Aus für Pizza-Mopeds: „Das Problem ist die Bezahlung pro Lieferung“

Die meisten kennen sie, die E-Mopeds, mit denen Essenslieferant:innen uns Pizza, Burger, Curry und Co zustellen. Da die als Pizza-Mopeds bekannten Geräte maximal 25 km/h fahren dürfen (auch wenn sie unerlaubter Weise teilweise schneller fahren), zählen sie genauso wie E-Scooter zur „leichten Mobilität“. Damit darf beziehungsweise muss man auf Fahrradwegen fahren – zumindest bislang.
Ab 1. Oktober 2026 ist das vorbei. Alles, was fährt, ohne dass jemand in die Pedale tritt, gilt dann als Kraftfahrzeug. Dafür sorgt eine entsprechende Änderung der Straßenverkehrsordnung, die kürzlich beschlossen wurde.
Schätzungsweise 5.000 Zusteller:innen, die mit Pizza-Mopeds unterwegs sind, stehen damit vor großen Hürden und sogar dem beruflichen Aus. Oft sind die Zusteller:innen junge Männer mit Migrationshintergrund und unsicheren Job-Bedingungen. Die Plattformen wie Foodora und Co stellen die Rider nämlich nicht an, sondern lassen sie nur als freie Dienstnehmer:innen für sich arbeiten. So haben Bot:innen haben kaum Rechte und Schutz.
Was die neue Regelung für die Fahrradbot:innen bedeutet und was es stattdessen bräuchte, erklärt der Arbeitnehmervertreter Robert Walasinski vom „Riders Collective“ im Interview.
MOMENT.at: Was bedeutet die Gesetzesänderung für die Essenslieferant:innen?
Robert Walasinski: Das sie sich neue Fahrzeuge anschaffen müssen, Fahrräder oder E-Bikes. Es wird gerne so dargestellt, dass sie einfach auf der Straße fahren sollen. Aber das funktioniert aus mehreren Gründen nicht. Zunächst braucht es für die Dinger immer eine Einzelgenehmigung, weil die keinen Typenschein haben. Das ist mit Bürokratie und Kosten verbunden. Dazu kommt noch der Führerschein, den es dann bräuchte. Und selbst, wenn das für manche möglich wäre, erlauben weder Foodora noch Lieferando, dass die Lieferant:innen mit Kraftfahrzeugen zustellen.
MOMENT.at: Aus welchem Grund?
Walasinski: Damit würden andere Regelungen schlagend werden. Das Problem ist nämlich, dass die Leute per Lieferung bezahlt werden. Pro Bestellung kriegen sie vier bis fünf Euro. Da kann sich jede:r selbst ausrechnen, wie viel man in der Stunde schaffen muss, damit sich das irgendwie auszahlt. Das führt jedenfalls zu hohem Zeitdruck und Stress und das kombiniert mit Kraftfahrzeugen wäre nicht gerade zuträglich für die Verkehrssicherheit.
MOMENT.at: Die Verkehrssicherheit ist auch das Argument für die neue Regelung. Die E-Mopeds sind im Vergleich zu Radfahrer:innen schnell und massiv. Auf den Radwegen sind sie tatsächlich nicht optimal, oder?
Walasinski: Nein, optimal sind sie nicht auf Radwegen. Wir glauben allerdings nicht, dass es das Problem löst, wenn nun alle auf E-Bikes umsteigen. Die E-Bikes sind nicht viel leichter und auch die man kann tunen, damit sie schneller fahren.
Was nicht angesprochen wird, ist, dass die Radinfrastruktur mittlerweile sehr unter Druck steht. Wenn ich 3.000 Leute habe, die hauptberuflich zustellen, und sie dieselben Radwege nutzen wie Pendler:innen oder Alltagsfahrer:innen, dann wird das irgendwann ein Problem. Und an dem Punkt sind wir nun.
MOMENT.at: Was wären denn eurer Meinung nach bessere Lösungen?
Walasinski: Unser Vorschlag war, wie bei den Lastenrädern die Nutzungspflicht der Radwege aufzuheben. Wer ein Lastenrad hat, muss den Radweg nicht verwenden und kann auch legal am Gürtel fahren, wenn es eng wird.
Außerdem sind vor allem jene ein Risiko, die herumrasen. Das sind aber längst nicht alle, sondern einzelne. Da hätten ein, zwei Monate scharfe Kontrollen ebenfalls einen Effekt gehabt. Die Strafen sind mit über 1.000 Euro sehr hoch. Das hätte sich herumgesprochen und helfen können.
Das eigentliche Problem lösen wir aber nur, wenn wir weg von der Bezahlung pro Stück hin zu einem Stundenlohn kommen. Als die Rider bei Lieferando noch angestellt waren, hatten sie diesen Druck nicht, bei Rot über eine Ampel zu fahren. Die Leute wurden auch entsprechend eingeschult und so weiter. Das fehlt bei freien Dienstverträgen alles. Diese Missstände kann man nicht über die Straßenverkehrsordnung beheben.
(Anm. d. Red.: Lieferando hatte seine Fahrer:innen in Österreich lange Zeit angestellt – im Gegensatz zur Konkurrenz. 2025 hat auch Lieferando alle Fahrer:innen entlassen und lässt sie seither als „freie Dienstnehmer:innen“ für sich arbeiten. Wir haben damals hier darüber berichtet.)
MOMENT.at: Foodora hat jetzt schon angekündigt, dass sie auf Fahrräder und E-Bikes umstellen wollen und schreiben, dass sie gut vorbereitet seien und „keine spürbaren Auswirkungen auf das Erlebnis unserer Kund:innen und Geschäftspartner erwarten“. Die Rider werden nicht erwähnt. Vergisst Foodora nur in der Presseaussendung auf sie?
Walasinski: Sie schicken viele Reminder aus, dass die Umstellung passieren wird. Ich habe mich bei Betriebsrät:innen und aktiven Fahrer:innen erkundigt. Das einzige mir bekannte Angebot ist, dass über ein Partnerunternehmen bei ihnen E-Bikes gemietet werden können – natürlich gegen eine Gebühr. Also nein, sie vergessen nicht nur in der Presseaussendung auf die Fahrer:innen.
Sie haben ja massiv davon profitiert, dass die Leute schnell sind. Die haben das System darauf angepasst. Sie sehen sich aber überhaupt nicht in der Verantwortung für ihre Belegschaft. Sie sagen, dass die nicht Teil des Unternehmens sind und die Rider überall arbeiten können. Im Endeffekt ist das die Definition von „working poor“. Ein Arbeitgeber reicht nicht aus, sondern ich brauche drei verschiedene Plattformen, um über die Runden zu kommen.
MOMENT.at: Was würdet ihr euch von den Plattformen als Arbeitgeber wünschen?
Walasinski: Was wir uns wünschen, ist, dass sie ihren Angestellten - und ich sage bewusst „Angestellte“ – einfach mit Respekt begegnen. Dass sie sie als Arbeitnehmer:innen anerkennen und sich ihrer Pflicht als Arbeitgeber bewusst werden.
Die Plattformen argumentieren, dass die Leute Flexibilität wollen. Aber Flexibilität kann man auch in Anstellungsverhältnissen anbieten. Aber die Unternehmen wollen keine Belegschaft mit Rechten. Und mit einer Anstellung gehen Rechte einher. Da muss sich das Unternehmen darum kümmern, dass die Arbeitssicherheit eingehalten wird; dass die Leute nicht zehn Stunden im Verkehr unterwegs sind; dass sie nicht von Bestellung zu Bestellung gehetzt werden, sondern dass es einen gewissen Schutz gibt für die Arbeitnehmer:innen. Das gibt es ohne Anstellung nicht. Und ohne Anstellungsverhältnisse gibt es auch keine innerbetriebliche Mitbestimmung, weil es keine Betriebsräte gibt. So wird unserer Meinung nach der Kollektivvertrag für freie Dienstnehmer:innen wahrscheinlich nicht funktionieren, der vergangenes Jahr als vermeintliche Lösung gehandelt wurde. Ohne Betriebsrat gibt es nämlich keine Kontrollinstanz, die überprüft, ob der Kollektivvertrag eingehalten wird.
Wir wünschen uns deswegen, dass es in diesem Bereich nur noch Anstellungen gibt. In Spanien ist das beispielsweise mittlerweile durch Gesetze geregelt. Das würde nicht schlagartig alle Probleme lösen, aber es würde Werkzeuge in die Hand geben, um sie lösen zu können. Aktuell ist jeder ein Einzelfall, wo sich jede:r einzeln theoretisch gegen Missstände wehren kann. In der Praxis passiert das aber natürlich nicht.
MOMENT.at: Dafür braucht es die Politik?
Walasinski: Ja. Es gehört verboten, dass man denselben Job mit drei verschiedenen Verträgen anbieten kann: Von Anstellung zum freien Dienstvertrag zu Scheinselbständigkeit. Das fordern wir schon lange.
MOMENT.at: Was würdest du den Fahrer:innen raten?
Walasinski: Sich ein E-Bike zuzulegen. So bitter es klingt, aber wer in dem Bereich weiterarbeiten will oder muss, der soll sich auf jeden Fall ein E-Bike zulegen. Mehr können wir leider nicht empfehlen.
Auf keinen Fall sollte man versuchen, sich durchzuschwindeln. Mit Führerschein und Kennzeichen darf man wie gesagt bei den Plattformen nicht arbeiten. Dann hat man umsonst investiert und ist vielleicht einen Monat später raus. Das Gesetz nicht ernst zu nehmen und einfach weiterzumachen wie bisher kann sehr teuer kommen.
MOMENT.at: Gibt es etwas, das die Kund:innen tun können, die Essen bestellen?
Walasinski: Die Frage wird mir immer wieder gestellt und es ist immer wieder schwierig, sie zu beantworten. Früher hätte ich gesagt, dass die Kund:innen dort bestellen sollen, wo es Anstellungen gibt. Das können wir nicht einmal mehr sagen, weil es keine mehr gibt. Das Einzige, was ich sagen möchte, ist: Bringt den Leuten einfach Respekt entgegen. Seid nett und freundlich, die meisten sind es auch. Und es ist ein harter Job.










