt zusätzliche Aufgaben nach sich ziehen wird, die das Leben der Lehrkräfte und der Schule schwerer machen.” Johanna und Jakob sprachen die Schule im Herbst mehrfach auf die ausgleichenden Maßnahmen an - ohne wirkliche Rückmeldung. Als Lea eine Schulnachricht bekam, forderten die Eltern Maßnahmen von der Schule ein.

Dabei sind solche Maßnahmen kein Gnadenakt, sondern eine Frage der Fairness - und es würden nicht nur Kinder mit ADHS davon profitieren: “Stehtische in den Klassen. Kopfhörer für alle Kinder, damit es nicht so stigmatisierend wirkt für Betroffene. Lernbüros, damit man sich optisch abschotten kann. Es gäbe sehr viele Möglichkeiten - aber natürlich kostet das alles etwas”, sagt Schmid-Gallistl. Das Beste für Kinder mit ADHS - aber auch für alle anderen - wären viel kleinere Gruppen. Realistisch sei das freilich nicht.

Wie kommt man zu ausgleichenden Maßnahmen?

Um die Maßnahmen in Anspruch nehmen zu können, benötigen Kinder jedoch eine ärztliche Diagnose samt Befund. Die wird zwar von der Krankenkasse übernommen, das kann aber dauern. “Wer innerhalb von vier Monaten einen Termin kriegt, hat Glück. Dann dauert es noch, bis man eine Diagnose erhält. Ein Schuljahr hast du alleine damit meistens schon verloren”, sagt Johanna. Bei Wahlärzt:innen geht das zwar schneller, Familien müssen aber die gesamten Kosten vorstrecken. Die können um die 700 Euro ausmachen, davon bekommt man nicht alles zurück.

Das heißt aber auch: Eltern oder Lehrkräfte müssen erst einmal erkennen, dass ein Kind ADHS haben könnte. Das ist nicht immer so einfach - selbst, wenn man darauf sensibilisiert ist. “Ich habe Psychologie studiert. Aber dass meine Tochter ADHS haben könnte, habe ich erst durch ein Video erkannt. Darin hat ein Experte erklärt, dass ADHS bei Mädchen anders aussieht, als man es von Buben kennt”, sagt Johanna.

Bewusstsein:ja, Wissen: naja

Wie viele andere Erkrankungen äußert sich ADHS bei Mädchen und Frauen anders als bei Buben. Das Klischee des ständig hyperaktiven Zappelphilipps trifft auf sie oft nicht zu. Und auch bei Buben tritt ADHS nicht immer so auf, wie es oft vermittelt wird. Umso wichtiger ist, dass Lehrer:innen ADHS erkennen. Speziell deswegen, weil sich die Symptome in der Schule häufig stärker zeigen als zuhause.

Das bekamen auch Leas Eltern kurz nach der Diagnose ihrer Tochter zu spüren. “Als Corona kam, bemerkten wir ihre Lernherausforderungen deutlich. Dass sie etwa ewig braucht, bis der erste Strich gesetzt ist, dann aber in kurzer Zeit viel mehr geschrieben hat, als wir erwartet haben”, sagt Jakob.

Dass ADHS langsam mehr Aufmerksamkeit bekommt, sei laut Schmid-Gallistl auch auf die Herausforderungen dieser Zeit zurückzuführen. “Durch Corona haben Menschen mit ADHS besonders gelitten. Ihre Symptomatik hat sich verstärkt, psychiatrische und diagnostische Einrichtungen wurden geflutet. Und alle haben sich gedacht: ‘Woher kommen plötzlich die ganzen Leute mit ADHS?’” Modeerscheinung sei ADHS aber auf jeden Fall keine. Vielmehr seien die Menschen stärker darauf sensibilisiert. Auch wenn das tatsächliche Wissen dazu noch zu wünschen übrig lasse.

ADHS in der Schule: Mehr Unterstützung notwendig

Die Neudiagnosen von ADHS haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Das zeigen kürzlich veröffentlichte Daten aus Deutschland. Doch die Zahl der Diagnosen liegt immer noch weit unter dem geschätzten Aufkommen von ADHS in der Gesamtbevölkerung.

ADHS wird sichtbarer, das Bewusstsein um die Herausforderungen damit wird ansteigen. Umso wichtiger wäre es, dass sich Kinder und Eltern in Zukunft auf die Unterstützung durch Schulen verlassen können. Es profitieren alle Seiten davon, wenn Schulen und Betroffene gemeinsam Maßnahmen setzen können: “Dem Kind fällt es leichter, Eltern fällt es leichter, der Schule fällt es leichter. Das ganze System wird entlastet”, sagt Johanna. Mittlerweile sei Leas Schule bemüht - auch wenn das Verständnis darüber, was ADHS ist, zu wünschen übrig lasse.

Die Politik hat erste Schritte gesetzt. Ob die in der täglichen Schulrealität eingehalten werden können, wird sich zeigen.

Hast du Erfahrungen mit ADHS an Schulen, die du mit uns teilen willst? Dann schreib uns gerne an sebastian.panny@moment.at  oder redaktion@moment.at

Du bist selbst direkt oder indirekt betroffen?  Hier findest du Anlaufstellen oder weiterführende Informationen:

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