Eine alte Frau und ein Baby in schwarz-weiß

Wie lange wir Zeit haben, um das Leben zu genießen, hängt von unserer Bildung und dem Einkommen ab. Foto: Paolo Bendandi für Unsplash

/ Lisa Wölfl
/ 20. Dezember

Ein armer Mann verliert zwölf Lebensjahre, eine arme Frau neun, gegenüber den DurchschnittsverdienerInnen in Österreich. Dauerhaft und manifest arm sind hierzulande 280.000 Menschen, das entspricht der Bevölkerung von Graz, Österreichs zweitgrößter Stadt. Das sind Menschen, die kaum Ersparnisse haben, Probleme haben, neue Winterschuhe zu kaufen oder die Handyrechnung zu bezahlen.

Von Armut oder Ausgrenzung gefährdet sind sogar 1,6 Millionen Menschen in Österreich - das sind beinahe so viele wie in Wien wohnen. Wer armutsgefährdet ist, verliert im Durchschnitt als Mann 4,2 und als Frau 1,5 Lebensjahre.

Wir haben uns schon angesehen, wie Bildung unsere Lebenserwartung mitbestimmt. Armut hängt ebenfalls damit zusammen, wie lange wir leben und ob wir chronisch krank sind.

Vor allem in der Altersgruppe der 40 bis 64-jährigen besteht ein riesiger Unterschied: 21 Prozent der Menschen mit niedrigem Einkommen haben gesundheitliche Probleme. Bei jenen mit hohem Einkommen sind es nur 4 Prozent. Nun können wir nicht sagen, ob sich die Krankheiten dieser Gruppe auf ihr Einkommen zurückführen lassen oder ob chronisch kranke Menschen in die Armut rutschen.

Tobias Göllner ist Teil der Forschungsgruppe, die sich europaweit angesehen hat, ob Armut krank macht. Die Ergebnisse hat er im Dezember in Wien vorgestellt. Herausgekommen ist unter anderem, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit gibt.

Armut macht krank macht arm

Die Ergebnisse können aber nicht restlos klären, ob Armut krank oder Krankheit arm macht. Allerdings hat Armut auch dann einen Einfluss auf die Lebenserwartung, wenn der Faktor Krankheit hinaus gerechnet wird. Reichtum scheint hingegen nur bis zu einem gewissen Punkt vor Krankheit zu schützen. Wird ein reicher Mensch dann doch krank, so hat sein Vermögen und sein Einkommen keinen großen Einfluss mehr darauf, wann er sterben wird.

Besonders früh und oft sterben Menschen, die keine Wohnung haben. Im Beobachtungszeitraum von 2015 bis 2017 starben 310 Männer in Österreich an Wohnungslosigkeit. Das heißt, dass 310 mehr Männer starben, als nach den Sterberaten der Allgemeinbevölkerung zu erwarten gewesen wäre. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurden 56 Männer ermordet.

Wohnungslose Männer verlieren 20 Jahre

Wohnungslosigkeit verkürzt die Lebenserwartung von Männern um etwa 20 Jahre. Dabei geht es nicht nur um jene, die auf der Straße leben. “Auch die Unterbringung in einer Einrichtung ist nicht förderlich für die Gesundheit. Das wissen wir aus Dänemark”, sagt Matthias Till, der zur Übersterblichkeit von Wohnungslosen in Österreich geforscht hat. Überraschend war, dass Wohnungslose an jeglichen Ursachen häufiger starben als die allgemeine Bevölkerung. “Suchtkrankheiten spielen eine große Rolle, aber auch an Krebs sind Wohnungslose öfter gestorben.”

Lebenserwartung ist kein rein individuelles Thema. Es ist eng verknüpft mit Bildung und Einkommen und damit politisch - mit Fragen der Verteilung und von Chancen. Mit den statistischen Daten kann die Ursache der Verknüpfung nicht restlos geklärt werden. Uns ist aber wohl allen klar, dass schwere körperliche Arbeit oder kalte, feuchte Wohnungen der Gesundheit nicht gut tun.

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