Lisa Zhdanova aus Charkiw

Lisa Zhdanova flüchtete aus Charkiw.

/ 8. März 2022

Lisa Zhdanova war in Charkiw, als Russland begann, die Stadt zu bombardieren. Sie hat es inzwischen aus der Stadt geschafft. "Es gibt keinen sicheren Ort im Land. Jederzeit ist es möglich, beschossen zu werden", sagt sie zu MOMENT. Sie schildert, wie sie flüchtete und wie sie jetzt den dort Eingeschlossenen hilft. "Ich bin mir sicher, dass wir diesen Krieg gewinnen. Egal, wie klein die Ukraine ist und wie groß Russland", sagt die 32-jährige Deutschlehrerin.


Ich komme aus Charkiw, bin jetzt aber in Krementschuk, südwestlich davon. Hier ist es mehr oder weniger sicher. Aber ich weiß nicht, was in einer Stunde passiert, oder morgen. Es gibt keinen sicheren Ort in der Ukraine. Wir haben verstanden, dass es möglich ist, jederzeit beschossen zu werden. Aber psychisch ist das schwer zu begreifen. Plötzlich könnte so eine Rakete in deine Wohnung einschlagen. Du sitzt da und plötzlich fliegt dieses Ding herein.
 
Ich war mit meiner Familie anderthalb Tage in Charkiw unter Beschuss. Wir konnten nicht raus, weil wir kein Auto haben. In unser Haus ist nichts geflogen, aber in ein anderes Haus auf unserem Hof ist etwas eingeschlagen. Es war sehr gefährlich in meinem Bezirk, der im Norden von Charkiw ist. Wir saßen im Badezimmer, denn wir haben keinen Keller und konnten nirgendwo hin. In die Metro-Tunnel konnten wir auch nicht, weil wir zu weit entfernt von der Metro wohnen. Wir saßen einfach da.

Lisa hat gelernt, wie es klingt, wenn die Bomben fliegen

Dort haben wir die ganzen Geräusche der Angriffe gehört. Wir haben schnell gelernt zu verstehen, wie es klingt, wenn in unsere Richtung geschossen wird, und wie die Antwort klingt. Es war schrecklich. Natürlich. Nach einem Tag waren wir so müde davon. Wir hatten Angst, aber irgendwann versteinern die Gefühle. Ich bin zusammen mit meiner Familie: meinen Eltern und meiner Oma. In diesem Monat wird sie 89 Jahre alt. Für sie ist es sehr schwer. Ein Verwandter ist zu uns gekommen und hat uns rausgeholt.

Für die Menschen, die noch dort sind, wird es immer schlimmer. Die Stadt wird aus der Luft bombardiert. Sie hören das die ganze Zeit. Die Russen schießen gezielt auf zivile Objekte und nicht nur auf militärische. Sie schießen in Krankenhäuser, in Kindergärten und einfach in Wohnblöcke. Der größte Bezirk in Charkiw ist immer unter Beschuss, und das ist einfach nur eine Wohngegend. Sie machen die einfach platt. In manche Bezirke kannst du nicht mehr fahren. Menschen können nicht raus, weil sie Angst haben, unter Beschuss zu kommen. Und es gibt Leute, die mit älteren Verwandten in ihren Wohnungen sitzen, die sich nicht bewegen können oder krank sind.

Schuldgefühle, weil sie es aus der Stadt schaffte, andere nicht

Ich hatte große Schuldgefühle, weil ich aus der Stadt fliehen konnte und meine Freunde nicht. Ich war absolut fertig deswegen. Dann habe ich angefangen, Hilfe zu organisieren. Das ist die beste Psychotherapie für mich. Ich versuche jetzt, die Menschen miteinander in Kontakt zu bringen: Also wer braucht Hilfe und wer bietet Hilfe an? In Krankenhäusern fehlen Medikamente, immer mehr Apotheken sind geschlossen. Es gibt viele heldenhafte Menschen, die mit ihren Autos die Menschen evakuieren. Sie fahren in heiß umkämpfte Orte wie Charkiw. Sie bringen Hilfsgüter und holen dann auf dem Weg zurück die Menschen raus. Sogar aus Deutschland kommen Menschen mit ihrem eigenen Auto. Sie kommen aus einem Land in Frieden in diese gefährlichen Orte. Das ist unschätzbar.
 
Das Einzige, woran ich in diesem Leben noch glaube, ist unsere Armee. Ich hoffe, nein, ich bin mir sicher, dass wir diesen Krieg gewinnen. Egal, wie klein die Ukraine ist und wie groß Russland. Die russische Armee ist nicht so motiviert wie unsere. Wir wissen, warum wir hier sind: Wir schützen unser Land. Es ist wichtig, dass viele Staaten jetzt Waffen und Hilfe liefern. Wir sind alle aufgewacht. Endlich. Russland wird nicht mit der Ukraine aufhören. Putin wird nicht aufhören. Wenn er sich die ganze Ukraine schnappt, dann – Entschuldigung – seid ihr die Nächsten. Das versteht die Welt jetzt. Wir wussten, dass Russland jetzt das ganze Land angreifen kann. Obwohl der Krieg schon acht Jahre dauert, konnte ich bis zum letzten Moment nicht glauben, dass das passiert. Ich möchte mein Land nicht verlassen. Ich könnte nicht woanders leben. Sobald das hier vorbei ist, werden wir alle zurückkehren und Charkiw wieder aufbauen – Stein für Stein.
 

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