Was ich wirklich denke

/ Lisa Wölfl
/ 22. November

Danja Bidner, 47 Jahre, ist in Ausbildung und Mutter von sechs Kindern. Seit sie arbeitet, hat sie weniger Geld als davor. Wie es ist, wenn der Beitrag zur Klassenkassa einfach zu viel ist und wie es sich anfühlt, mit wenig Geld im teuren Innsbruck zu leben, erzählt sie hier für die Serie “Was ich wirklich denke”.

Ich wollte nie groß Karriere machen. Meine Ziele waren: Haus, Garten, Hund und sechs Kinder. Das mit den Kindern habe ich geschafft. Einfach ist es aber seit meiner Scheidung nicht. Nach vielen Jahren als Vollzeitmama habe ich immer wieder versucht, beruflich Fuß zu fassen. Doch hier in Innsbruck ist die Kinderbetreuung so teuer, dass mir das schlichtweg unmöglich war.

120 Euro für die Klassenkassa

Mittlerweile sind vier Kinder erwachsen und machen ihre Ausbildungen. Meine Neunjährige und mein Zehnjähriger sind aber natürlich weiter auf mich angewiesen.

Ich zahle 1070 Euro für meine 100 Quadratmeter große Gemeindewohnung, dort leben wir zu sechst. In meiner Ausbildungsstelle zur Bürokauffrau verdiene ich netto 1.300 Euro. Dazu kommen noch 300 Euro Alimente und die Familienbeihilfe. Seit einem Jahr habe ich den Ausbildungsplatz und das Einkommen. Dadurch bin ich knapp über den meisten Richtsätzen und kriege keine Beihilfen mehr. Mietzinsbeihilfe, Schulstarthilfe, das fällt alles weg. Dann kommen Ausgaben dazu wie neulich 120 Euro für die Klassenkasse. Wie soll ich das bezahlen?

Weniger Geld und mehr Stress

Wir standen schon mehrmals vor der Delogierung. Zum Beispiel wenn die Familienbeihilfe für meine 18-jährige Tochter einbehalten wird, obwohl wir rechtzeitig die Schulbesuchsbestätigung abgeschickt haben. Das dauert dann Monate zum Bearbeiten. Bei mir häufen sich die Schulden und ich bin mit der Miete im Rückstand. Es ist ein Teufelskreis. Dabei weiß ich, dass ich ein Profi bin, ich kann mit Geld umgehen. Aber ich merke zum Beispiel beim Lebensmittelkauf, dass ständig alles teurer wird.

Im Endeffekt habe ich jetzt weniger Geld und durch meine Arbeit mehr Stress als vorher. Dabei mag ich meinen Job sehr gerne. Drei Tage die Woche arbeite ich in der Diözese in der Presseabteilung, das macht mir Riesenspaß. Montags und freitags hab ich Schule, gerade lerne ich für Buchhaltung II. Ich muss um 7 Uhr aus dem Haus, die Kinder aber erst um halb 8, da muss die Oma einspringen und die Kinder müssen den ganzen Tag betreut werden. Finanziell rechnet sich das nicht.

"Sozialschmarotzerin"

Ich bin wirklich am Überlegen, wie ich weitermachen soll. Die Sache ist: Wenn ich die Ausbildung fertig habe, muss ich erstmal einen Job finden. Beim Bewerbungsgespräch als Mutter von sechs Kindern ist das schwierig. Ich werde ja schon am Amt für mein Leben kritisiert und beleidigt. Ich werde als Sozialschmarotzerin dargestellt. Mir wurde gesagt, ich hätte mir das eben früher überlegen sollen mit den Kindern. Als ob unsere Gesellschaft keinen Nachwuchs bräuchte.

Dabei sieht niemand, was ich wirklich mache. Niemand sieht, wie viel Kraft, Arbeit und Zeit es braucht, um Kinder aufzuziehen. Niemand sieht, was ich als Ehrenamt mache, wie ich mich in der Flüchtlingshilfe engagiere. Viele glauben, ich geh den ganzen Tag ins Kaffeehaus. Dabei kann ich mir das gar nicht leisten.

"Sie sind Tiroler und können nicht mal Skifahren!"

Das ist der nächste Punkt. Mein Freundes- und Bekanntenkreis hat sich auf ein Minimum reduziert, weil die eben ins Theater, was trinken gehen oder mal nach Wien fahren wollen. In Innsbruck kostet eine einzige Fahrt mit den Öffis schon 3,10 Euro. Hier ist alles so teuer, jede Veranstaltung, mir bleibt mit den Kindern gar nichts übrig als zu Hause zu bleiben. Sie sind Tiroler und können nicht mal Skifahren!

Das größte Problem ist, dass wir keine Lobby haben. Niemand steht für uns auf und ich habe keine Hoffnung, dass die Politik sich bald darum kümmern wird, dass unsere Situation besser wird. Wir haben in Tirol schon Schwarz-Grün und nichts ist passiert.

Wir, die Working Poor, sind unsichtbar, wir sind irgendwelche Zahlen in einem Bericht, aber niemand hört unsere Geschichte. Niemand sieht uns ins Gesicht. Deswegen wollte ich meine Geschichte unter meinem echten Namen veröffentlichen. Ich habe mich lang genug geschämt, hab lang genug geschwiegen. Mir reicht es. Ich habe nichts zu verlieren.

Weiterlesen:

  • Mehr zum Thema Working Poor erfährst du in unserem Artikel: "Arm trotz Arbeit"
  • Alle Artikel aus der Serie "Was ich wirklich denke", findest du hier
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