Marlene Kampelmüller, Personalchefin von Tractive zur 4-Tage-Woche.

Die 31-jährige Marlene Kampelmüller ist Personalchefin bei Tractive. Dort gilt seit Juni die 4-Tage-Woche mit 35 Wochenstunden und vollem Lohn.

Foto: Tractive

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/ 5. August 2022

Tractive in Pasching hat umgestellt: Seit zwei Monaten gilt für alle Mitarbeiter:innen die 4-Tage-Woche mit 35 Stunden - bei vollem Lohn. "Das ist die Zukunft der Arbeit", sagt Personalchefin Marlene Kampelmüller. Welche Risiken ihre Firma eingeht und warum es sich trotzdem lohnt, weniger zu arbeiten, sagt sie im Interview. Das Unternehmen mit 167 Mitarbeiter:innen stellt GPS-Tracker für Hunde und Katzen her und ist führend am Weltmarkt.


MOMENT.at: Wie ist die Idee bei Ihnen entstanden, die Arbeitszeitverkürzung einzuführen? Kam das von Mitarbeiter:innen oder von Ihnen?

Marlene Kampelmüller: Für uns war immer wichtig, unseren Mitarbeiter:innen eine gute Work-Life-Balance zu bieten. Wir machen regelmäßig anonyme Umfragen. Die zeigen: Gerade der jüngeren Generation ist das immer wichtiger. Da wollten wir eine langfristige Lösung. Die 4-Tage-Woche mit weniger Wochenstunden bei vollem Lohn einzuführen, haben wir nicht leichtfertig entschieden. Das Feedback, das wir vom Team bekommen bisher, ist: Sie sind extrem happy damit.


MOMENT.at: Was waren die Gründe dafür zu sagen: Ja, wir machen das! Wir haben keine Angst, dass es uns mehr kostet oder wir die Arbeit nicht bewältigen.

Kampelmüller: Angst ist vielleicht übertrieben. Aber wir hatten schon Risiken im Hinterkopf. Unser Team hat sich zusammengesetzt und die alle niedergeschrieben. Wir haben Studien dazu gelesen. Ganze Länder haben bereits probiert, Arbeitszeitverkürzung mit 4-Tage-Woche einzuführen. Wir haben uns Daten von Unternehmen weltweit angeschaut, die das schon gemacht haben und tauschen uns mit anderen Firmen aus. Wir haben uns sehr detailliert damit befasst. Schlussendlich haben für uns die Chancen überwogen und deshalb trauen wir uns das auch zu.


MOMENT.at: Dann los: Welche Chancen sehen Sie denn mit Arbeitszeitverkürzung und der 4-Tage-Woche?

Kampelmüller: Wir haben gleichzeitig geschaut, wie das Unternehmen produktiver werden kann. Wir wollen, dass unser Team effizient arbeitet und nicht mehr Stunden in der Arbeit verbringen muss. Gewisse Tätigkeiten sind vielleicht gar nicht notwendig, weil die sehr wenig zum Ergebnis beitragen. Wir hinterfragen unsere Meeting-Kultur. Muss immer jede:r dabei sein? Manchmal reicht auch ein E-Mail. Können Besprechungen so gelegt werden, dass kein Leerlauf entsteht?

Die Folge wäre, dass die Mitarbeiter:innen sich wohler und gesünder fühlen, die Krankenstände sinken. Einfach, weil diese drei Tage fast wie ein kurzer Urlaub wirken können. Wir hoffen, damit gute Mitarbeiter:innen lange in der Firma behalten zu können und natürlich auch neue zu gewinnen. Das ist momentan extrem schwierig. Viele Facharbeiter:innen können sich aussuchen, wo sie arbeiten. Die gehen eher zu Arbeitgeber:innen, die auf die Work-Life-Balance achten.


MOMENT.at: Wenn sie Produktivität und Effizienz mit solchen Maßnahmen steigern können, wäre es nicht leicht zu sagen: Okay, das nehmen wir mit, arbeiten aber weiterhin fünf Tage die Woche und machen so mehr Profit?

Kampelmüller: Die Arbeit gerade im IT-Bereich hat sich stark verändert. Man muss überlegen: Soll das Arbeitsmodell von vor 50 Jahren so weitergeführt werden. Wir glauben, dass es besser ist mit 4-Tage-Woche und weniger Stunden. Man hat eine längere Pause, in der man sich gut erholen kann und dann seine Arbeit auch gut macht.


MOMENT.at: Und welche Risiken sehen Sie für Ihr Unternehmen, von denen Sie sagen: Da könnten wir Probleme bekommen durch die verkürzte Arbeitszeit?

Kampelmüller: Was auf der Hand liegt, ist, dass wir die Arbeitszeit verkürzen und die Arbeitstage reduzieren, und dadurch vielleicht nicht denselben Outcome liefern können. Wir sind ein sehr schnell wachsendes Unternehmen. Wir haben uns gefragt, ob das zusammenpasst: Wir wollen wachsen, wir wollen viele Dinge umsetzen und gleichzeitig reduzieren wir die Arbeitszeit. Für uns passt es jetzt aber doch. Wir glauben, dass wir dieselben Ergebnisse in weniger Zeit schaffen.

Ein zweites Risiko, auf das wir geachtet haben, waren mögliche Ängste der Mitarbeiter:inen. Man hat vielleicht das Gefühl, schon jetzt viel Arbeit zu haben und fragt sich, wie man das in vier Tagen und 35 Stunden schaffen soll. Das ist auch berechtigt. Wir besprechen das mit dem Team gemeinsam. Wir versuchen, diesen Druck zu nehmen. Für uns alle ist das ein neues Modell. Wir sind aber sicher, dass es positiv wirkt.


MOMENT.at: Sie sind ein junges Unternehmen, ein sogenanntes Start-up. Ein Stereotyp dabei lautet, Mitarbeiter:innen haben einen hohen Stundeneinsatz, weil die Firma es unausgesprochen oder offen verlangt. Projekte sind intensiv, gerade wenn eine Deadline droht. Haben Sie da Gefahren gesehen, dass Menschen ausbrennen und psychische Probleme bekommen?

Kampelmüller: Ja, es ist sicher einer der Punkte, auf die wir abzielen: Zu schauen, dass die psychische Gesundheit der Mitarbeiter:innen gut ist und das auch bleibt. Es gibt Phasen, in denen Projekte umgesetzt werden, in die viele Arbeitsstunden fließen. Das hat wahrscheinlich jedes Unternehmen und besonders jüngere oder IT-Firmen. Wir haben Mitarbeiter:innen, die sehr leidenschaftlich arbeiten und Dinge auch abschließen wollen. Mit allem, was rundherum in den vergangenen zwei Jahren passiert ist, kann das dazu führen, dass Leute ausbrennen.

Die Corona-Pandemie und was in den letzten Monaten noch dazugekommen ist, war einfach sehr viel für alle. Ich habe das Gefühl, dass wir als Arbeitgeber noch einmal stärker darauf schauen, dass die Teammitglieder gesund sind. Wenn wir merken, es geht jemandem schlecht, oder jemand ist schnell gestresst, wollen wir das so bald wie möglich ansprechen und Lösungen finden.


MOMENT.at: Wie viel Zeit geben Sie dem jetzt, bis Sie sagen: Wir schauen uns an, wie das läuft und ob es sich gelohnt hat. Woran machen Sie fest, dass die 4-Tage-Woche für Sie ein Erfolg ist und beibehalten wird?

Kampelmüller: Wir haben grundsätzlich nicht geplant, das neue Arbeitsmodell nur für einen Zeitraum einzuführen. Der Umstieg war lange geplant und soll bleiben. Natürlich hat man als Unternehmen gewisse Kennzahlen, die man für seinen Erfolg misst. Die beobachten wir sowieso laufend. Dann sehen wir schnell, wenn sich etwas ändert. Schwierig ist, dann zu erkennen, ob sich das wirklich auf die 4-Tage-Woche zurückführen lässt oder etwa mit Lieferengpässen zu tun hat.

Wir werden wir auf jeden Fall von unseren Mitarbeiter:innen bei der nächsten Umfrage ein Feedback einholen. Diese Rückmeldung vom Team wird das zentrale Kriterium sein. Zu sehen, wie das ankommt und ob das auch in Zukunft so positiv bewertet wird, wie wir jetzt glauben.


MOMENT.at: Ist Arbeitszeitverkürzung die Zukunft der Arbeit? Und denken Sie, dass da zu wenig passiert ist in den letzten Jahren? Die gesetzliche Normalarbeitszeit ist seit den Achtzigern nicht gesunken in Österreich.

Kampelmüller: Ja, ich glaube, das ist die Zukunft. Wir sind da ein Vorreiter. Aber in den nächsten fünf bis zehn Jahren wird viel passieren bei Modellen mit Arbeitszeitverkürzung und weniger Wochentagen oder Home-Office und Arbeit von ganz woanders aus. Arbeitszeitverkürzung, Wochen, aber Wochentag, Verkürzung. Ich glaube, dass da sehr, sehr viel passiert. Wie Sie sagen: Die Normalarbeitszeit hat sich nicht reduziert, aber die Tätigkeiten haben sich verändert. Da ist noch wenig passiert. Ich glaube, verschiedenste Unternehmen werden Schritte in die Richtung gehen.


MOMENT.at: Sie haben die 4-Tage-Woche mit 35 Stunden erst vor kurzem eingeführt. Aber spüren Sie bereits eine Veränderung? Kommen mehr Berwerber:innen zu Ihnen, die genau das haben wollen?

Kampelmüller: Ja, das wird in Motivationsschreiben und in Bewerbungsgesprächen oft angeführt als Grund. Die Zahl der Bewerber:innen stieg an, nachdem wir das öffentlich gemacht haben. Das hat einen positiven Effekt. Wir merken das schon.

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